Mein

Wirtschaft Mehr als nur ein Dorfladen

12.11.2011
Schlagwörter


In den kleinen Läden direkt im Dorf gibt es nicht nur regaionale Lebensmittel, sondern auch Zeit für ein Schwätzchen. Für Senioren sind die Geschäfte oft die einzige Möglichkeit zum Einkaufen.
Interview: "Über 30 Prozent unserer Produkte sind regionaler Herkunft"

Ein Hauch von frischen Brötchen und Kaffee liegt in der Luft. Vier Damen sitzen an einem Tisch am Fenster. In dem kleinen Laden frühstücken sie jeden Freitag gemütlich, plaudern und lachen. Und haben immer ein einen guten Ratschlag, wenn es einer von ihnen nicht gut geht. Die Damen haben sich schick gemacht, mit Halstuch, Blazer und Perlenkette. Jede von ihnen ist schon längst im Rentenalter. Deshalb sind sie froh, dass es in ihrem Ort den Dorfladen gibt. Dieser ist mittlerweile zum zentralen Treffpunkt in Wallhausen nahe Konstanz geworden. Die älteren Bewohner können ihn ohne Bus und Auto gut zu Fuß erreichen. Jeder kennt hier jeden. Die Verkäuferinnen fragen noch, wie es einem geht. Die Mitarbeiter tragen die Einkäufe ins Auto.

Das kleine Geschäft ist mittlerweile das einzige im Ort. „Früher gab es hier noch einen Bäcker, eine Metzgerei, eine Bank und eine Post“, erinnert sich Elisabeth Bossard, die jeden Freitag bei der Frühstücksrunde dabei ist. Heute ist der Dorfladen die einzige Möglichkeit, an frisches Obst und Gemüse, an Fleisch, Fisch, Käse und Drogerieartikel in der Nähe zu kommen. „Ich bin dankbar, dass es dieses Geschäft bei uns gibt“, sagt die Rentnerin.

Dorfläden versorgen nicht nur die Menschen in Wallhausen. Von einer regelrechten Renaissance der Nahversorgung spricht Wolfgang Gröll aus Bayern, der für die Unternehmensberatung BBE arbeitet und schon mehr als 100 solcher Projekte begleitet hat. „Ich sehe die Zukunft der Dorfläden sehr gut.“ Es gebe in den ländlichen Gebieten immer mehr Single-Haushalte bei den älteren Menschen. „Diese wollen in ihrem Dorf einkaufen, weil sie vielleicht auch nicht mehr mit dem Auto fahren können“, sagt Gröll.

Den Dorfladen in Wallhausen gibt es seit gut zwei Jahren. Nachdem das letzte Geschäft geschlossen hatte, haben sich viele Bürger für einen neuen Laden eingesetzt. Nach rund eineinhalbjähriger Vorbereitungszeit und Gründung einer Genossenschaft konnte der kleine Betrieb im April 2009 seine Türen für die Kundschaft öffnen. „Und von Jahr zu Jahr wird der Laden besser angenommen“, sagt Regina Kompp, stellvertretende Vorsitzende der Genossenschaft „Dorfladen Wallhausen eG“. Das bestätigen auch die Umsatzzahlen, die in diesem Jahr deutlich höher lagen als im Jahr 2010.

Aber auch junge Familien würden das Angebot annehmen. Früher sei das anders gewesen. „In den 60er Jahren waren die Familien viel größer und das Geld war knapp“, sagt Gröll. Das sei die Zeit der Discounter gewesen, in den man billig Lebensmittel kaufen kann. Heute legen die Familien vor allem Wert auf regionale Produkte. „Sie wollen wissen, woher ihre Lebensmittel kommen“, erklärt Gröll. Dafür seien sie auch bereit, tiefer in die Tasche zu greifen.

So wie Katharina Brinkmann. Mit einem Einkaufswagen fährt die Wallhausenerin durch die Gänge des kleinen Geschäftes. Obst, Gemüse, Wurst und Käse hat sie bereits eingekauft. Begleitet wird sie von ihrem kleinen Sohn. „Meistens bekommt er hier sogar etwas geschenkt“, sagt die Kundin. Falls es dem Jungen langweilig wird, kann er sich an einem Tisch mit Malbüchern beschäftigen. Katharina Brinkmann erledigt alle ihre Einkäufe in Wallhausen. Wohlgemerkt, für eine fünfköpfige Familie. „Das ist der Laden mit dem besonderen Service“, schwärmt die junge Frau. „Frischer geht es kaum. Außerdem bekomme ich hier alles, was ich brauche. Auch die Preise sind fair.“ Obst und Gemüse kommen aus der Region. Das ist nicht nur den Kunden wichtig, sondern auch der stellvertretenden Vorsitzenden Regina Kompp. Dafür fährt sie mehrmals die Woche nach Bodman. „Wir wollen regionale Produkte verkaufen. Das heißt zwar, dass es im Winter keine Erdebeeren gibt, aber die haben wir ja im Sommer genügend essen können“, scherzt Kompp.

Rund acht Euro geben die Kunden pro Einkauf aus. Damit sich der Laden hält, müssen etwa 350 Haushalte für 80 Euro im Monat dort einkaufen. „Wir werden in diesem Jahr plus minus Null herauskommen“, vermutet Kompp. Damit der Umsatz am Ende des Jahres stimmt, bietet der Laden nicht nur Lebensmittel an, sondern auch Busfahrkarten, einen Fahrradverleih und einen Versandshop. 30 Ehrenamtliche unterstützen den Laden. Darunter ist auch Gudrun Weinmann, die das Freitags-Frühstück organisiert. Neben den Ehrenamtlichen gibt es eine Vollzeitstelle und eine 60-Prozent-Kraft. Drei weitere Frauen arbeiten für jeweils 400 Euro.

Auch in Sipplingen versorgt ein kleines Geschäft das Dorf. „In den Sommermonaten kommen täglich 400 bis 500 Kunden“, sagt Melanie Beirer, Tochter des Inhabers Alwin Beirer. Seit 2003 existiert dort der Familienbetrieb. Die Beirers kommen selbst aus Sipplingen. „Wir kennen die meisten unserer Kunden und haben immer ein bisschen Zeit für ein Schwätzchen mit ihnen“, sagt Melanie Beirer. Die Gemeinde Sipplingen stehe bald vor dem Problem, dass der Bäcker, der Metzger und das Schreibwarengeschäft schließen werden. Aus Altersgründen, sagt Beirer. „Da sind die Einwohner froh, dass sie bei uns das Nötigste bekommen und nicht erst mit dem Auto nach Überlingen oder Ludwigshafen fahren müssen“, sagt die Unternehmerin.

So geht es auch den Damen aus Wallhausen, die sich jeden Freitag zum Frühstücken treffen. Außerdem ist der Dorfladen für sie zum wichtigen Anlaufpunkt geworden. „Wenn es nicht so viele Menschen gebe, die sich so stark für die kleinen Geschäfte einsetzen, wären viele Bürger in ihrer Lebensqualität enorm eingeschränkt“, sagt der bayrische Unternehmensberater Wolfgang Gröll. Und die vier Damen aus Wallhausen könnten nicht mehr zum Einkaufen kommen. Oder auf einen Kaffee-Plausch.

zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Schreiben Sie Ihre Meinung
Überschrift
Text


noch 1000 Zeichen


Informiert bleiben:
Bei jedem neuen Kommentar in dieser Diskussion erhalten Sie automatisch eine Benachrichtigung
Unsere Community-Regeln