Werkzeug Nicht übel, dieser Dübel
Über John Joseph Rawlings ist heute nur noch wenig bekannt. Die Zahl seiner Kinder, sein Geburtstag? Darüber kann man nur rätseln. Muss man aber nicht. Denn was viel entscheidender ist: Der Brite hat Millionen von Handwerkern und Heimwerkern auf der ganzen Welt die Arbeit erleichtert – ganz egal, ob es darum geht, ein Bild an der Wand anzubringen oder eine Markise an der Hausfassade zu befestigen. Rawlings ist nämlich der Mann, der vor 100 Jahren das Patent auf den ersten industriell gefertigten Dübel anmeldete. Erst mit seiner Erfindung wurde der Anker für die Wand zur Erfolgsgeschichte.
Über die Erfindung ist eine Anekdote überliefert: Rawlings, der zu dieser Zeit zusammen mit seinem Bruder einen Sanitär- und Elektrikbetrieb in London führte, erhielt 1910 einen Auftrag vom Britischen Museum. Er sollte an den Wänden Elektroinstallationen anbringen – möglichst unauffällig und ohne das Mauerwerk zu zerstören. Der Ingenieur löste das Problem auf eine relativ einfache, aber effektive Weise: Hanfschnur und einen Klebstoff aus Schweineblut verfestigte er um einen feinen Dorn herum und presste das Ganze mit einem Röhrchen zusammen. Dadurch entstand ein Zapfen, den Rawlings in das Bohrloch schieben konnte. Der Clou: Drehte er eine Schraube hinein, so brach diese den Zapfen auf und drückte die Fasern nach außen – der Dübel saß fest in der Wand. Als Befestigungsmittel hatte der kleine Holzblock, den man mühsam in die Wand stemmen musste, damit ausgedient.
Eine ähnliche, wenn auch von der breiten Öffentlichkeit weniger beachtete Erfindung gelang der Überlinger Firma Tox, die heute ihren Sitz in Krauchenwies hat, im Jahr 1973. Der sogenannte Tri-Dübel, ein Allzweckdübel aus Polyethylen, ist heute in den meisten deutschen Baumärkten zu finden. Anders als der Fischer-Dübel verhakt er sich nicht im Baumaterial, sondern bildet beim Verschrauben Knoten, die ihn dann auch in Lochsteinen, Gipskartonplatten oder Beton verankern. Der technische Unterschied dürfte aber hauptsächlich für Fachleute eine Rolle spielen. „Der Laie unterscheidet nicht zwischen Kunststoffdübel und Allzweckdübel“, sagt Ralf-Uwe Schrenk, der kaufmännische Leiter bei Tox.
Längst haben sich die Anforderungen in der Befestigungstechnik geändert. Bei der Firma Fischer sind immer noch die meisten Produkte aus Kunststoff. Doch neben Stahldübeln für die Befestigung schwerer Lasten sind in den vergangenen Jahren verstärkt chemische Systeme wichtig geworden. Das liegt vor allem am Baumaterial. Wurde früher massiv mit Stein gebaut, wird nun mehr auf Leichtbauweise gesetzt. „Entscheidend ist nicht mehr die Frage, was wir befestigen, sondern worauf“, sagt Volker Steinmaier, Pressesprecher von Fischer. Holz- und Gipswände brächten die Herausforderung mit sich, „in Luft zu bauen“. Durch die Isolationen an Häusern müssen teilweise 20 Zentimeter Gips oder Styropor überbrückt werden. So werden schwere Sanitär-, Klima- oder Solaranlagen mit Stahl und Chemie befestigt. Loch bohren, Chemiemörtel rein, Stahlanker hinterher, aushärten lassen. „So können Sie nach zwei Minuten zehn Tonnen dranhängen“, sagt Steinmaier.
Hersteller wie Fischer, die auch für den amerikanischen oder den ostasiatischen Markt produzieren, müssen noch weiter denken. Hält der Dübel den jeweiligen klimatischen Bedingungen stand, ist er erdbebensicher, was ist mit Ländern, die nicht den Meter als Maßeinheit haben? Ein Problem sei auch die Versicherung, sagt Steinmaier, und das vor allem vor dem Hintergrund zunehmender Produktpiraterie. Hersteller in China kopierten teilweise den Dübel aus Deutschland, um ihn dann mit dem Markenlogo zu versehen. Gebe es dann Probleme mit den Produkten, sei das Unternehmen in der Nachweispflicht, dessen Name auf dem Produkt steht.
Jedes neue Produkt, das in Deutschland zugelassen wird, muss vom Deutschen Institut für Bautechnik geprüft und zugelassen werden. Von der Kopie sei es aber in Sachen Aussehen und Gewicht überhaupt nicht zu unterscheiden. Oder, wie es Ralf-Uwe Schrenk von Tox ausdrückt: „Der Teufel steckt im Detail. Dübel ist halt nicht Dübel.“
John Joseph Rawlings wäre sicher beeindruckt über die heutige Technik gewesen. Wie hundert Jahre nach dem ersten Dübel-Patent die Zukunft des kleinen Werkzeugs aussieht? Gut möglich, dass auch in hundert Jahren noch daran getüftelt wird. Volker Steinmaier ist sich jedenfalls sicher: „Aufgrund der immer neuen Baustoffe wird es nie ein Ende geben“.
