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Gesellschaft Der siebte Tag der Woche

28.08.2010


Was wir am Sonntag dürfen – und was nicht: Die Tradition reicht zurück bis vor die Zeitenwende.

Das Knattern ist gleichmäßig, aber nervtötend. Langsam drängt sich der Ton in die Ohren, vertreibt die gemütliche Kaffeestimmung auf der Terrasse. Ein Blick über den Zaun zeigt es: Der Nachbar mäht gerade in aller Seelenruhe den Rasen – und das am Sonntag Nachmittag. Darf der das? Und warum empfindet man dieses Verhalten eigentlich als unpassend?

Das Gesetz regelt zumindest klar, welche beruflichen Arbeiten am Sonntag nicht zugelassen sind. Und das sind eine ganze Menge. Im Grundsatz ist Arbeit am Sonntag verboten. Aber es gibt im Arbeitszeitgesetz 16 Ausnahmen, die von der Arbeit der Polizei und der Krankenhäuser bis zur Landwirtschaft und den Zeitungen reichen – also das gewissermaßen Unerlässliche umfassen, was eine Gesellschaft ohne Ansehen des jeweiligen Wochentages zum Funktionieren braucht.

„Das Ganze beruht auf dem Verfassungsgrundsatz, dass Sonn- und Feiertage Tage der Ruhe sind“, sagt Manfred Löwisch, Professor für Arbeitsrecht an der Universität Freiburg. Was nun unerlässlich ist, darüber streiten sich Beschäftigte und Arbeitgeber. Wie etwa in jenem Fall des SC Freiburg, als ein Trainer unbedingt ein Sonntagstraining einführen wollte, weil er mit dem Trainingszustand der Mannschaft nicht zufrieden war. „Aus rechtlicher Sicht war das nicht zulässig“, sagt Löwisch. Es ging nicht um das Verbot des Sports an sich oder von angesetzten Spielen – sondern um die Arbeit des Trainings.

Letztlich beruht der Grundsatz, dass am Sonntag nicht gearbeitet werden soll, aber auf der Bibel. Gott lässt am siebten Tag der Schöpfung seine Arbeit ruhen – und so machen die Menschen es noch heute. „Die französische Revolution hat einmal versucht, einen Turnus von zehn Tagen einzuführen“, sagt Löwisch. Das habe sich aber nicht durchgesetzt, erklärt der Arbeitsrechtler. Ob nun der Nachbar am Sonntag den Wagen waschen oder den Rasen mähen darf, ist eine andere Frage – nämlich die des öffentlichen Rechts oder der öffentlichen Ordnung. Sie sagt: Er darf nicht. Weil aber nicht jeder mit dem Nachbarn Ärger will, drücken die meisten in solchen Fällen ein Auge zu.

Ohnehin ist die Gesellschaft in den letzten Jahren liberaler geworden. Wäsche waschen war etwa vor einigen Jahrzehnten am Sonntag noch völlig unmöglich. Heute in einer Zeit, wo Frauen und Männer gleichermaßen arbeiten, hat die Waschmaschine am Sonntag längst nicht mehr frei. Anders bewältigen die berufstätigen Paare ihren Alltag nicht mehr. Man hängt vielleicht nicht gerade die Bettwäsche in den Garten – aber die kleine Wäsche auf dem Balkon stört niemanden mehr.

Holger Müller, evangelischer Pfarrer auf der Insel Reichenau im Bodensee, hat eine klare Meinung zum Thema: „Der Sonntag ist zur Erholung da. Schade, wenn Menschen das nicht wahrnehmen.“ Was Gott sich bei der Schöpfung gegönnt habe, das sollte sich auch der Mensch gönnen. Und es sei auch eine Frage der Rücksicht auf andere. Freilich: Viel gearbeitet wurde an Sonntagen schon früher. Bauern haben oft gar keine andere Wahl. „Aber man sollte nicht mehr als das Nötigste tun.“

Kritisch sieht der Pfarrer die zunehmenden Sonntagsverkäufe: „Für die Leute, die im Verkauf arbeiten, gibt es keine gemeinsamen Zeiten mehr.“ Die Vereinzelung werde weiter auf die Spitze getrieben, ebenso die Bildung von Parallelgesellschaften.

„Der Kuchen kann aber nur einmal gegessen werden“, spielt er auf das begrenzte Geldvermögen der Menschen an. Als Pfarrer muss Müller natürlich selbst am Sonntag ran, ebenso am Samstag, etwa bei Trauungen. Dafür versucht er aber, den Montag von Verpflichtungen freizuhalten. Auch Beerdigungen gibt es normalerweise keine.

Werner Mezger, bekannter europäischer Ethnologe an der Universität Freiburg, meint: „Alle Kulturen kennen den Wechsel von Arbeitszyklen und Phasen der Ruhe und Erholung.“ Die Ursprünge unseres Sieben-Tage-Rhythmus reichten weit über die Zeitenwende zurück und stammten aus dem Zweistromland. „Die Römer hatten auch einmal ein System mit neun Tagen, sind aber auch auf die Sieben-Tage-Woche gewechselt. “

Im Übrigen sage einem ja auch der gesunde Menschenverstand, dass der Wechsel aus Arbeit und Ruhe sinnvoll sei. Der Mensch bestehe nicht nur aus Arbeit. „Am Sonntag beschäftigte man sich früher mit sich selbst und mit dem Jenseits“, so Metzger. Zum Teil werde der Sonntag noch streng gehandhabt, etwa bei orthodoxen Juden und dem Sabbat. Auch Mezger hält Sonntagsverkäufe für fragwürdig: Diese Dauer-Einkaufsbereitschaft werde dem menschlichen Wesen nicht gerecht. „Zum Alltagsleben gehören Rhythmen, sonst leidet die Zivilisation“, findet er.

Der „Feiertags-Christus“

Die Kirche kontrollierte Verstöße gegen die Sonntagsruhe früher übrigens ziemlich streng. Im Spätmittelalter gab es die Figur des „Feiertags-Christus“. Vor allem im Alpenraum finden sich Christus-Darstellungen, die Jesus zwar nicht am Kreuz, aber mit Dornenkrone darstellen. Um ihn herum sind alle Werkzeuge und Tätigkeiten aus dem Alltag zu sehen, die die Menschen nicht benutzen oder ausführen sollten, um sein Opfer nicht zu verhöhnen. Dazu gehörte zum Teil auch Sex. „Auf manchen Darstellungen sieht man ein Ehebett mit zwei Personen drin.“

Was das Rasenmähen am Sonntag betrifft, findet Mezger sehr deutliche persönliche Worte: „Das halte ich für einen Ausdruck gewaltigen Kulturverlusts.“ Da könne sich unsere Gesellschaft ein Beispiel an den Moslems nehmen, die ihre Regeln sehr viel strenger einhielten. Aber auch der Ethnologe muss zugeben, dass selbst er nicht alle Arbeiten am Sonntag ruhen lässt. Manches von der Woche holt er dann am Computer nach. Irgendwie tröstlich.

Das darf man am Sonntag nicht
das ist doch voll passé
Dass es am SOnntag vielen Menschen gut gehen kann, mit Müssiggang und süssem Nichtstun haben sie ...
Kulturen
Es mag sein, daß die Moslems ihre eigenen Regeln viel stärker einhalten, unsere Kultur achten ...
Feiertags- und Sonntagsruhe
... die ist schon seit einigen Jahren hin. Aber sicher nicht durch jene Zeitgenossen, die am ...
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