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LebenundWissen Der Friedhof im Internet

09.11.2011


Gerade einmal 70 Jahre alt wurde der Schlosser Johann Auer, dessen Leben sich heute im Internet nachlesen lässt: 1936 im Landkreis Cham geboren, Umzug nach München, Hochzeit, Einzug ins Eigenheim. 1992 geht der Montageleiter in den Vorruhestand, Jahre später erkrankt er an Rippenfellkrebs.

Als Johann Auer, genannt Hans, im Jahr 2007 nach langer Krankheit verstirbt, richtet sein Sohn ihm eine Gedenkseite im Internet ein. Bis heute zünden Verwandte und Freunde auf der Seite emorial.de virtuelle Gedenkkerzen für ihn an.

Das Webangebot ist eine von zahlreichen Trauerseiten, die es inzwischen im Internet gibt. Sie heißen friedparks.de, memoriam.de oder tributes.com und wollen Verstorbenen ein virtuelles Denkmal setzen. Waren die ersten Portale Mitte der 90er Jahre, wie das heute nicht mehr abrufbare Portal Memopolis aus Regensburg, rein künstlerischer Natur, haben Internetunternehmer inzwischen entdeckt, dass mit Tod und Trauer im Internet auch Geld zu verdienen ist. Bei der deutschen Seite emorial.de gibt es neben einer sehr einfach gestalteten kostenfreien Seite einen Premiumeintrag für 19 Euro, bei dem Trauernde Bilder von Verstorbenen hochladen und Texte schreiben können. Eine solche Seite bleibt laut Anbieter unbegrenzt erhalten. Ebenso dauerhaft ist das Angebot von friedparks.de, das 59 Euro kostet. Eine Gedächtnisseite bei memoriam.de, das zum Fachverlag des Bundesverbandes Deutscher Bestatter gehört, schlägt mit 119 Euro zu Buche und bleibt nur fünf Jahre erhalten – dafür werden die Seiten individuell gestaltet und von memoriam.de erstellt, wie der Geschäftsführer des Bundesverbandes, Rolf Lichtner, erklärt.

Mit den Internetportalen bekommt die Trauer und das Erinnern an Verstorbene eine größtmögliche Öffentlichkeit. Nach Ansicht von Reiner Sörries, Direktor des Kasseler Museums für Sepulkralkultur, sind die Trauerseiten im Internet Ausdruck einer sich verändernden Bestattungskultur. Die Trauerkultur sei immer offen für neue Medien gewesen, sagt er. Er verweist auf die Entstehung von Zeitungsannoncen, die den durch die Dörfer ziehenden sogenannten Leichenbitter ersetzten.

Das Portal emorial.de, das eigenen Angaben zufolge der größte deutsche Anbieter ist, zählte 2010 rund 230 000 Gedenkseiten. Neben den virtuellen Grabstätten für Privatpersonen richtete die Münchner Internetfirma auch zahlreiche Seiten für bekannte Persönlichkeiten ein: Für den Nationaltorhüter Robert Enke, die Wissenschaftlerin Marie Curie oder den Schriftsteller Friedrich Schiller. Als vor ein paar Wochen Apple-Gründer Steve Jobs verstarb, gab es auch für ihn eine Trauerseite.

Trotz der eindrucksvollen Zahl, die das Portal emorial.de präsentiert, schätzt Sörries das generelle Interesse an Online-Trauer-Angeboten allerdings „noch relativ gering“ ein. Der Professor für Christliche Archäologie und Kunstgeschichte führt das auf die Altersstruktur der Internet-Nutzer zurück. „Viele ältere Menschen sind nicht mit dem Internet aufgewachsen.“ Das Internet werde vor allem bei schweren Todesfällen – Todgeburten von Kindern etwa – als Ort der Trauer genutzt.

Die Trauerseite von Johann Auer wird unterdessen rege gepflegt. Mehrmals im Monat zünden Freunde und Verwandte für ihn im Netz eine Gedenkkerze an. Wie bei den Grablichtern auf Friedhöfen ist auch die virtuelle Kerze nach ein paar Tagen herunter gebrannt und muss erneuert werden.

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