PolitikDie Revolution vergisst ihre Kinder [0]
Der Gewinner der Stichwahl um das Präsidentenamt in der Ukraine ist der prorussische Politiker Viktor Janukowitsch. Noch vor fünf Jahren wurde der Nato-Gegner beim Sieg der prowestlichen Demokratiebewegung auch vom Westen als Wahlfälscher verdammt.
„Schluss mit der Vergewaltigung unserer Demokratie“: Barbusige Aktivistinnen der ukrainischen Frauenorganisation Femen werden in einem Wahllokal in Kiew aus dem Saal gedrängt.
Kiew – Mit barbusigen Protesten bei der Präsidentenstichwahl hatte die Polizei in der Ukraine nun wirklich nicht gerechnet. Kurz bevor Oppositionsführer Viktor Janukowitsch das Wahllokal in Kiew betritt, werfen Mitglieder der Frauenorganisation Femen ihre Mäntel ab und schwenken halbnackt Plakate mit Parolen wie „Schluss mit der Vergewaltigung unserer Demokratie“. Schnell werden sie abgedrängt. Die Aktion gelte beiden Kandidaten, sagt Femen-Sprecherin Tatjana Kosak. Nach dem was in der Ukraine während der Wahlen gelaufen sei, „ist das Ende der Demokratie erreicht“, erklärte Alexandra Schewtschenko. Offenbar war die Schlammschlacht gemeint, welche sich die beiden Kandidaten im Wahlkampf geliefert hatten. Die beiden Präsidentschaftskandidaten, Julia Timoschenko und Viktor Janukowitsch, die gestern in einer Stichwahl gegeneinander antraten, wollen die Ukraine in gegensätzliche Richtungen führen. Der 59-Jährige Janukowitsch strebt wieder ein engeres Verhältnis mit Moskau an. Die 49-Jährige Timoschenko sucht dagegen die Nähe zur EU. Mit ihrem markanten Haarkranz war sie vor fünf Jahren ein Gesicht der Orangenen Revolution. Bis am Abend die Meldung kam: Janukowitsch zwingt seine ärgste Widersacherin um das Präsidentenamt in die Knie. Seit drei Wochen bereiste Timoschenko rastlos die Ukraine und versprach den Menschen im zweitgrößten Land Europas für den Fall ihres Sieges viel: vom EU-Beitritt innerhalb von fünf Jahren über einen Ausbau moderner Nanotechnologie bis zu höheren Renten. Experten halten das angesichts leerer Staatskassen für Wunschdenken. Der oft hölzern wirkende Janukowitsch stimmte seine Landsleute hingegen in dem für Europa wichtigen Energie-Transitland auf einen Sparkurs ein. „Wir brauchen einen Aufschwung wie im Nachkriegsdeutschland unter Ludwig Erhard“, sagt er nach der Stimmabgabe. Janukowitsch hatte 2004 die Präsidentschaftswahlen gefälscht und damit die orangene Revolution ausgelöst. Als Jugendlicher musste er wegen Diebstahl und Körperverletzung zweimal eine Gefängnisstrafe absitzen. Wichtiger ist für die Janukowitsch-Wähler, dass ihr Kandidat aus einfachen Verhältnissen kommt, ein Ohr für die russischsprachige Bevölkerung hat und die Interessen der ostukrainischen Industrie vertritt. Timoschenko hatte bei der ersten Wahlrunde im Januar 25 Prozent der Stimmen bekommen, Janukowitsch 35 Prozent. 2004 hatte er die Wiederholungswahl gegen den bisherigen Präsidenten Viktor Juschtschenko verloren. Der scheidende Amtsinhaber gab in Kiew fast unbemerkt von der Öffentlichkeit seine Stimme ab. Es ist der traurige Abgang eines gescheiterten Hoffnungsträgers. Die Menschen in der Ukraine sind seit langem enttäuscht von den Politikern. Statt spürbarer Verbesserungen erlebten sie unter Präsident Juschtschenko, aber auch seinen Gegenspielern, Intrigen, Schaukämpfe und eine sich immer weiter ausbreitende Korruption. Die Zentrale Wahlkomission erklärte, die Wahlen seien ohne Zwischenfälle verlaufen. Timoschenko erklärte indessen schon vorsorglich, wenn es zu Wahlfälschungen komme, werde sie zu Straßenprotesten aufrufen. Doch eine Massenbewegung wie 2004, die eben wegen Wahlfälschungen entstand, ist diesmal nicht zu erwarten. Zu sehr haben die orangenen Revolutionäre die Hoffnungen der einfachen Menschen auf ein Leben ohne Korruption enttäuscht.
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