Tierschutz Tiertransporte in der EU: Oft tagelanges Leid
Ein Lastwagen mit Kälbern aus Polen. Er wurde von der französischen Polizei bei Besançon gestoppt. Bild: Bild: Animals' Angels e.V.
Die Bilder sind kaum zu ertragen. Kälber, die vor Durst an den Gitterstangen ihrer Transport-Lastwagen lecken, Schafe, die vor Hitze immer wieder in den Knien einknicken. Ein Bulle, der am Boden in Exkrementen liegt und sich nicht mehr rührt. Und dann die Schreie. Verzweifeltes Muhen und Blöken, das Rufen nach Wasser, nach Futter, nach Ruhe. Am Ende dann: Tote Lämmer, die im Lkw liegen bleiben, während die Überlebenden nach draußen wanken.
Schreckliche Szenen, die der Deutsche Tierschutzbund und die Organisation „Animals' Angels“ (deutsch: Die Engel der Tiere) in neuen Filmen beim alltäglichen Tiertransport durch die EU festgehalten haben. Jeden Tag werden Zigtausende Tiere kreuz und quer durch die EU transportiert. Die Vorschriften sehen zwar vor, dass die Tiere in regelmäßigen Abständen zu füttern und zu tränken sind. Bei längeren Fahrten sind Ruhepausen vorgeschrieben.
Doch die Vorschriften sind das eine, die Umsetzung das andere. Missstände, wie sie jetzt der Tierschutzbund und Animals' Angels an der Grenze zwischen Bulgarien und der Türkei aufgedeckt haben, werden immer wieder gemeldet. Tierschützer fordern schon seit Jahren eine Begrenzung der Gesamt-Transportdauer auf maximal acht Stunden. Doch geschehen ist bislang wenig.
Frigga Wirths, Tierärztin und Agrarwissenschaftlerin beim Deutschen Tierschutzbund, wird deutlich: „Bei den langen Tiertransporten geht es nur ums Geld.“ Drei Hauptprobleme macht die Fachfrau aus. Oft laden die Transporteure mehr Tiere ein als erlaubt. Kontrollen sind selten, das Risiko, erwischt zu werden, ist gering. Am Ende können die Tiere nicht mehr bequem stehen, nicht zur gleichen Zeit liegen oder sie treten sogar aufeinander. Im schlimmsten Fall müssen sie Tausende von Kilometern so verbringen. Von der Autobahnpolizei Mühlhausen-Ehingen werden regelmäßig solche überladenen Transporte angehalten.
Ein weiteres Problem: Zu große Hitze oder Kälte. Beim Fall an der bulgarisch-türkischen Grenze stand der Lastwagen bis zu seiner Abfertigung in der größten Sommerhitze, ohne Schatten, ohne Möglichkeit, die Tiere abzuladen, zu tränken oder neue Einstreu zu bringen. Im Winter frieren die Tränkanlagen ein. Bei einer Prüfung von Animals' Angels waren in 40 Prozent der Fälle die Tränkanlagen entweder defekt oder nicht passend für die Tierart, denn Lämmer, Kälber und Schweine trinken nicht auf die gleiche Weise. Hinzu kommen die unzureichenden Pausenzeiten. So dürfen Rinder und Schafe 29 Stunden transportiert werden, bevor sie das erste Mal abgeladen werden müssen. „Es gibt Transporte, bei denen Kälber von Estland in die Türkei gefahren werden“, sagt Frigga Wirths.
Die Situation ist seit Jahren praktisch unverändert. „2004 konnten sich die Mitgliedsstaaten der EU nicht auf neue Vorschriften einigen. Es sind auch viele Länder dazu gekommen, für die Tierschutz nicht so eine wichtige Rolle spielt. So hat man alles beim Alten gelassen“, sagt Frigga Wirths. Seitdem liegt die Novellierung der Transportverordnung auf Eis– trotz schlimmer Bilder, die immer wieder vorgelegt wurden „Es wird vertagt, vertagt, vertagt“, sagt die Expertin, und sie klingt zornig.
Tiertransporte sind finanziell attraktiv – und sie spiegeln die Struktur der modernen globalisierten Wirtschaft wieder. In einem Land werden die Tiere geboren, in einem anderen gemästet, in einem dritten vielleicht geschlachtet. Die Kosten für das Futter sind in einzelnen EU-Staaten sehr unterschiedlich. Deshalb wird dort gemästet, wo das Futter billiger ist. Auch Lohnkosten spielen eine Rolle. So hat die Zahl der Schweinetransporte stark zugenommen – um 70 Prozent. „In Deutschland gibt es keinen Mindestlohn“, sagt die Tierschutzbund-Expertin. Das führe dazu, dass die meisten Schweine in Deutschland geschlachtet werden.
Problematisch findet die Expertin den Transport tragender Tiere. Im Jahr 2010 wurden fast 100 000 Zuchtrinder – also tragende Kühe – exportiert, ein großer Teil davon nach Nordafrika. Nicht selten kommen die Kälber im Tiertransporter auf die Welt. An den EU-Außengrenzen gibt es bislang kaum Versorgungseinrichtungen. Selbst wenn der Transport in der EU noch halbwegs gut verlaufen sei, würden die Tiere dann sich selbst überlassen. „Dann dürfte man sie eben auch nicht so weit transportieren“, fordert Wirths.
Von der Politik fühlen sich die Tierschützer im Stich gelassen: Von Agrar- und Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner habe man trotz neuer Beweisfotos und -filme nichts gehört, ebenso wenig von der EU-Kommission oder der Türkei. Die plant unterdessen, größer in die Milchviehwirtschaft einzusteigen. Bislang hielten sich die meisten Bauern dort allenfalls eine oder zwei Kühe zuhause, getrunken wurde eher Schafs- oder Ziegenmilch. Künftig aber soll es weitaus größere Betriebe geben. Der Weg in die Türkei kann weit sein.
Die Tierschutzorganisation Animals' Angels hat im Sommer an Grenzübergängen zur Türkei diese beiden Filme gedreht, die die Missstände deutlich zeigen. Viele Tiere überleben den Transport nicht. Achtung - diese Filme sind nichts für Kinder, Jugendliche oder sehr empfindliche Menschen. Wir finden aber, dass man diese Bilder der Öffentlichkeit zugänglich machen muss - damit jeder sehen kann, wie Nutztiere im modernen Europa behandelt werden.
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