Musik in Zeiten des Krieges [0]
Bassist und Kriegs-Musiker: Elliott Sharp.
Jazz in Donaueschingen - selbst wenn das Neue-Musik-Festival längst begonnen hat, sich Klängen außerhalb der akademischen Avantgarde zu öffnen, wird wohl kein Zuhörer hier ein Swing- oder Blueskonzert erwarten. Und dennoch: Dass die erste von zwei "NOWJazz Sessions", konzipiert als Wanderkonzert zwischen skurrilen Spielorten, mit "Jazz" überschrieben war, wirkte willkürlich. Es sei denn, man fasst den Jazzbegriff so weit, dass er alles umfasst, was sonst in keine Kategorie passt. Zum Beispiel das Duo Annette Krebs (Elektronik) und Robin Hayward (Tuba). Vielleicht ist es die gähnende atmosphärische Trockenheit des Finanzamt-Sitzungssaales, der ihre Performance so faserig und beliebig macht. Kalt und verkopft die Klangsynthese von Technik und Tuba, nicht sehr innovativ, was Krebs beim Knöpfchendrehen produziert. Verlangsamte Stimmen, mal ein "fiep!", mal ein "zisch!", das soll die derzeit so angesagte Berliner Elektro-Szene sein, die sich an diesem Abend entlang der Brigach tummelt? Nach hundert Metern durchs Schneetreiben bessert sich das Bild. Im Fürstenberg-Lager zwischen aufgestapelten Bierkästen, unter Heizstrahlern und Wolldecken gewärmt, tauchen Serge Baghdassarians, Boris Baltschun (beide Elektronik) und Burkhardt Beins (Perkussion) tief ein in rauen Klang aus Kisten und Kästen. Wie eine karge Version von Christian Fennesz' wuchtigen Klangwänden klingt das, organisch und schillernd, jedenfalls sehr klangbewusst - wirklich innovativ ist aber auch dieser Auftritt nicht, und auch kein Jazz. In der schummrigen Christuskirche dann klingt es nach reiner Elektronik - doch spielen Kai Fagaschinski und Michael Thieke "nur" Klarinette. Die komponierten Stücke sind mikroskopische Forschungsarbeiten zur Klangverschmelzung - bewundernswert, wie die beiden mit Doppeltönen, Schwebungen, feinsten Farbverläufen spielen. Künstlerisch auf höchstem Niveau - aber immer noch kein Jazz. Die zweite "NOWJazz Session" jedoch verdient den Namen - das Projekt "War Zones" von Elliott Sharp und Bernhard Lang ist hörbar aus dem Jazz geboren, auch wenn es ihn dehnt und streckt, bis er reißt und klafft und durch die Lücken Lärm, Neue Musik, Rap einsickern. Der Abend hat eine politische Komponente, untersucht Seelenzustände in Zeiten des Krieges, der "geistigen Mobilmachung", mit Mitteln der Musik. Sharps "Ripples from the Bang", Schallwellen des Urknalls, wabern einander überlagernd heran: Die nervösen Sprechparts von LaTasha N. Nevada Diggs und Rapper mixmastertodd ertrinken in dröhnenden Bässen und flächiger Elektroakustik aus allen vier Ecken des Raumes. Ziemlich brutal kann das beizeiten klingen, und ziemlich fremdartig. Wo ansetzen beim Anhören? Bernhard Lang macht es dem Hörer einfacher, und dadurch wird sein "Paranoia" auch eindringlicher. Die Texte sind geloopte Cut-ups, unheilvolle Bedeutung entsteht aus Fetzen: "Hidden Economic resistance organization CIA Modern Mind Control Drug Money Occultism". Das klingt wie der Gedankenstrom eines unheilbaren Paranoikers, von Bass und Drums mit gnadenlos peitschenden Beats unterlegt, die immer wieder zusammenbrechen, und von der Elektronik mit unangenehmem Hintergrundrauschen verstört. "Industrial Freejazz" könnte man das nennen - oder Ausdruck von "Paranoia als neues Lebensgefühl", wie Lang selbst. Erst am Ende der zwei Sessions verdient der Donaueschinger "NOWJazz" seinen Namen. Sebastian Pantel Weitere Artikel zu: |


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