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Psychologie "Väter sind enorm wichtig"

18.04.2011


Jungen gelten oft als problematisch und fallen in der Schule auf. Ein Gespräch über Jungen als Bildungsverlierer, die Rolle der Väter und Muttersöhnchen. Wir sprechen mit dem Diplompädagogen Reinhard Winter über Jungen, die irgendwann zu Männern werden. Winter, 52, arbeitet seit mehr als 20 Jahren in der Jungen- und Männerberatung und in der Jungenforschung. Der Diplompädagoge ist im Leitungsteam des Sozialwissenschaftlichen Instituts Tübingen (SOWIT). Er arbeitet in der Qualifizierung von Lehrern und Sozialarbeitern und leitet Projekte in Schulen, in der Jungenarbeit und mit Eltern.

Wir sprechen über Jungen, die irgendwann zu Männern werden. Was ist eigentlich männlich?

Eine gute Frage! Und dass wir uns das heute fragen, ist ein Ausdruck für das Problem. Aber ganz einfach gesagt setzt sich das Männliche aus drei Komponenten zusammen. Die erste ist die psychische Situation: Ein Junge muss sich in Beziehung setzen zu seinem Vater, seiner Mutter und zu den beiden als Paar. Das zweite Element bezieht sich auf das Körperliche, vor allem das Testosteron. Dieses Hormon wirkt auf den Muskelapparat, die körperliche Aktivität und auch auf die Gehirnstruktur. Das Testosteron pusht bestimmte Themen: So sind Statusfragen für Jungen wichtig. Sie fragen sich, welche Position sie in einer Gruppe oder in einem sozialen Gefüge insgesamt haben. Als Drittes gehören zum Männlichen gesellschaftliche Vorstellungen darüber, was unter männlich verstanden wird. Diese drei Komponenten sind eng miteinander verwoben. Man kann aber nicht sagen, dass es bestimmte Eigenschaften gibt, die männlich sind. Das ist in der Forschung eindeutig widerlegt.

Sie sind ja Vater eines 16-jährigen Jungen und eines 19-jährigen Mädchens. Brauchen sie eine andere Erziehung?

Ja sicher, einfach deshalb, weil das Mädchen weiblich und der Junge männlich ist. Erziehung passiert ja spontan, man reagiert also meistens unbewusst. Weil es immer eine Interaktion mit dem jeweiligen Kind gibt, macht man es unterschiedlich. Das war auch bei meinen Kindern so.

Können Sie ein Beispiel dafür geben?

Wenn meine Tochter nach Hause kommt, dann sprudelt sie nur so. Sie erzählt, was vorgefallen ist, und bewältigt damit ihren Vormittag. Mein Sohn ist eher kurz angebunden. Wenn man ihn fragt, wie es in der Schule war, sagt er: Gut. Damit ist das Thema erstmal erledigt. Beim Jungen kommt erst in anderen Situationen heraus, was er am Vormittag erlebt hat, also in einem anderen Rahmen, oft eher beim Tun und nicht in der reinen Gesprächssituation.

Immer häufiger erhalten Jungen den Stempel als Bildungsverlierer, als Problemkinder. Warum geraten denn normale, gut entwickelte Jungen zunehmend aus dem Blick?

Das ist tatsächlich ein Problem. Es hat viel mit der Thematisierung in der Politik und in den Medien zu tun. Dort braucht es Spektakuläres, an denen man sich abarbeiten kann. Natürlich gibt es Probleme und auch Benachteiligungen von Jungen. In der Schule zum Beispiel. Doch viel dramatischer ist es im Gesundheitsbereich. Bei übergewichtigen Jungen sind die Kliniken und Beratungsstellen gar nicht darauf eingestellt. Obwohl es viel mehr Jungen gibt, die übergewichtig sind, werden sie viel weniger von solchen Angeboten erreicht. Ganz problematisch ist der Sonderschulbereich: Da werden Jungen aus den Regelschulen rausgekickt, wenn sie ein bisschen auffällig sind. Doch es gibt nach wie vor Jungen, die ihr Leben ganz gut bewältigen, das ist die Mehrzahl – und die werden gar nicht registriert.

Jungen waren aber doch früher keine Problemkinder. Was war denn anders?

Die Art von Pädagogik, nämlich der autoritäre Stil von damals, hat möglicherweise eher zu Jungen gepasst. Die gesellschaftlichen Bilder von Geschlecht produzieren ja erst die Lebenswirklichkeit. Wenn wir uns vorstellen, dass Jungen die Leistungsträger sind, die die Familie versorgen müssen, die die Gesellschaft voranbringen, die arbeiten, in den Krieg ziehen.

Die Ansprüche waren also sehr hoch.

Ja, genau und sie sind es immer noch. Aber die Perspektive hat sich geändert. Mittlerweile sieht man in den Mädchen die Zukunft. Lange Zeit war das genau richtig, weil sie die Benachteiligten waren. Die Jungen geraten zunehmend in ein Image der Verlierer, der Problematischen. Sie bekommen einen Stempel, der sich auch tatsächlich auswirkt. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass, wenn man Aufsätze zum Beispiel mit einem Mädchen- oder einem Jungennamen versieht, die Jungennamen die schlechteren Noten kriegen.

