09. September 2010
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Kultur

„… und ich werde auch in Wien sterben“

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Interview Stefan Vladar

Der Wiener Pianist und Dirigent Stefan Vladar ist Artist in Residence des Bodenseefestivals. Chopin und Schumann hält er für missverstandene Komponisten

1985 haben Sie als erster österreichischer Teilnehmer den Beethoven-Wettbewerb in Wien gewonnen. Waren denn die Österreicher bis dato nicht reif für die Wiener Klassik?

Das kann man natürlich so nicht sagen. Es war halt ein Zufall. Für mich war es spannend, weil ich als 19-Jähriger einfach nur dort hingegangen bin, eigentlich weil es in Wien war und ich nicht anreisen musste. Aber ich habe mir keinerlei Chancen ausgerechnet, weil der Wettbewerb zum damaligen Zeitpunkt eine große Bedeutung hatte.

War Ihr Zugriff auf Beethoven ein anderer als der Ihrer Konkurrenten etwa aus der damaligen Sowjetunion?

Einen anderen Zugriff – das weiß ich nicht. Aber wir legen in unserem Ausbildungssystem schon einen Schwerpunkt auf die Wiener Klassik, weil wir meinen, dass das die Basis für jeden Musiker ist: Wer mit Mozart, Beethoven, Haydn und Schubert umgehen kann, der wird auch mit Rachmaninow und Tschaikowsky keine Probleme haben. Wenn man die Noten des Klavierkonzerts von Rachmaninow spielen kann, dann hat man 95 Prozent der Arbeit bereits erledigt. Wenn man bei Mozart die Noten spielen kann, hat man fünf Prozent der Arbeit erledigt. Allerdings gewinnen unsere Leute keine Wettbewerbe, weil man mit Mozart und Beethoven eben keine Wettbewerbe gewinnt, sondern dann doch mit den Virtuosen, mit Tschaikowsky, Rachmaninow und Chopin.  

Wie kamen Sie zum Klavier?

Meine beiden Brüder, die älter sind, haben schon Klavier gelernt als Kinder, und ich habe dann mit fünf einen großen Terror in der Familie veranstaltet, dass ich das auch machen darf. Ich weiß noch, dass unsere Klavierlehrerin keinen Platz mehr für mich hatte. Mein Bruder Wolfgang hat dann gesagt, ihm sei es wurscht, er macht das eh nicht so gern, er lernt Geige. Und dann war der Platz frei für mich bei der alten Dame. Sie hieß Zenzi Wunderer. Später wurde sie dann Professor, was man in Österreich wird, wenn man ein gewisses Alter erreicht. Dann hat sie sich nicht mehr Zenzi genannt, weil Professor Zenzi… Sie hieß dann Professor Kreszentia Wunderer. Ihr verdanke ich insofern viel, als sie gesagt hat, ich muss weg von ihr. Sie wollte sich nicht schmücken mit mir, sondern wollte, dass ich eine gute Ausbildung bekomme. Ich bin dann an die Musikakademie gekommen, wo es eine Kinderklasse gab. Ich gehe in diesem Haus, wo ich jetzt Professor bin, seit 36 Jahren aus und ein.

Sie sind also in Wien geboren, in Wien aufgewachsen, Sie sind in Wien in die Kinderklasse gegangen, Sie haben in Wien studiert…

Das ist das Langweiligste, was es gibt. Ich werde in Wien sterben.

Was hat Sie vom Klavier ans Dirigentenpult getrieben?

Das weiß ich eigentlich nicht genau. Ich kann nur sagen, dass wir als Kinder auch immer in Orchesterkonzerte gegangen sind und mein Vater sehr gerne Orchestermusik gehört hat. Wir sind aufgewachsen mit den Mahler-Symphonien, mit den Bruckner-Symphonien, Strauss-Tondichtungen, das war so unser tägliches Brot. Wahrscheinlich hat das in mir diesen Virus eingepflanzt, und ich habe dann irgendwann, 1991 glaube ich, meine Position als Leiter eines kleinen Festivals ausgenützt, habe mir ein Orchester engagiert und denen gesagt, ich werde es dirigieren. Da war ich 26 Jahre alt.

Wo fühlen Sie sich denn inzwischen wohler, als Pianist oder als Dirigent?

Ich glaube, wenn ich das Dirigieren nicht hätte, wäre ich ein unglücklicher Pianist. Weil ich das Dirigieren aber habe, bin ich ein glücklicher Pianist. Und wahrscheinlich wäre ich auch ein unglücklicher Dirigent, wenn ich nur dirigieren würde. Hin und wieder selbst Töne produzieren, ist schon auch eine schöne Tätigkeit.

Schumann und Chopin stehen im Mittelpunkt des Bodenseefestivals. Was sind da Gemeinsamkeiten, was trennt sie?

Gemeinsam ist ihnen, dass sie beide missverstanden werden. Chopin als Salonkomponisten abzutun, wird ihm nicht gerecht. Er ist einer der ausgetüfteltsten Arbeiter an der Musik. Das ist intellektuelle Musik, das ist volkstümliche Musik, das ist fantastische Musik im Sinne von Fantasie. Der Schumann ist das natürlich auch alles, aber in einer ganz anderen Welt. Vor allem in seinen frühen Stücken ist das die romantische Welt des E.T.A. Hoffmann mit den verrückten Phantastereien. Aber auch er wird missverstanden. So werden die Sinfonien oft abschätzig betrachtet. Ich kann das zwar nachvollziehen, aber ich kann es nicht bestätigen. Ich finde, das sind ganz großartige Meisterwerke, die natürlich, wie viele große Meisterwerke, nicht ganz fallenfrei sind.

Chopin mochte Schumanns Musik nicht so besonders. Hat er ihn auch missverstanden?

Den Schumann haben damals viele missverstanden. Er war zwar ein sehr anerkannter Mann, aber er war für das Falsche anerkannt. Wenn man sich vorstellt, dass Beethoven mit seinem schlechtesten Stück am meisten Geld verdient hat...

Welches Stück meinen Sie?

„Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria“, ein unfassbar schlechtes Machwerk. Aber er hat Geld verdient. Die Leute haben anderes gewollt als die Komponisten selber. Ein Komponist, der Neues schaffen will, muss natürlich damit leben, dass er missverstanden wird. Auch Schumann. Sogar seine eigene Ehefrau, die Clara, hat seine Stücke zusammengekürzt.

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