KulturFolter in Höchstkultur [0]
Linda Watson als Elektra sinnt auf Rache.
Und wieder stirbt Elektra. Auf Herbert Wernickes Bühne tut sie es ganz unspektakulär. Linda Watson muss sich nur von ihrem schrägen Podest rollen und weg ist sie. Aber in der Musik tobt es. Die letzten Worte gehören der Schwester Chrysothemis. Vielmehr die letzten Schreie, als Elektra mitten im orgiastischen Triumphtaumel zusammenbricht. Es dauert eine ganze Weile, bis das benommene Publikum wieder zu sich kommt, bis die ersten Jubelrufe im Festspielhaus Baden-Baden in einen allgemeinen Begeisterungssturm münden. Der gilt zuallererst Christian Thielemann und seinen Münchner Philharmonikern, die Richard Strauss' „Elektra“ während der Baden-Badener Winterfestspiele zum Triumph machten. Dabei dauerte es eine ganze Weile, bis Thielemanns Interpretation tatsächlich ihre komplette Wirkung entfaltet hatte. Zunächst wirkt das Orchester leicht distanziert, man ärgert sich über die textunverständliche Artikulation in der Mägdeszene. Elektras ersten Monolog, den Daniele Gatti in seiner aktuellen Zürcher Interpretation vielgestaltig und fast als eine „Elektra“ en nuce exponiert hatte, lässt Thielemann beinahe ungerührt vorüberziehen. Dabei klingt alles durchaus geschliffen. Jedes Detail sitzt, die Streicher glänzen, das Blech funkelt, die Tempi sind stets flüssig. Nur wo bleibt die hysterisch überreizte Stimmung nach dem Königsmord an Elektras Vater Agamemnon? Darf das Orchester da überhaupt noch auf Hochglanz poliert werden? Doch was zunächst wie eine allzu glatt gebügelte „Elektra“ klingt, erweist sich schließlich als bewusst eingesetzte Ökonomie der Mittel. Thielemann gelingt es, einen durchgängigen Spannungsbogen über das 2-Stunden-Stück zu legen. Wie ein riesiges Crescendo. „Man injiziert das Gift schubweise, in kleinen Dosen, erst beim dritten Mal reicht es zum Sterben. Das ist Folter in Höchstkultur!“ So Thielemann in einem Interview, mehr auf den „Tristan“ bezogen. Aber treffender lässt sich sein Interpretationskonzept auch der „Elektra“ kaum umschreiben. Und wie ihm diese Injektion auf Raten gelingt, das hat das Format eines Meister-Toxikologen. Das ist nämlich nicht einfach eine Frage zunehmender Dynamik, sondern ganz grundsätzlich des Umgangs mit einem riesigen Orchesterapparat mit mehr als 100 Musikern. Tatsächlich gelingen Thielemann einige der größten Spannungsmomente im absoluten Pianissimo. Etwa wenn Klytemnästra (Jane Hentschel) von ihren Alpträumen erzählt. Auch wenn sich Orest und Elektra begegnen, dreht Thielemann erst dann auf, wenn Elektra ihren Bruder wiedererkennt. In diesem Moment aber löst sich auch ihre Spannung. Der totgeglaubte Bruder ist zurück, Elektra wiegt sich in seligem Glück. Und so entspannt und wiederum sehr leise wie bei Thielemann klingt das wohl selten. Großartig. Nach dem aufsehenerregenden „Rosenkavalier“ im vergangenen Winter hat Baden-Baden den von München scheidenden Christian Thielemann ein weiteres Mal mit einer Strauss-Oper in einer Inszenierung des 2002 verstorbenden Regisseurs Herbert Wernicke verpflichten können. Auch künftig soll Thielemann in Baden-Baden präsent bleiben. Nächstes Jahr mit sämtlichen Brahms-Sinfonien. 2012 ist Strauss' „Ariadne“ geplant (mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden wird derzeit verhandelt) und für das Wagner-Jahr 2013 der „Ring“. Wenn Thielemann erst einmal in Dresden angekommen ist, werden die Engagements in Baden-Baden für den Südwesten zur seltenen Gelegenheit, den genialen Strauss- und Wagner-Interpreten live zu erleben. Ob es immer eine Wernicke-Inszenierung sein muss, sei dahingestellt. Die „Elektra“ allerdings besticht durch Reduktion. Mit wenigen Bühnenelementen, Licht und einer klaren Farbdramaturgie setzt Wernicke einige deutliche Akzente und lässt den Sängern ansonsten ihren Raum. Den nutzen Linda Watson (Elektra) und vor allem Jane Hentschel (Klytämnestra) zur differenzierten Ausgestaltung ihrer Partie, ohne sich darstellerisch groß in Bewegung setzen zu müssen. Manuela Uhl als Chrysothemis überzeugt mit klangfrischem Sopran und Albert Dohmen als zum Rachemord entschlossener Orest. Erstaunlich kernig wirkt auch noch der Tenor des 72-jährigen René Kollo in der Rolle des Ägisth. Auch sängerisch macht diese „Elektra“ Freude. Elisabeth Schwind Weitere Aufführung: 4. Februar, 20 Uhr. – Die Winterfestspiele dauern noch bis zum 7. Februar. Infos und Karten:
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