Tatsächlich?

Ja. Das war vor 30 Jahren sicher anders. Da dachte man, wenn ein Junge formuliert, macht er das präzise und kreativ.

Woran krankt unser Schulsystem, dass Jungen oft so auffällig werden?

Es hat mit den Themen und mit der Art des Unterrichts zu tun. So wird sehr viel körperlich stillgestelltes Lernen erwartet. Jungen wie Mädchen sollen ruhig und aufmerksam sein. Vor allem jüngere Jungen haben es gern, wenn sie sich zwischendurch bewegen und experimentieren können. Viele Jungen sehen den Lernstoff als irrelevant, weil er nichts mit dem Leben zu tun hat. Das sind für sie langweilige Trockenübungen.

Was ist für Jungen das wirkliche Leben?

Die Positionen der Jungen untereinander sind sehr viel wichtiger. Sie machen lieber eine schräge Aktion als Mathe und Englisch und versuchen, besonders witzig oder rebellisch zu sein. Das verbessert ihre Position in der Klasse.

Mathe ist ja noch nicht so schlimm. Wer es verstanden hat, kann auch in der Klassenarbeit ganz gut durchkommen. Aber wie ist es denn zum Beispiel mit Englischvokabeln? Da führt kein Weg dran vorbei, sie zu lernen. Wie können Eltern motivieren?

Da helfen vielen Jungen klare Strukturen. Jungen muss man helfen, dass sie lernen, kleine Schritte zu gehen. So kann man sagen: Wir lernen jetzt zehn Minuten Vokabeln. Danach ist Freizeit. Vielen Jungen hilft, wenn man eine gesunde Autorität repräsentiert, ohne autoritär zu sein. Wenn man nicht mit Druck, Zwang und Disziplin daherkommt, sondern als Autorität sagt: Das ist jetzt dein Job und danach kannst du wieder etwas anderes machen.

Väter arbeiten den ganzen Tag. Wie wichtig sind sie bei der Erziehung?

Die Väter sind in jeder Lebensphase enorm wichtig. Wenn die Jungen klein sind, sind sie ganz eng mit der Mutter verbunden. Der Vater ist aber auch dann wichtig, damit er die Beziehung zum Jungen aufbauen und halten kann. Später will der Junge so werden wie sein Vater. Wenn er beginnt, sich mit dem Vater zu identifizieren, muss er auch wissen, womit er sich identifizieren kann. Das Problem ist, dass viele Väter gar nicht wissen, wie wichtig sie sind.

Was sind denn wichtige Sachen, die ein Vater mit seinem Sohn machen sollte?

Da sein. Viele Väter meinen, das müssten ganz großartige Dinge sein, wie der Besuch im Freizeitpark oder die Kanureise auf der Donau bis ans Schwarze Meer. Das ist für die Jungen schwierig, weil sie sich auf die Größenfantasien des Vaters einstellen müssen.

Wie steht es mit Vorlesen und Spielen?

Ja, genau. Vorlesen, Rumbalgen, Kämpfen, aber auch einfach Spielen mit Lego oder Playmobil. Väter sollten in diese Spielwelten eintauchen. Rausgehen ist gut, oder mal kurz ins Schwimmbad, statt einmal im Jahr ins große Freizeitbad. Väter sollten alltägliche Momente mit ihren Söhnen erleben.

Es gibt immer mehr Alleinerziehende. Was macht man denn als Mutter? Den Vater kann man ja nicht ersetzen.

Genau das soll man auch nicht. Bei Alleinerziehenden erlebe ich es häufig, dass sie ihre Schuldgefühle mit in die Beziehung reinbringen, indem sie den Sohn überbemuttern oder meinen, alles Mögliche bieten zu können, was ihnen gar nicht liegt. Am besten ist es, wenn der Junge weiter Kontakt mit seinem leiblichen Vater hat.

„Muttersöhnchen“ ist ja ein Schimpfwort. Das ist einer, der an seiner Mutter klebt, ein verweichlichter Junge. Wie sollte man sich als Mutter verhalten?

Für „Muttersöhnchen“ gibt es mehrere Ursachen. Es gibt Mütter, die die Jungen nicht loslassen, es gibt aber auch Mütter, die sie wegschubsen und damit das Gegenteil provozieren, nämlich, dass der Junge lieber noch dableiben will, weil er nicht genug Liebe bekommen hat. Besonders bei der körperlichen Nähe merkt man als Mutter, wann es dem Jungen reicht.

Thema Kuss, zum Beispiel.

Ja. Ein Bonmot lautet ja, dass die Jungen deshalb größer werden als ihre Mütter, damit die Mütter sie nicht mehr küssen können. Da ist was dran. Durch Einfühlung merkt man ziemlich genau, ob es der Junge noch mag oder nicht.

