Was haben das FBI und RWE gemeinsam? Nun, beide haben nach außen hin gerne eine weiße Weste. Was aber, wenn die Einträge zu dem amerikanischen Geheimdienst und dem deutschen Energiekonzern in der freien Online-Enzyklopädie hässliche Flecken aufweisen? Kein Problem, schließlich steht das Mitmach-Lexikon jedem offen. Da lässt sich doch bestimmt einiges heimlich aufpolieren
Dumm nur, dass der amerikanische Student Virgil Griffith jetzt eine Software entwickelt hat, die Licht in solche Wikipedia-Manipulationen bringt: Mit Hilfe des "Wikiscanners" können Änderungen auf simple Weise den Rechnern von Unternehmen und Organisationen zugeordnet werden, von denen aus diese Zugriffe ausgingen.
Und so dauerte es nicht lange, bis die Internet-Community mithilfe der neuen Software die Sünder enttarnte. Das Online-Magazin "Wired" hat eine lange Liste verdächtiger und komischer Veränderungen veröffentlicht. So wurde von einem Rechner der israelische Regierung aus ein Eintrag über die Mauer in den palästinensischen Gebieten massiv verstümmelt.
Kurzsichtigkeit auch dort, wo man sie vielleicht nicht vermuten würde: Aus dem Netz des FBI wurde der Versuch unternommen, Teile des Artikels über das US-Gefangenlager Guantanamo zu entfernen. Der Ölkonzern Chevron-Texaco löschte offenbar einen kompletten Artikel über Biodiesel.
Mitarbeiter des amerikanischen Wahlmaschinenherstellers Diebold wollten von Skandalen und Sicherheitslücken nichts mehr in der Wikipedia sehen und entfernten die kritische Stellen über die Produkte des Unternehmens. Dabei findet sich der Konzern in illustrer Gesellschaft: Aus dem Unternehmensnetzwerk von Sony wurden kritische Passagen über die eigene Kopierschutzsoftware (DRM) entfernt - genau wie bei Disney.
Von Wal-Mart-Computern aus wurde die Behauptung, Mitarbeiter des Unternehmens verdienten im Schnitt 20 Prozent weniger als die Angestellten anderer Supermärkte, durch eine andere ersetzt: Wal-Mart zahle im Schnitt fast das Doppelte des Mindestlohns. Das stimmt - allerdings nur, wenn die Gehälter der Führungskräfte in die Rechnung einfließen.
Microsoft-Mitarbeiter löschten offenbar eine Passage über Fehler in der Xbox 360 und verfälschten Informationen zum Open-Source-Programmierer Eric S. Raymond. Aber kleine Sünden straft das Internet sofort: Von Rechnern des Konkurrenten Apple aus wurde der Wikipedia-Artikel über Microsoft ins Negative verändert.
Fleißig bei den Manipulationen waren auch deutsche Firmen. So gab ein anonymer Benutzer sein detailliertes Wissen über Radionuklide und die Notstrom-Dieselgeneratoren im Kernkraftwerk Biblis online preis. Sein Artikel schloss mit den Worten: "Das Kraftwerk Biblis ist ein Meilenstein in punkto Sicherheit." Der Benutzer mit der IP-Adresse 153.100.131.14 muss es wissen: Die Adresse gehört zum Netz des Kraftwerkbetreibers RWE.
Harmlos war hingegen, was ein CIA-Mitarbeiter anonym in die Wikipedia geschrieben hat. Er arbeitete an einem Artikel über die Vampir-Fernsehserie "Buffy" mit. Und zum britischen Nachrichtensender BBC führt eine weitere Spur. Der unbekannte Autor verpasste dem Ministerpräsidenten Tony Blair einen ordentlichen Wodka-Rausch beim EU-Gipfel.
Die Entlarvungen zeigen dennoch: Die Wikipedia-Idee der Kontrolle des Inhalts über das "Prinzip der vielen Augen" funktioniert. So gut wie alle Manipulationsversuche wurden binnen Minuten von Wikipedia-Nutzern wieder rückgängig gemacht.
