Wahrsager Was die Kugel sagt
Nächste Woche kommen die Lottozahlen 4, 5, 21, 31, 34 und 38. Und die Zusatzzahl ist 43. Das glauben Sie nicht? Ich auch nicht. Natürlich wüssten wir Menschen gern, was das nächste Jahr uns bringt. Das ist auch der Grund, warum die Frauenzeitschriften im Dezember ihre Jahres-Horoskope beilegen und an Silvester so gern Blei gegossen wird. Werden wir im nächsten Jahr endlich mehr Geld haben? Wird unser Haus zu Ende gebaut? Bekommen wir noch ein Baby? Wer will, kann in den Bleifiguren dieses und noch viel mehr herauslesen. Allein: Wenn es so kommt, ist das purer Zufall.
Ähnlich ist es bei Horoskopen und Wahrsagerei. Martin Kunkel ist Mathematiker und arbeitet als Hobby für die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung parawissenschaftlicher Phänomene, kurz GWUP genannt. Er wertet seit Jahren die Prophezeiungen von Wahrsagern und deren Erfolge aus. Mit dünnem Ergebnis: „Wie üblich blieben jene einen Nachweis ihrer selbst behaupteten Fähigkeiten schuldig“, lautet sein Fazit über die Prophezeiungen des Jahres 2010. Es sei schlichterdings nicht möglich, die Zukunft eines Menschen zu prophezeien. „Das geht ebenso wenig wie Erdbeben vorherzusagen“, sagt Kunkel.
Dennoch hätten die Menschen das Bedürfnis danach: „Man wüsste schon gern, was die Zukunft bringt. Menschen planen gern“, sagt Kunkel. Wahrsager und Astrologen nutzten diesen Wunsch und brächten ihre Prognosen unters Volk. Das geht ja noch, wenn nur Entwicklungstendenzen aufgezeigt werden und man keine konkreten Ereignisse oder gar Krankheiten oder To desfälle prophezeit. Das fordert etwa der Deutsche Astrologenverband von seinen Mitgliedern. Schlimm ist es aber, wenn einem Menschen Unglück vorhergesagt wird. Dann wird es ethisch ganz schwierig – in Deutschland ist das aber eher nicht üblich.
Doch wie stellen es Astrologen und Wahrsagerinnen an, dass sie so vieles über ihren Kunden zu wissen scheinen? Laut Michael Kunkel hat das ganz einfache Ursachen: Die Äußerungen des Wahrsagers sind so gehalten, dass sie im Kopf des Ratsuchenden den Gedanken produzieren: Ja, das bin ich, damit bin ich gemeint. „Das Zutreffende passiert im Kopf des Zuhörenden.“ Die meisten erhoffen sich eine gute Nachricht und interpretieren dann eine Aussage des Wahrsagers so, dass sie auf sie passt: „Menschen sind harmoniebedürftig: Man sucht etwas, was dazu passt.“ Dabei würde ein guter Freund oft eine ähnliche Funktion erfüllen, einen Menschen in Not aufbauen und stärken, sagt Kunkel.
Astrologen nutzen also gewisse psychologische Grundeigenschaften des Menschen. Kunkel macht sich gelegentlich den Spaß, auf Jahrmärkten einen Wahrsager aufzusuchen. Blickt er betrübt drein, wird er aufgemuntert und aufgebaut. Kommt er fröhlich und aufgeräumt daher, bestärkt man ihn in seinem Tun. Daran ist ja eigentlich nichts Schlechtes: gewissermaßen eine psychologische Beratung mit dem Segen der Sterne von oben.
Zumindest auf der Erde scheint die Zeit ja linear zu verlaufen. Isaac Newton hat das einst mit dem Begriff absolut ausgedrückt. Erst später fanden Physiker wie Einstein oder Heisenberg neue Ergebnisse, die mit der Relativitätstheorie, Schwarzen Löchern im Weltraum und ähnlichen Dingen zu tun haben. In diesen Fällen kann sich die Zeit offenbar krümmen. Für den normalen Menschen auf der Erde verläuft die Zeit dagegen wie auf einer Schnur. Schon allein deshalb, weil es unendlich viele Faktoren gibt, die in die Zukunft des nächsten Jahres hineinspielen, wird es mit irdischen Prognosen schwierig. „Natürlich wäre es schön, die Lottozahlen zu kennen“, sagt der theoretische Physiker Heinz-Dieter Zeh, der schon viel über das Phänomen Zeit geforscht hat. Aber leider: Keiner weiß diese vorab. Zeh bringt den Begriff der „Kausalität“ ins Spiel. Das bedeutet: Erst kommt die Ursache, dann die Wirkung. Zwischen vielen Dingen gibt es Korrelationen – sprich Zusammenhänge – , die das, was passieren wird, beeinflussen können.
Außerdem hat die Zeit eine Richtung. Erst muss ein Anstoß geschehen sein, bevor sich etwas anderes ereignen wird. Wenn der Anstoß noch gar nicht erfolgt ist – wie will man da etwas prophezeien? Wer also trotz all dieser Fakten weiter in die Zukunft blicken will, muss Geduld haben und mit gelegentlichen Fehlschlägen rechnen. Oder doch lieber gleich Bleigießen…