Es gibt im Moment eine schöne Entwicklung, dass sich immer mehr Väter für die Elternzeit entscheiden. Hat dieses frühe Zuhausebleiben des Vaters Auswirkungen auf die spätere Beziehung?

Unbedingt. Der Junge erlebt seinen Vater als etwas Verlässliches und beim Vater wird das Liebeshormon Oxytocin ausgeschüttet. Das schafft ganz tiefe und stabile Bindungen, die durch das ganze Leben tragen.

Bei Fußballspielen lässt sich wunderbar beobachten, wie kleine Jungen vor dem Spiel zu den Spielern aufschauen, sie regelrecht vergöttern. Warum haben Jungen solche Vorbilder, wie Fußballer, Polizisten, Cowboys?

Das hat mit der Geschlechtervorstellung in der Gesellschaft zu tun. Die Jungen suchen sich Idole des Männlichen. Das kriegen sie sehr früh mit. Wenn sie ganz tolle Männer finden, vor allem in den Medien, orientieren sich Jungen daran. Jungen haben ein starkes Interesse an Status. So suchen sie sich Vorbilder, die das repräsentieren. Fußballer sind für kleinere Jungen wichtig. Das sind Männer, die es geschafft haben, weil sie im Länderspiel spielen, beachtet werden und viel Geld verdienen.

Sie haben ein ganzes Buch über Jungen geschrieben. Besteht eine große Verunsicherung bei den Eltern?

Ja, es gibt eine besondere Verunsicherung in Bezug auf das Männliche, weil die Männlichkeitsvorstellungen extrem im Wandel sind in den letzten 20 Jahren.

Was raten Sie Lehrern, wenn sie vor einer Klasse mit unruhigen Jungen stehen und in einem Schulsystem gefangen sind, das ihnen wenige Freiheiten lässt?

Das ist tatsächlich ein Problem, dass die Schule bei uns nicht sehr innovationsfreundlich ist. So stehen die Lehrer unter hohem Leistungsdruck. Es gibt Lehrer, die sehr autoritär sind. Das provoziert Jungen, besonders in der Pubertät. Denen rate ich, mehr in Beziehung zu den Schülern zu treten. Es ist oft ein Trugschluss, wenn Lehrer das Aufmüpfige von Jungen definieren als Disziplinlosigkeit und etwas Bösartiges. Jungen wollen wissen, wer die Regeln aufstellt, wer für ihre Durchsetzung sorgt, und was passiert, wenn sie gebrochen werden. Jungen wollen wissen, wer statusmäßig der Chef ist. Das hat nichts mit autoritärem Stil zu tun, sondern mit Bestimmtheit und Klarheit.

Mädchen werden oft missbraucht als Puffer zwischen den Jungen, die für Ruhe sorgen. Das ist nicht in Ordnung.

Ja. Das stimmt. Mädchen werden dabei indirekt bestraft, das ist falsch.

Würde es denn Sinn machen, bestimmte Fächer getrennt zu unterrichten?

Auf jeden Fall. Da machen wir beste Erfahrungen bei den Projekten in den Schulen, wenn es um Sexualität, Gewalt und Mobbing geht oder um Selbstbehauptung. Jüngere Jungen in der fünften bis achten Klasse nehmen es als Erleichterung wahr, wenn die Mädchen nicht dabei sind. Und zwar deshalb, weil die Mädchen in diesem Alter körperlich wie mental einen großen Entwicklungsvorsprung haben, da fühlen sich Jungen leicht benachteiligt und abgewertet. Das ist eine permanente Kränkung für die Jungen. Gerade in den Fächern, wo die Jungen eher unterlegen sind, weil kommunikative Fähigkeiten wichtig sind, kann die phasenweise Trennung durchaus Sinn machen. Die Instrumentalisierung von Mädchen ist jedenfalls ein pädagogisches Unding. Weil man mit Jungen nicht zurande kommt, muss man nicht die Mädchen bestrafen.

Fragen: Birgit Hofmann


Zur Person

Reinhard Winter, 52, arbeitet seit mehr als 20 Jahren in der Jungen- und Männerberatung und in der Jungenforschung. Der Diplompädagoge ist im Leitungsteam des Sozialwissenschaftlichen Instituts Tübingen (SOWIT). Er arbeitet in der Qualifizierung von Lehrern und Sozialarbeitern und leitet Projekte in Schulen, in der Jungenarbeit und mit Eltern. In seinem Buch gibt er Tipps, wie man Jungen verstehen und in ihrer Entwicklung unterstützen kann:

Reinhard Winter: Jungen. Eine Gebrauchsanweisung. Beltz-Verlag,

278 Seiten, 16,95 Euro.

Jungen und Väter
Guten Morgen!

Zunächst einen herzlichen Dank, für die Vervollständigung.
@Comment70: Reinhard Winter im Interview
Vielen Dank für den Hinweis! Das Interview hat Birgit Hofmann mit Reinhard Winter geführt.
Mit wem wurde das Interview geführt?
Sehr geehrte Frau Hofmann,

Es wird immer komischer.
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