Mein

Wasserhäuser Schöner wohnen auf dem Wasser

18.11.2010


Die Idee der Schwimmhäuser findet immer mehr Anhänger. Auch in Deutschland könnte es ganze Siedlungen geben.

Mit Äxten bewaffnet stehen die Männer am Heck der „Alert“, um notfalls das Tau zu kappen, das ihren Schlepper mit dem flachen Betonkahn verbindet, den sie 35 Seemeilen weit durch die See der San Francisco Bay ziehen sollen. Schaudernd erinnert sich Wayne Greenwood an die siebenstündige Überfahrt von Sausalito, wo eine Firma den Unterbau seines künftigen schwimmenden Eigenheims gebaut hat, ins weiter südlich gelegene Redwood City. Der 78 Quadratmeter große Beton-Ponton erreicht unbeschadet seinen Liegeplatz in der Docktown Marina von Redwood City.

„Jetzt brauchte ich nur noch das Haus zu bauen“, meint der Ponton-Pionier. Unterstützt von Freunden, Nachbarn und einem Handwerker, der fast alle neueren Häuser in der Docktown Marina gebaut hat, schufen sich Greenwood und seine Frau Kelly ihre eigene Wasservilla – mit 112 Quadratmetern Wohnfläche, verteilt auf zwei Geschosse.

Der entscheidende Grund, auf Wasser zu bauen, seien die Grundstückspreise an Land, erklärt Wayne. In der San Francisco Bay Area koste Bauland für ein normales Einfamilienhaus „in minder begehrenswerter Lage“ wenigstens eine viertel Million Dollar. Die Liegeplatzgebühr in Docktown beträgt umgerechnet nur 250 Euro im Monat.

Im Vergleich zu den „Floating Home Communities“ in Sausalito, Portland und Seattle ist die in Redwood City mit kaum mehr als 20 Schwimm-Häusern klein. Bauvorschriften gibt es nicht. Freigeister sind sie, die Ponton-Pioniere – Individualisten, die „keine Angst haben, Risiken einzugehen und etwas Neues anzupacken“, erklärt die Immobilienmaklerin Fredrica Willing. Wer den Wohnort wechseln will, lässt sich bis zu 150 Kilometer schleppen – immer an der Küste entlang. „Mit einem Haus an Land können Sie so etwas nicht machen”, meint Willing.

Moderne „Fünf-Sterne-Communities“ unterscheiden sich von teilweise über 100 Jahre alten Hausboot-Siedlungen nicht nur dadurch, dass ihre Abwasserentsorgung funktioniert, sondern vor allem dadurch, dass sie auf Betonplattformen stehen, die unsinkbar, wartungsfrei und meistens von International Marine Floatation Systems (IMF) gebaut worden sind. Dan Wittenberg, Präsident des kanadischen Unternehmens, prognostiziert einen gewaltigen Markt für Wasservillen aller Art. Es gebe weltweit immer mehr „einstmals florierende, erstklassige Hafenanlagen“, die zugunsten größerer Superhäfen aufgegeben wurden. Neue schwimmende Restaurants, Hotels und Läden könnten diese Stadtteile aufwerten und neu beleben. Zum andern bestehe ein erhöhter Bedarf an „floating structures“, so Wittenberg, wegen der weltweit steigenden Meeresspiegel – „ein Problem, dem keine Hafenstadt auf diesem Planeten entkommen wird“. Dabei existiere die Technik, die nötig sei, um alle für die Infrastruktur wichtigen Einrichtungen – etwa Polizeistationen und Krankenhäuser – aufs Wasser zu verlegen, doch bereits heute, wirbt der IMF-Chef für seine Betonplattformen.

In Amsterdam nutzt die Stadtverwaltung diese Technik bereits. Östlich des Zentrums im neuen, auf Meeressand errichteten Stadtteil Ijburg setzt sie die neue Technik ein. Zeeburgerbaai heißt das Projekt aus zwei Plattformen mit einer Fläche von insgesamt 7700 Quadratmetern. Die Pontons bilden nicht nur die Basis für 41 Wohnhäuser mit jeweils bis zu 210 Quadratmetern Nutzfläche, sondern auch für Autos. Die künftigen Bewohner können direkt vor ihren Häusern parken oder von einem Steg in ihr Boot springen. Rund 10 000 schwimmende Häuser gibt es bereits in den Niederlanden,. Das Modell „Breukelen“, das eher an einen Schuhkarton als an eine Villa erinnert, gibt es ab 175 000 Euro. Zu den Baukosten kommen Architektenhonorare, Genehmigungen und Kosten für den Liegeplatz, der wie in Kanada unabhängig vom Haus verkauft werden kann, von insgesamt rund 155 000 Euro.

Interessant sind die Wasserhaus-Projekte auch für die Niederlande: Denn ein Viertel ihrer Gesamtfläche liegt unter dem Meeresspiegel. Weil infolge des Klimawandels nicht nur der Meeresspiegel steigt, sondern auch Starkregen-Ereignisse zunehmen, droht die Gefahr, dass künftig im kleinen Königreich immer mehr Gebiete dauerhaft unter Wasser stehen. Mit „Amphibienhäusern“ wären diese (Wasser-)Grundstücke weiter rentabel, „sogar in ausgewiesenen Überschwemmungszonen könnten so neue Wohnsiedlungen entstehen“, sagt Alexander Henny, Architekt in Loosdrecht.

Auch auf die Südküste Schwedens und die Uferzonen von Vänern und Vättern, den größten Seen des Landes, dürften steigende Wasserpegel „enorme Auswirkungen“ haben, meint Staffan Strindberg, Architekt in Kalmar. Und weil die Behörden nur noch Neubauten genehmigten, die mindestens 2,50 Meter über Normalnull liegen, könnten Schwimm-Häuser für alle, die trotzdem nahe am Wasser leben wollen, eine „interessante Alternative“ sein. Aber vor allem sei es, sagt Strindberg weiter, ein „wundervolles und ganz besonderes Wohnerlebnis“.

Hintergrund: Wasserhäuser
zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Schreiben Sie Ihre Meinung
Überschrift
Text


noch 1000 Zeichen


Informiert bleiben:
Bei jedem neuen Kommentar in dieser Diskussion erhalten Sie automatisch eine Benachrichtigung
Unsere Community-Regeln