KulturDer US-Film „Precious“, diesjähriger Oscar-Favorit, wird hierzulande nicht gezeigt [0]
Hat in Deutchland offenbar keine Chance: der mit Stars wie Mariah Caray und der TV-Komikerin Mo'Nique besetzte US-Problemstreifen „Precsious“. Hier das Plakat zum Film.
Es ist jedes Jahr das Gleiche: spätestens ab dem Jahreswechsel dreht sich in der Filmbranche alles um das Thema Oscar. Wer diesbezüglich hierzulande mitreden möchte, braucht wie immer noch ein wenig Geduld. Doch bis zur Oscar-Verleihung am 7. März wird auch das deutsche Publikum von „Up in the Air“ mit George Clooney über das Musical „Nine“ bis hin zu Clint Eastwoods „Invictus“ den Großteil der aktuell als Favoriten gehandelten Filme auf der Leinwand gesehen haben. Mit einer Ausnahme – denn zumindest das hoch gehandelte Drama „Precious“ wird es wohl nicht in die hiesigen Kinos schaffen. „An den traut sich in Deutschland schon seit einem Jahr keiner ran“, berichtet der PR- und Pressechef eines deutschen Filmverleihers, der seinen Namen in diesem Zusammenhang nicht genannt wissen möchte. Genau wie in seiner haben auch in zahlreichen anderen Filmfirmen diverse Entscheidungsbefugte „Precious“ gesichtet, seit der kleine, unabhängig auf die Beine gestellte Film im Januar 2009 beim Festival von Sundance nicht nur den Jury-, sondern auch den Publikumspreis gewann und vier Monate später auch noch eine glanzvolle Premiere in Cannes feierte. Dazu durchringen, ihn für den deutschen Markt zu kaufen, konnte sich bislang allerdings niemand. Obwohl der Preis, wie man in Insiderkreisen hört, selbst nach rekordverdächtigen Einspielergebnissen beim US-Start im November nicht besonders hoch liegen soll. An der Qualität des Films, der auf dem Roman „Push“ der Schriftstellerin Sapphire basiert und kürzlich bereits für drei Golden Globes nominiert wurde, liegt dieses geringe Interesse sicherlich nicht. Ohne Frage gehört „Precious“ nämlich zu den faszinierendsten Filmen des Jahres 2009. Wenige Geschichten haben zuletzt bleibenderen Eindruck hinterlassen auf Zuschauer und Kritiker als diese von einem schwarzen, kaum gebildeten Teenager-Mädchen, das vom Vater geschwängert und von der Mutter körperlich wie seelisch misshandelt wird und erst dank einer Lehrerin die Chance auf ein besseres Leben bekommt. Regisseur Lee Daniels und seine Darstellerinnen – die famose Newcomerin Gabby Sidibe als Precious, TV-Komikerin Mo'Nique in einer wahrlich erschreckenden Performance als monströse Mutter und sogar Pop-Superstar Mariah Carey als graumausige Sozialarbeiterin – verstehen ungewöhnlich viel von emotionaler Wucht, doch trotz eines kleinen Hoffnungsschimmers am Ende des Films ist „Precious“ mit seinem drastischen Blick auf das soziale Elend der Wohnprojekte im New Yorker Bezirk Harlem 1987 alles andere als „Gute-Laune-Kino“. Genau das aber, so der besagte Filmverleih-Mitarbeiter, sei dieser Tage gewünscht: „Das gilt vor allem für die kleinen Programmkinos, die sich an ein anspruchsvolleres Publikum richten. Die spielen nur noch Wohlfühl-Filme, französische Komödien oder hochkarätige deutsche Produktionen. Sobald eine Geschichte den Stempel ‚Sozialdrama' hat, lässt jeder, der Geld verdienen will, lieber die Finger davon.“ Nicht einmal mehr etablierte Filmemacher wie Ken Loach sind gegen diesen Trend gefeit: nachdem dessen „It's A Free World“ in Deutschland an den Kinokassen baden ging, wurde der Nachfolger „Looking For Eric“ auf Teufel komm raus als Liebesgeschichte statt als Arbeiterklassen-Komödie vermarktet. Von brutaler Not und Armut oder einfach nur fremden Milieus möchte zurzeit anscheinend niemand etwas hören – außer sie kommen in Märchenform à la „Slumdog Millionär“ daher. Und dann ist da natürlich noch die Sache mit der Hautfarbe. Das größte Hindernis für „Precious“ scheinen nämlich seine Protagonisten zu sein: „Selbst wenn der Film eine witzige Liebesgeschichte wie ‚(500) Days of Summer' erzählen würde, hätte ihn hier wohl niemand gekauft, solange die Hauptdarstellerin ein dickes, schwarzes Mädchen ist“, meint zumindest der Verleih-Pressechef. Prinzipiell kommen viele Filme, die in den USA vor allem ein afroamerikanisches Publikum ansprechen, nicht in Deutschland ins Kino. Niemand könnte davon besser ein Lied singen als „Precious“-Koproduzent und Filmemacher Tyler Perry, der in seiner Heimat in den letzten Jahren hunderte Millionen Dollar verdient hat, während bei uns seine Filme meist nicht einmal auf DVD erhältlich sind. Doch nicht nur Mainstreamware wie seine Familienfilme und Komödien hat in Deutschland einen schweren Stand, sondern anscheinend auch gehobenere Arthouse-Filme wie „Precious“. „Wenn Will Smith oder Denzel Washington mitspielen, ist es kein Problem. Aber bei allem anderen wird es schwierig“, erklärt der Insider. „An die Marketing-Kampagne aus den USA lässt sich kaum anknüpfen, weil es hier keine entsprechende Zielgruppe gib, und die Pressearbeit ist mühsamer, weil viele Redakteure immer noch lieber weiße als schwarze Stars in ihren Magazinen sehen. Aber vor allem wollen die Kinobetreiber solche Filme nicht spielen, weil sie Angst vor leeren Sälen haben. Gerade in der Provinz trifft man da ziemlich oft auf Rassismus. Dass man kein Interesse an ‚Brikett'-Filmen habe, musste ich leider schon öfter hören.“ Durchbrechen lassen würde sich dieser traurige Kreislauf aus mutlosen Filmverleihern, vorurteilsbehafteten Kinobesitzern und einem Publikum, dass gar nicht erst die Wahl hat, für Filme wie „Precious“ auch in Zeiten von Obama vermutlich nur mit wirtschaftlichen Mitteln. Genau aus diesem Grund könnte schließlich das Thema Oscar für den Film noch eine entscheidende Rolle spielen. Schon mit einer Nominierung, so der Verleih-Mitarbeiter, würde er nämlich für einen potentiellen Käufer an Wert gewinnen, gerade im Bezug auf DVD- und TV-Rechte. Seine Firma jedenfalls will im Januar ein weiteres Mal darüber diskutieren, ob man „Precious“ womöglich doch noch kaufen sollte. Zumindest für das deutsche Kinopublikum wäre das ein echter Gewinn. Patrick Heidmann |

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