Leben und Wissen „Viele Frauen trinken heimlich“
25.10.2010
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Herr Dr. Middendorf, früher griffen Frauen bei Problemen zur Tablette und die Männer zur Bierflasche. Ist das heute nicht mehr so?
Das Grundmuster stimmt noch. Die Frauen nähern sich aber im Trinkverhalten immer mehr den Männern an. Die Mädchen haben sich fast an die Jungs angeglichen, etwa was das Komatrinken betrifft. Alte Frauen haben noch mehr das Muster von früher gespeichert, dass Alkoholtrinken sich für Frauen nicht schickt. Sie greifen eher zur Tablette.
Trinken Frauen und Männer anders?
Der problematische Konsum von Frauen im mittleren Alter findet viel weniger im gesellschaftlichen Rahmen, sondern eher heimlicher und zurückgezogener statt. Die Frauen trinken, wenn sie allein sind, z.B. abends, um sich runterzudimmen nach dem anstrengenden Tag. Und sie trinken bewusster, um psychische Probleme zu betäuben. Es kann aber auch daran liegen, dass Männer in den Studien dies nicht als Grund angeben. Vermutlich gibt es da keinen so großen Unterschied. Frauen kombinieren aber häufiger als Männer Alkohol und Tabletten.
Offenbar sind es vor allem gut situierte und gut gebildete Frauen, die Alkohol konsumieren. Warum?
Zum einen sind diese Frauen psychisch besonders belastet, weil sie mehr besondere Probleme damit haben, berufliche und private Aufgaben zu vereinbaren. Da gibt es oft ein sehr hohes Ideal, dass sie in allen Rollen perfekt sein müssen. Dadurch ist der Druck sehr hoch. Zum zweiten sind die Frauen in diesen Kreisen aber auch etwas emanzipierter, sie tun sich leichter, auch in diese Männerdomäne vorzudringen. Und zum dritten: Alkohol ist teuer. Es ist auch eine Kostenfrage, sich den Prosecco zu leisten. Dieser Gesichtspunkt wird in der ärmeren Schicht auch eine bestimmte Rolle spielen.
Was trinken denn die Frauen, die zu Ihnen in die Klinik kommen? Es wird ja nicht die tägliche Flasche Whisky sein, die einstmals die Sängerin Janis Joplin zu sich nahm…
Die meisten trinken Wein und Prosecco oder Sekt. Natürlich gibt es auch Frauen, die harte Sachen trinken. Die meisten bevorzugen eher die niedrigprozentigeren Getränke. Die trinken dann an einem Abend leicht eine Flasche Wein und trinken sich damit auf einen hohen Promillegehalt. Es können auch schon mal ein oder zwei Flaschen Sekt am Tag weg sein. Je mehr die Alkoholkrankheit zunimmt, desto mehr verlagert sich das Trinken in den Tag, bis die Frauen schließlich am Morgen trinken, um die Entzugserscheinungen zu mildern. Das ist dann eine echte Abhängigkeit. Bei älteren Frauen findet man oft aber auch noch den Cognac und den Klosterfrau Melissengeist oder andere alkoholische „Medizin“.
Sind Wein und Sekt gesundheitlich betrachtet weniger schlimm?
Höherprozentige Alkoholika sind deut lich schädlicher und giftiger. Es kommt aber dabei natürlich auf die Menge an. Die kritische Grenze des täglichen Alkoholkonsums liegt für Frauen nur bei 12 Gramm und bei 24 bei Männern. 12 Gramm hat man mit einem Glas schon zusammen. Das in den hiesigen Breiten so beliebte Viertele liegt schon deutlich über der Grenze. Das Kriterium für riskanten Alkoholkonsum ist also sehr schnell erfüllt.
Warum ist die verträgliche Menge bei Frauen so viel geringer?
Das hat damit zu tun, dass sie Alkohol schlechter abbauen können. Und: Der Alkohol verteilt sich im Körper anders. Frauen haben im Vergleich zu Männern einen höheren Körperfettgehalt. Alkohol hält sich im Körper aber nur im Blut und in den wässrigen Bestandteilen auf und wird dort verarbeitet. Frauen erreichen also schneller eine höhere Alkohol-Konzentration und dann wird er auch noch langsamer abgebaut. Dadurch kommt dieser Effekt zustande und ein höheres Risiko für schädliche Folgen.
Wie sieht es mit den deutlich älteren Frauen aus?
Auch dort gibt es natürlich Abhängigkeiten, das Konsummuster ist jedoch eher noch so wie früher. Aber man geht auch bei älteren Frauen jenseits der 65 davon aus, dass 0,5 bis 1 Prozent von ihnen alkoholabhängig sind und etwa 7 Prozent einen riskanten Konsum haben. Bei den jüngeren Frauen zwischen 45 und 54 sind es 15 Prozent, die einen riskanten Konsum haben, bei Männern sind es 20 Prozent. Suchtkrank sind in der Gesamtbevölkerung insgesamt ca. 3,4 Prozent der Männer und 1,4 Prozent der Frauen.
Wie werden alkoholkranke Frauen behandelt?
Oft liegen andere psychische Probleme zugrunde, zum Beispiel eine Depression. Deshalb muss man auch diese Krankheiten mitbehandeln. Die Depression wird durch Alkohol schlimmer und umgekehrt.
Was raten Sie Frauen, die sich betroffen fragen, ob sie schon in eine Abhängigkeit rutschen?
Machen Sie ein Protokoll über Ihr Trinkverhalten und wann Sie was trinken. Oft geschieht das ja eher gedankenlos – und man übersieht das gerne. Schauen Sie genau hin, wieviel Sie trinken und wieviel Sie im Monat verbrauchen. Das zweite ist: Leberwerte bestimmen lassen und mit einem Fachmann besprechen, ob der Konsum bereits ins Riskante geht. Gut sind auch regelmäßige alkoholfreie Tage in der Woche. Kaufen Sie bewusster ein und betreiben Sie keine Vorratshaltung.
Da werden viele Frauen antworten, dass sie doch alles im Griff haben…
… das sind so die typischen Antworten auf dem Weg in Richtung Abhängigkeit. Da wäre es gut, mit jemand von der Suchtberatung zu sprechen.
Fragen: Beate Schierle
