Kulturkampf um Handschriften und ein Schloss [0]
Schloss Salem im Bodenseekreis: Kann es wirklich nur erhalten werden, wenn das Land wertvolle Handschriften auf den Kunstmarkt wirft?
Es sollte so geräuschlos wie möglich über die Bühne gehen. Die Fachbeamten des Finanz- und des Staatsministeriums hatten mit dem Haus Baden die vermeintliche Quadratur des Kreises ausgehandelt - ein gutes Geschäft für alle und das Ende eines seit 1919 ungeklärten Rechtsstreites zwischen dem Markgrafen und Baden-Württemberg: Das Land erhält Kulturgüter, die seine Museen ohnehin beherbergen. Und Bernhard von Baden bekommt die Erlaubnis, Teile seines Kulturbesitzes zu veräußern. In der Haushaltsstrukturkommission holte sich Ministerpräsident Günther Oettinger das Okay des liberalen Koalitionspartners. Die CDU-Fraktion nickte auf ihrer Klausurtagung in Brüssel ab. Nun hagelt es Kritik. Von allen Seiten. Und immer lauter. Die mitregierende FDP wird von Zweifeln befallen und will ihre Zustimmung nur aufrechterhalten, wenn dies "das letzte Mal" sei. Der in der Gewerkschaft Verdi organisierte Verband deutscher Schriftsteller äußert sich "entsetzt" darüber, dass "die bedeutendsten Zeugnisse der Dichter und Denker versetzt werden, um ein marodes Adelshaus finanziell zu unterstützen". Die Versteigerung "unserer sprachlichen Wurzeln" sei das "völlig falsche Signal in Zeiten mangelnder Deutschkenntnisse und verheerender Pisa-Ergebnisse". Auch wenn diese Begründung humoristische Züge trägt: Der Verkauf der Handschriftensammlung wird allenthalben als eine kulturelle Katastrophe erachtet. Der Karlsruher Bürgermeister Heinz Fenrich, ein Parteifreund Oettingers, warnte beim Festakt zum 200. Jahrestag der Erhebung Badens zum Großherzogtum vor dem "Ausverkauf badischen Kulturgutes". Soviel Applaus bekam keiner. Die SPD im Landtag will nun das in die Wege leiten, was die CDU/FDP-Landesregierung zu vermeiden suchte: Die rechtliche Klärung der Eigentumsverhältnisse. Den Grünen ist es eine "unerträgliche Vorstellung, dass unschätzbare Handschriften aus tausendjähriger Kulturgeschichte des Landes der Öffentlichkeit entzogen und in privaten Tresorschränken verschwinden sollen". Es zeuge von einer "beispiellosen Unverfrorenheit" des Hauses Baden, rund 300 Millionen Euro in Rechnung zu stellen und so zu tun, als sei die Forderung nach 70 Millionen eine faire Gegenrechnung. Die Kritik der Abgeordneten Renate Rastätter und Gisela Splett fällt schon deshalb scharf aus, weil sie Karlsruhe im Landtag vertreten. Aber auch, weil die Landesbibliothek nicht nur ein Show-Room antiker Bücher ist, sondern eine einzigartige Forschungseinrichtung. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) überweist zur Katalogisierung und Erforschung mehrere zehntausend Euro jährlich. Nach Meinung der Grünen würde die Badische Landesbibliothek auf den Status einer - wenn auch mit zwei Millionen Bänden stattlichen - wissenschaftlichen Gebrauchsbibliothek reduziert. Das befürchtet auch Direktor Peter Michael Ehrle für die ehemalige Großherzogliche Hofbibliothek. Beinahe wären die Handschriften ins Weltkulturerbe aufgenommen worden. Nun das. So leicht könnten 70 Millionen Euro nicht erlöst werden, meint Ehrle. Dazu müsste die gesamte alte Sammlung verkauft werden. An eine von Oettinger angekündigte "Baden-Klausel", wonach Kunst- und Kulturschätze von besonderer Bedeutung für den badischen Landesteil nicht veräußert werden dürfen, glaubt Ehrle nicht. Was soll die unabhängige Expertenkommission denn ausnehmen? Ehrle hält einen Vergleich parat: Vor zwölf Jahren zahlte das Land für mehr als 1200 mittelalterliche Handschriften aus der Fürstlich-Fürstenbergischen Sammlung rund 25 Millionen Euro - damals eine Art Freundschaftspreis der Donaueschinger, die unter Geldnot litten. Im Fall Baden seien also gut 3000 Handschriften nötig, um 70 Millionen Euro flüssig zu machen. Ehrle fürchtet einen "ungeheuren Imageschaden". Der scheint sich schon eingestellt zu haben. Norbert H. Ott rechnet in der "Süddeutschen Zeitung" wüst mit der "Teppichhändlermentalität" der Geschäftspartner ab. Eine solche Bibliothek sei ein "Gedächtnisspeicher", der sich erst durch den Mix aus Erlesenem und Alltäglichem zum Profil einer Epoche füge. Finanzkräftige Käufer wie das Getty-Museum Los Angeles aber pickten die Preziosen heraus und ließen den Rest "im Warenkorb". Schloss Salem oder die Bilder Baldung Griens oder Cranachs aufzurechnen, wie es Markgraf Bernhard tue, dokumentiere "totale Ignoranz". Dies sei ein "dreister Versuch der Veruntreuung" des der öffentlichen Hand anvertrauten Erbes. Scharf polemisiert Autor Ott auch gegen die optimistische Erlös-Rechnung: "Hoheit und ihr willfähriger Vasall auf dem Stuhl des baden-württembergischen Ministerpräsidenten werden sich noch sehr wundern, wenn sie auf ihrer der öffentlichen Nutzung entwendeten Beute sitzen bleiben." Denn gut 3500 auf einen Schlag angebotene Codices würden den Markt "hoffnungslos verstopfen". Geräuschlos, soviel ist sicher, werden Oettinger und der Markgraf das Thema nicht mehr erledigen können. |


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