LebenundWissen Protestkultur und soziale Netzwerke
Teilnehmer der Occupy-Protestbewegung haben sich vor dem Reichstag in Berlin versammelt. Hanna (Mitte) erklärt die Handzeichen für die Reaktion auf Rednerbeiträge. Bild: Bild: dpa
Twitter funktioniert auch in der realen Welt: Ein Aufruf mit 140 Zeichen übers Internet, und die Protest-Camper vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt bekommen Tee, Suppe und einen WLAN-Router. „Die Versorgung läuft super“, sagt Colin Below. „Es gibt viele Leute in der Umgebung, die arbeiten müssen, aber uns unterstützen wollen. Das ist Follower-Power.“
Follower, das sind Twitter-Nutzer, die Beiträge von anderen verfolgen. Die Aufrufe zur Unterstützung tauchen unter dem „Hashtag“ (Schlagwort) „OccupyFrankfurt“ auf. Zusammen mit Facebook hat der Internet-Dienst Twitter eine wichtige Bedeutung für die Protestbewegung, die sich zunächst an der Wall Street in New York und seit einer Woche auch in Deutschland gegen den Einfluss der Finanzwelt auf Politik und Gesellschaft richtet.
Twitter dient auch als Brücke für die Versammlungen im realen Raum – die innerhalb der Bannmeile vor dem Bundestag und ohne Anmeldung gar nicht Versammlungen sein dürfen. „Wir sind nur eine zufällige Anzahl von Individuen, die ohne Hierarchie kommunizieren“, sagt einer während der „Asamblea“ (spanisch: Versammlung) auf der Wiese vor dem Reichstagsgebäude. Seine Worte werden von anderen in kurzen Wortgruppen im Chor wiederholt: Das „Human Microphone“ (Menschenmikrofon), kurz „Human Mic“ genannt, trägt jeden Redebeitrag bis zum Rand der Versammlung.
„Das ist nicht nur ein technischer Ersatz fürs Megafon, sondern eine Kommunikationstechnik, die dabei hilft, sich anders auszudrücken und anders zuzuhören“, erklärt einer der Teilnehmer, der 40-jährige Software-Entwickler Florian Raffel. Wenn alle drei, vier oder fünf Wörter eine Pause für das Human Mic eingelegt werde, könne man die Gedanken kürzer und prägnanter formulieren. „So entsteht eine neue Gesprächskultur und wir sind unabhängig von Technik“, fügt ein weiterer Teilnehmer hinzu, der 34-jährige Schauspieler und Regisseur Johannes Ponader.
„Wiederholen heißt nicht zustimmen“, betont Ponader. Das Human Mic hat vor dem Reichstag auch die Stimme eines Polizisten verstärkt, der die Demonstranten nach ihrem nicht existierenden Versammlungsleiter fragte. Und ein Radioreporter sprach ins Human Mic, um die Asamblea als Gruppe zu befragen – denn diese lehnt es ab, Sprecher zu benennen. Die Teilnehmer reagieren mit Handzeichen auf jeden Redebeitrag – wenn man die Hände hochhält und bewegt, bedeutet das Zustimmung. Auf diese Weise wird der Redner nicht durch Klatschen unterbrochen. Ebenso gibt es Zeichen für Ablehnung und andere Reaktionen.
Die Diskussionen auf der Wiese und im Internet sind miteinander verknüpft. Ein Lifestream überträgt die Asamblea ins Netz. In Frankfurt wie in Berlin werden die wichtigsten Inhalte der Diskussionen auf Webseiten festgehalten. „Die Sozialen Netze spielen eine sehr große Rolle für uns, damit erreichen wir viele Menschen“, sagt der Frankfurter Colin Below.
Facebook und Twitter stehen im Mittelpunkt. Für Planung und Organisation sind Wiki und Pad wichtig: Hier können mehrere gleichzeitig an Dokumenten arbeiten. „Da wird dann solange umformuliert, bis ein Konsens entsteht“, erklärt der 22-Jährige. Für das Chatten in Echtzeit treffen sich die Zentralbank-Camper und ihre Unterstützer auch in einem eigenen IRC-Kanal, also auf einem mit dieser Technik eingerichteten Internet-Server.
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