Wasserhäuser Schöner wohnen auf dem Wasser
Mit Äxten bewaffnet stehen die Männer am Heck der „Alert“, um notfalls das Tau zu kappen, das ihren Schlepper mit dem flachen Betonkahn verbindet, den sie 35 Seemeilen weit durch die See der San Francisco Bay ziehen sollen. Schaudernd erinnert sich Wayne Greenwood an die siebenstündige Überfahrt von Sausalito, wo eine Firma den Unterbau seines künftigen schwimmenden Eigenheims gebaut hat, ins weiter südlich gelegene Redwood City. Der 78 Quadratmeter große Beton-Ponton erreicht unbeschadet seinen Liegeplatz in der Docktown Marina von Redwood City.
„Jetzt brauchte ich nur noch das Haus zu bauen“, meint der Ponton-Pionier. Unterstützt von Freunden, Nachbarn und einem Handwerker, der fast alle neueren Häuser in der Docktown Marina gebaut hat, schufen sich Greenwood und seine Frau Kelly ihre eigene Wasservilla – mit 112 Quadratmetern Wohnfläche, verteilt auf zwei Geschosse.
Der entscheidende Grund, auf Wasser zu bauen, seien die Grundstückspreise an Land, erklärt Wayne. In der San Francisco Bay Area koste Bauland für ein normales Einfamilienhaus „in minder begehrenswerter Lage“ wenigstens eine viertel Million Dollar. Die Liegeplatzgebühr in Docktown beträgt umgerechnet nur 250 Euro im Monat.
Im Vergleich zu den „Floating Home Communities“ in Sausalito, Portland und Seattle ist die in Redwood City mit kaum mehr als 20 Schwimm-Häusern klein. Bauvorschriften gibt es nicht. Freigeister sind sie, die Ponton-Pioniere – Individualisten, die „keine Angst haben, Risiken einzugehen und etwas Neues anzupacken“, erklärt die Immobilienmaklerin Fredrica Willing. Wer den Wohnort wechseln will, lässt sich bis zu 150 Kilometer schleppen – immer an der Küste entlang. „Mit einem Haus an Land können Sie so etwas nicht machen”, meint Willing. Moderne „Fünf-Sterne-Communities“ unterscheiden sich von teilweise über 100 Jahre alten Hausboot-Siedlungen nicht nur dadurch, dass ihre Abwasserentsorgung funktioniert, sondern vor allem dadurch, dass sie auf Betonplattformen stehen, die unsinkbar, wartungsfrei und meistens von International Marine Floatation Systems (IMF) gebaut worden sind. Dan Wittenberg, Präsident des kanadischen Unternehmens, prognostiziert einen gewaltigen Markt für Wasservillen aller Art. Es gebe weltweit immer mehr „einstmals florierende, erstklassige Hafenanlagen“, die zugunsten größerer Superhäfen aufgegeben wurden. Neue schwimmende Restaurants, Hotels und Läden könnten diese Stadtteile aufwerten und neu beleben. Zum andern bestehe ein erhöhter Bedarf an „floating structures“, so Wittenberg, wegen der weltweit steigenden Meeresspiegel – „ein Problem, dem keine Hafenstadt auf diesem Planeten entkommen wird“. Dabei existiere die Technik, die nötig sei, um alle für die Infrastruktur wichtigen Einrichtungen – etwa Polizeistationen und Krankenhäuser – aufs Wasser zu verlegen, doch bereits heute, wirbt der IMF-Chef für seine Betonplattformen.Interessant sind die Wasserhaus-Projekte auch für die Niederlande: Denn ein Viertel ihrer Gesamtfläche liegt unter dem Meeresspiegel. Weil infolge des Klimawandels nicht nur der Meeresspiegel steigt, sondern auch Starkregen-Ereignisse zunehmen, droht die Gefahr, dass künftig im kleinen Königreich immer mehr Gebiete dauerhaft unter Wasser stehen. Mit „Amphibienhäusern“ wären diese (Wasser-)Grundstücke weiter rentabel, „sogar in ausgewiesenen Überschwemmungszonen könnten so neue Wohnsiedlungen entstehen“, sagt Alexander Henny, Architekt in Loosdrecht.
Auch auf die Südküste Schwedens und die Uferzonen von Vänern und Vättern, den größten Seen des Landes, dürften steigende Wasserpegel „enorme Auswirkungen“ haben, meint Staffan Strindberg, Architekt in Kalmar. Und weil die Behörden nur noch Neubauten genehmigten, die mindestens 2,50 Meter über Normalnull liegen, könnten Schwimm-Häuser für alle, die trotzdem nahe am Wasser leben wollen, eine „interessante Alternative“ sein. Aber vor allem sei es, sagt Strindberg weiter, ein „wundervolles und ganz besonderes Wohnerlebnis“.