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LebenundWissen „Zehn Meter am Tag sind realistisch“

27.08.2010
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Sebastion Wagner vom Institut für Bergbau und Spezialtiefbau an der Bergakademie Freiberg in Sachsen erklärt, warum die Rettung in Chile so lange dauert.

Sebastion Wagner vom Institut für Bergbau und Spezialtiefbau an der Bergakademie Freiberg in Sachsen erklärt, warum die Rettung in Chile so lange dauert.

Herr Wagner, es heißt, es könne Weihnachten werden, bis die eingeschlossenen Kumpel geborgen sind. Warum?

Der Bohrer schafft maximal 22 Meter am Tag. Schneller geht das bei der Dimension des Bohrers nicht. Aber auch dieser Bohrfortschritt wird nur erreicht, wenn die Bedingungen optimal sind. Man kann aber nicht davon ausgehen, dass das jeden Tag der Fall ist. Das ist in der Realität nicht zu schaffen.

Was kann die Bohrung bremsen?

Zunächst die geologischen Verhältnisse. Es gibt dort lockeres Nebengestein, und man muss aufpassen, dass das Bohrloch nicht zusammenbricht. Das heißt, man muss sofort Rohre ins Loch einbringen, die miteinander verschraubt werden. Andere Gefahr: Wenn man mit zuviel Druck bohrt, kann das zu einem Schaden am Bohrkopf führen. Auch kann immer etwas passieren, und es ist daher kaum denkbar, dass der Bohrer zwei, drei Monate ohne Schwierigkeiten durchläuft. Nicht nur die Bohrkrone kann kaputtgehen und muss aufwändig gewechselt werden, sondern es kann auch die Hydraulik Schaden nehmen, die das Bohrklein nach oben befördert. Daher sind 50 Prozent der maximalen Tagesleistung des Bohrers eher realistisch – das sind dann zehn Meter.

Es gibt ja bereits eine Versorgungsbohrung. Kann man die nicht erweitern, und die Männer so retten?

In der Zeit des Aufbohrens würde die ganze Versorgung und Kommunikation wegfallen. Man will natürlich vermeiden, dass der einzige Kontakt, den es nach unten gibt, im Fall einer Aufbohrung planmäßig blockiert ist, oder aber unplanmäßig, wenn es zu einem Zwischenfall kommt.

Ist es realistisch, die Verschüttungen in dem Stollen zu beseitigen und die Männer so schneller rauszuholen?

Das ist theoretisch eine Möglichkeit, die auch praktisch funktionieren kann. Sie wird aber in Chile nicht mehr in Betracht gezogen. Vermutlich haben die Experten Angst, dass es dann zu weiteren Verschüttungen kommt. Denn das ist ja bei der ersten Rettungsaktion passiert. Die Frage ist also: Welche unwägbaren Risiken nimmt man in Kauf? So aber hat man sich für die sichere Variante entschieden. Sie nimmt zwar mehr Zeit in Anspruch, aber in dem Bereich, in dem jetzt gebohrt wird, hat kein Abbau stattgefunden. Das macht den Untergrund viel stabiler.

Werden in Deutschland Bergleute auf Extremsituationen vorbereitet?

Es gibt in Bergwerksunternehmen Einweisungen in Notlagen. Aber es ist nicht möglich, eine Zeit von drei, vier Monaten zu simulieren, in der die Bergleute eingesperrt sind. Man kann die Männer nur dafür sensibilisieren, dass sie verschüttet werden können. Aber einüben kann man wenig.

Wie wird die Psyche stabilisiert?

Es werden Psychologen hinzugezogen. Diese versuchen dann, die Stimmung der Eingeschlossenen so bei Laune zu halten, dass es nicht zu Konflikten unter den Kumpel kommt.

Fragen: Alexander Michel

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