09. Februar 2010
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Kultur

Jazz-Pianist Keith Jarrett hält in Zürich das Publikum in Atem

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Lässig schlendert er über die Bühne, die Hände in den Hosentaschen, verneigt sich, blickt zum Flügel. Der aufrauschende Beifall gilt Keith Jarrett in der lange vorher ausverkauften Tonhalle Zürich, wo der Star letztmals als Solist vor 15 Jahren Gast war. Nun also eitel Freude und die Hoffnung auf ein großes Konzert. Immerhin hat er 1976 Maßstäbe gesetzt mit seinem „Köln Concert“, dem meistverkauften Piano-Solo-Album der Jazzgeschichte.

Keith Jarrett setzt sich, schließt die Augen und folgt seinen Inspirationen. Tief über die Tastatur gebeugt, erklingen leichthändig Töne, die sanft plätschern zuerst, dann aber über einfache Harmonien zu abstrahierenden Improvisationen gelangen. Sie hangeln sich nicht am Akkordgerüst entlang, wie es im Jazz oft geschieht, sondern dringen tief in den melodischen Kern von Songs vor, verharren und verschlingen sich im abstrakten Gewebe.

Der Zuhörer ist gebannt von Anfang an wegen der stupenden Technik und der obwaltenden Virtuosität. Zudem weiss er nie, in welche Richtung das Ganze zielt. Keith Jarrett spielt spontan aus der Situation heraus, erkundet seine kurzen Themen , die ihm eben eingefallen oder dem tiefsten Unbewussten entsprungen sind, in verschiedene Richtungen und variiert sie beliebig. Er gibt sich lyrisch bis freitonal. Konzentration und Einfachheit schaffen Transparenz und offene Räume. Sie führen einen Klangkosmos vor, in dem sich Motive, Akkorde und rhythmische Figuren entwickeln.

 

So durchforstet der Pianist die gesamte Musikgeschichte, zitiert, greift auf. Oft stoppt er unverhofft, was beim Publikum mitunter Entsetzen auslöst, weil es mit dem Schlimmsten, dem Abbruch des Konzerts, rechnen muss, was oft schon geschehen ist. Doch jetzt gibt sich Keith Jarrett kommunikativ und freundlich, beklagt sich in wenigen Sätzen über die Distanz zwischen Bühne und Publikum, die es zu überwinden gilt. Um so virtuoser spielt er dann weiter.

Er treibt, summt die Titel mit wie zu seinen besten Solo-Zeiten (Remember: Köln), erhebt sich immer wieder von seinem Sitz, um noch druckvoller agieren zu können. Die freien Passagen enthalten, rhythmisch stark strukturiert, mitreißend, eine bunte Vielfalt aus Jazzelementen, die an Bop oder Free erinnern, Anklänge von Gospelhymnen und Blues- Passagen. Bisweilen klingt alles klassisch romantisch, dann erinnern einzelne Teile an die schwelgerischen Melodien von Standards, wie sie das Great American Songbook notiert hat und die Jarrett gern mit seinem Trio interpretiert.

Allerhand Bekanntes also ist zu entdecken, auch wenn man es nicht benennen kann. Der Meister hat sich stets geweigert, irgendwelche Einflüsse namhaft zu machen. Er beharrt darauf, dass nichts beabsichtigt, nichts vorbereitet ist. Um so überraschter ist man dann, dass einzelne Sequenzen wie aus einem Guss erscheinen, als ob sie auf Noten geschrieben wären. Wie auch immer: die immense Spielfreude überzeugt.

Dass Keith Jarrett auf Störungen sensibel reagiert, ist gemeinhin bekannt. So endet das Zürcher Konzert, bei aller einhelligen Begeisterung, doch noch mit einem Misston. Als ein Zuhörer im Saal seine Kamera zückt, ist der Star verstimmt. Nach der ersten Zugabe verspürt er keinen Drang nach einer weiteren mehr, beschimpft das „asshole“ und hält stattdessen einen kleinen Vortrag über das Schlechte dieser Welt. Sprach's, verschwand – um umgehend mit drei weiteren Zugaben zu glänzen. Ein rollender Boogie Woogie und zwei Standards entlassen nach drei intensiven Stunden das begeisterte Publikum in die regennasse, kalte Nacht „Someday my prince will come“, hieß vielsagend der letzte Titel. Keith Jarrett beweist stets aufs Neue, welche Ausnahmeerscheinung er im Jazz darstellt.

Reiner Kobe

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