Können wir Bildern noch trauen?
Das konnte man noch nie. Bildmanipulation ist so alt wie die Kunst und die Fotografie. Wir wissen also längst, dass wir Bildern nicht trauen können. Das digitale Zeitalter macht Fälschungen aber einfacher und schwerer zu entdecken.
Welche Fälschungen wären früher nicht möglich gewesen?
Nehmen wir als Beispiel ein manipuliertes Bild mit Lady Di. Zu sehen war, wie sie ihren Freund el-Fayed küsst. Ein Vergleich mit dem Original zeigt aber, dass dessen Kopf gespiegelt wurde, um eine größere Intimität vorzutäuschen. Denn eigentlich schaute el-Fayed in die Ferne.
Wie kann es sein, dass wir derart plumpe Fälschungen auf den Leim gehen?
Unser visueller Sinn versucht uns immer wieder davon zu überzeugen, dass das, was wir auf Bildern sehen wahr ist. Wenn ich ein manipuliertes Bild sehe, signalisiert es mir sogar gegen besseres Wissen: Ich bin echt.
Welche Arten von digitaler Bildfälschung gibt es?
Das zeigt zum Beispiel das Bild aus einer Broschüre der Landesregierung Thüringen mit Ex-Kanzler Helmut Kohl und Ex-US-Präsident Bill Clinton. Im Original ragte im Hintergrund aus der Menschenmenge ein politisch für nicht opportun gehaltenes Protestplakat hervor. Dieses wurde für die Broschüre entfernt, in dem man einige Zuschauer digital über das Plakat kopierte, die nicht individuell erkennbar, rechts neben dem Demonstrant standen. Eine protokollarische Retusche, die die Aussage des Bildes nicht zerstört. Es gibt aber auch jenes Bild, das nach dem tödlichen Bombenattentat in Theben vor zehn Jahren gemacht wurde. Zu sehen war ursprünglich der Tatort nach der Reinigung. Ein Schweizer Boulevardblatt zeigte es Tage später mit einem kleinen Unterschied in der Farbgebung. Eine Wasserpfütze wurde ein bisschen rot eingefärbt und damit zur Blutlache. Dadurch passte das Bild zur Überschrift: "Ein Land wie im Krieg".
Wie kann aus Wasser am PC einfach Blut werden?
In den Bildbearbeitungsprogrammen sind verschiedene Algorithmen und mathematische Formeln hinterlegt. Dadurch ist es zum Beispiel jedem Laien möglich, Teile des Fotos zu selektieren und in der Farbe zu ändern. Das geht demnächst wahrscheinlich sogar noch viel einfacher.
Zum Beispiel wie?
Ich demonstriere das in meinem Buch an drei Bildern. Auf dem einen ist grün schimmerndes Wasser zu sehen, auf dem anderen zwei Kinder im Swimmingpool, auf dem dritten ein schwimmender Bär. Am Ende sind die Kinder im Meer zu sehen - mit dem Bär in bedrohlicher Nähe. Sie müssen dem Programm nur per Mausklick sagen, welche Bildteile sie wo haben wollen. Es setzt sie dann automatisch zu einem neuen Bild zusammen.
Welche Techniken zur Schönheitskorrektur kommen demnächst?
Microsoft beispielsweise entwickelt gerade ein Programm namens Groupshot. Es soll das Problem lösen, dass bei Gruppenfotos immer einer unschön dreinsieht. Mit Groupshot machen Sie mehrere Bilder von der Gruppe. Und hinterher nehmen sie von jeder Person das Gesicht, das ihnen am besten gefällt. Die schönsten Gesichter können Sie dann zu einem Bild zusammenmontieren. Auch die automatische Gesichtsverschönerung kommt. Dabei werden die Proportionen im Gesicht von Menschen so angepasst, dass sie einem Schönheitsideal näher kommen, die Person aber trotzdem erkennbar bleibt.
Ist das noch ein Foto?
Die Kamera macht kein Foto im eigentlichen Sinn mehr, gibt nicht die physikalische Realität wider, sondern etwas Geschöntes, Bearbeitetes.
Wie kann ich Wahrheit und Fälschung unterscheiden?
Eine gute Manipulation ist mit bloßem Auge nicht erkennbar. Umso wichtiger ist es, sich beim Betrachten zu überlegen: Was macht denn das Bild mit mir? Was war die Absicht des Fotografen? Rationalisieren Sie die Botschaften des Bildes, statt es nur emotional wirken zu lassen. Das bedingt auch, dass wir mehr denn je genauer hinschauen müssen.
Mit Oliver Deussen sprach Michael Nardelli
Oliver Deussen ist Professor für Informatik an der Uni Konstanz. Er beschäftigt sich unter anderem mit der fotorealistischen Bilderzeugung und Verfahren zur Manipulation von Fotos.
Zu diesem Thema hält Deussen morgen im Hörsaal A 7802 der Universität Konstanz einen Vortrag, Beginn 17 Uhr. Außerdem hat er dazu im Spektrum Verlag ein Buch veröffentlicht. (ISBN 978-3827419002)
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