Klimawandel Der Arktis geht das Eis aus
Die US-Satelliten über der Arktis sehen alles. Als sich im Sommer 2010 zwei Grönland-Wale im Meer zwischen Kanada und dem arktischen Eis trafen, blieb das Rendezvous nicht unbemerkt. Es hätte wohl kaum Aufmerksamkeit erregt, wenn der eine Wal nicht von Alaska gekommen wäre und der andere aus der Gegenrichtung von Grönland her. Der offene Kanal der Nordwestpassage machte das Treffen möglich. US-Biologen schrieben erstmals von einem „Austausch zwischen zwei Populationen“ – früher eine Unmöglichkeit. Denn da lag selbst im Sommer zwischen Baffin- und Ellesmere Island die tausende Kilometer breite Eisbarriere. Jetzt ist das Eis verschwunden, und die Wale pendeln zwischen den Meeren.
Auch in diesem Sommer herrschte in der Nordwestpassage wieder Verkehr. Das deutsche Forschungsschiff „Polarstern“ war dem Klimawandel in der Arktis auf der Spur. Der Bordhubschrauber flog mit einer Sonde über insgesamt 2500 Kilometer Eis, um seine Dicke zu messen. Das Ergebnis: Dort, wo das Eis in den vergangenen Jahrzehnten aus vier bis fünf Meter dicken Schollen bestand, liegt jetzt junges einjähriges Eis, das nur 90 Zentimeter dick ist.
Doch nicht nur dieses Fazit legt die Stirn der Männer vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Falten. Das Meereis der Arktis ist 2011 erneut auf eine rekordverdächtig kleine Fläche zusammengeschmolzen. Forscher der Universität Bremen sehen in der Ausdehnung von nur 4,24 Millionen Quadratkilometern eine Negativspitze. Das amerikanische National Snow an Ice Data Center (NSIDC) weicht leicht ab, meldet aber den zweitniedrigsten Wert seit 2007.
Während die Wissenschaft Negativ-Rekorde aufgrund des Klimawandels meldet und natürliche Schwankungen als Ursache ausschließt, öffnet sich für Rohstoff-Konzerne ein Tor zu riesigen Vorräten. Denn erneut nach 2008 sind im Sommer zwei legendäre Schifffahrtsrouten nutzbar: die nördliche vor der Küste Sibiriens und die Nordwestpassage durch den Inselarchipel Kanadas. Unter dem Meeresboden der arktischen Gewässer werden Mega-Vorräte an Erdöl und Erdgas vermutet. Sie wären leichter zu fördern, hätten Schiffe eisfreien Zugang. Die USA, Kanada, Dänemark und Russland kartieren eifrig den Meereboden, um ihre Wirtschaftszonen in die Arktis vorzuschieben und sich Claims zu sichern.
Der US-Wissenschaftler Laurence Smith hält es für möglich, dass das gesamte Nordpolarmeer bis 2050 gegen Ende des Sommers total eisfrei ist. Es böte dann Fahrwasser nicht nur für eine Handvoll Eisbrecher, „sondern auch für tausende gewöhnlicher Schiffe“.
Spätestens dann ist die Kulur der kanadischen Eskimos, der Inuit, Geschichte. Schon heute hat der Klimawandel ihr Leben völlig verändert. Um ihre Holzhäuser am Rande der Arktis wachsen Supermärkte und Flugplätze. Minen-Konzerne ziehen Barackenlager hoch und planieren Eis-Pisten für Lkw. Vom Run profitieren die Inuit und ihr Autonomiegebiet Nunavut wenig. Im Gegenteil: Alkohol zernagt die Menschen, Kriminalität gehört zum Alltag.Fast jeder Inuit auf Baffin Island im Alter von 10 bis 30 hat ein iPhone oder ein iPod und ihre Jacken haben Premium-Namen. Doch das meiste Geld für den Luxus kommt von der Regierung in Ottawa. Die Inuit erhalten Stütze und gehen selten einer Arbeit nach.
Selbst die Inuit, die nach der Kultur ihrer Väter Robben und Narwale jagen, verfolgt der Klimawandel in ihrem Alltag. Früher trieben die erlegten Tiere lange auf der Meeresoberfläche wegen des Salzgehalts des Wassers. Doch das viele Süßwasser, das die sterbenden Gletscher ins Meer abgeben, lässt die Beute jetzt absinken. Wer nicht aufpasst, kommt mit leeren Händen heim.
