Vogelkunde Winter-Urlaub am Bodensee
Was für Störche und Stare Südeuropa, ist für Hunderttausende von Wasservögeln der Bodensee: Ein mildes Winterquartier mit reich gedecktem Futtertisch. Zehntausende Schwäne, Enten, Brachvögel und Blässhühner finden am See im Winter Ruhe, Nahrung und eisfreie Gewässer. Zu beobachten sind die Wintergäste in den Naturschutzgebieten Wollmatinger Ried, Eriskircher Ried (Bodenseekreis) und im Vorarlberger Rheindelta. In den vergangenen Jahrzehnten nahm ihre Zahl ständig zu.
Inzwischen ist der Bodensee nach Angaben von Vogelkundlern der größte und wichtigste Überwinterungsplatz im mitteleuropäischen Binnenland. „Die Bestandszahlen der Vögel, die am Bodensee überwintern, hat sich seit den 1960er Jahren verfünffacht“, sagt Hans-Günther Bauer vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell. „Von den rund 70 Arten, die hier am See im Winter erfasst werden, sind rund 40 Arten nicht heimisch.“
Aber was macht den Bodensee so beliebt? Jede Menge Nahrung und Ruhe, berichtet Bauer. „Seit Anfang der 1980er Jahre die Jagdruhe eingeführt wurde, verzeichnen wir eine große Zunahme.“ Auch der geringe Bootsverkehr spiele eine Rolle. Durch den Seerhein ist das Gebiet außerdem zuverlässig eisfrei, wie Johann Herzer vom Naturschutzzentrum Wollmatinger Ried erklärt.
Doch vor allem das Nahrungsangebot lockt die Vögel an. Zu Zehntausenden machen etwa Tafel- und Reiherenten sowie Blässhühner am Bodensee Winterurlaub. „Wir schätzen sie zurzeit auf 170 000 Exemplare“, sagt Bauer. Alle drei Arten ernähren sich von der Dreikantmuschel, die Mitte der 1960er Jahre in den Bodensee eingewandert ist und den See für diese Vögel in großer Zahl attraktiv machte.
Schmackhafte Algen und Muscheln Auch die wichtigste Nahrungspflanze der farbenprächtigen Kolbenente, die Armleuchteralge, wächst seit Mitte der 1980er Jahre im Bodensee. Deshalb kommen nach Angaben Bauers im Winterhalbjahr rund 20 000 der fuchsroten Nahrungsspezialisten an den See – aus Südfrankreich und Spanien. „In den 70er Jahren waren kaum Kolbenenten da“, berichtet er. „Das hat mit dem sauberen Wasser zu tun.“
Einige der Wintergäste fliegen aus den entlegensten Gebieten Sibiriens ein: „Wir hatten eine beringten Reiher-ente, die aus dem sibirischen Osten 8000 Kilometer zurückgelegt hat“, so Bauer. Der Großteil der Wasservögel ziehe jedoch aus Skandinavien, dem Baltikum und dem westlichen Sibirien nach Süddeutschland. Mit 60 bis 70 Stundenkilometern Fluggeschwindigkeit schaffen die Vögel die Distanzen in wenigen Tagen und Nächten.
Ungewöhnlich sind nach Angaben Bauers die großen Verbände von Singschwänen, die inzwischen am Bodensee überwintern: „Sie bleiben sonst eher im Norden Deutschlands am Meer. Der Bodensee ist die einzige Binnenlandschaft, wo sie in großer Zahl zu finden sind.“ Bis zu 800 der schneeweiß gefiederten Vögel mit den melancholischen Rufen seien dieses Jahr am See schon gezählt worden. „Wir hatten schon beringte Vögel aus Brandenburg.“ Warum die Tiere am Bodensee Station machen, ist bislang noch unklar.
Auch der leicht wehmütige Gesang des Großen Brachvogels erklingt im Winter zwischen Konstanz und Bregenz immer häufiger. „Dieses Jahr sind um die 1000 Vögel da, auch dies ist ungewöhnlich für ein Binnengebiet“, so der Ornithologe. Sowohl in Wollmatingen als auch in Eriskirch bieten Ornithologen im Winter Exkursionen zu den Vogelkolonien an. Ein besonderes Schauspiel war laut Herzer die Rast von etwa 170 Kranichen auf ihrem Flug von Skandinavien nach Spanien.
Manche Arten kommen nicht nur im Winter an den Bodensee, sondern verbringen auch den Rest des Jahres hier, oft aber in kleinerer Zahl. Das gilt etwa für die Blässhühner, erklärt Bauer. Andere, eher exotische Arten sind die Prachttaucher, von denen bis zu 80 Exemplare gesichtet wurden. Seltene Gäste sind auch die Eiderente, die Bergente oder die Schellente, die im Englischen „Goldeneye“ (Goldauge) heißt.
Die Bestände einzelner Vogelarten sind stark durch die Umweltbedingungen bestimmt. „Seit den 1970er Jahren ist der Bodensee immer sauberer geworden“, sagt Bauer. Seitdem fühlt sich nicht nur die Armleuchteralge wohl. Zudem bekommt der Bodensee auch häufig Zuwachs durch neue Arten. „Vögel passen sich da sehr schnell an.“ Die Zahl der Wintergäste am Bodensee ist übrigens keinesfalls nur Schätzung. Die Tiere werden sorgfältig gezählt. So weiß man etwa, dass im Dezember 212 000 Exemplare am Bodensee weilten. Im November waren es noch 240 000. Wenn Futterangebot oder die Wetterbedingungen nicht stimmen, ziehen die Wintergäste eben weiter.
Die Rostgans stammt aus dem Zoo Manche Arten kommen aber nicht wegen des milden Klimas an den See, sondern sind schlicht durch Menschen hierher gelangt. Die hübsche braunrot gefärbte Rostgans ist ein typischer Zooflüchtling. Sie stammt ursprünglich aus Steppengebieten, hat sich hier inzwischen aber stark vermehrt. 400 Tiere wurden bereits gezählt. Da die Tiere beim Brüten recht aggressiv sind, sind sie bei vielen Menschen unbeliebt.
