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Wirtschaft Wirtschaft macht Schule

Immer mehr Schüler wollen wissen, wie die Wirtschaft eigentlich wirklich funktioniert und wählen es – wenn möglich – als Schulfach. Ein Unterrichtsbesuch in Gaienhofen

Gar nicht so schwer! Viele junge Menschen wollen lernen, wie die Wirtschaft funktioniert. Einige Gymnasien stellen sich darauf ein.
Gar nicht so schwer! Viele junge Menschen wollen lernen, wie die Wirtschaft funktioniert. Einige Gymnasien stellen sich darauf ein. | Bild: Fotolia

Draußen plätschert der Bodensee, drinnen büffeln die letzten Dreizehntklässler für ihre anstehende Abiturprüfung. Lehrer Klaus Dinkelaker spricht heute über Steuerhinterziehung am Beispiel Liechtenstein. Wie war das doch gleich mit der Affäre um Ex-Postchef Klaus Zumwinkel? Er versteckte in dem Fürstentum mehrere Millionen Euro vor den deutschen Finanzbehörden. Die Schüler lesen dazu einen Zeitungsartikel, Dinkelaker startet seine Powerpoint-Präsentation. Nach einigen „Slides“ kommt eine Mischung aus Frontalunterricht und Diskussion. Die 19-Jährigen sprechen über den Sinn und Unsinn von Millionen-Gehältern von Managern, die Gier nach mehr Geld, die Flucht in Steuerparadiese.

In 90 Minuten formulieren die 25 Schüler mehr Fragen als Antworten: fleißig, engagiert, niemand quatscht dazwischen, selbst der Klassenkaspar meldet sich brav zu Wort. Klaus Dinkelaker ist zufrieden. Disziplin komme auch ohne strenge Regeln aus, so der Reformpädagoge. „Wenn jemand zwei Mal zu spät kommt, ist auch dem Schüler klar, dass er nicht mehr mitmachen kann”, sagt Dinkelaker. Er will, dass seine Schüler die feinen Unterschiede erkennen, ins Nachdenken kommen, den Blick von beiden Seiten lernen.

Betriebswirtschaftliche Begriffe wie Buy-out-Phase, CEO-Compensation oder Wertschöpfungskette sind den 16- bis 19-Jährigen vertraut. Ebenso solche aus dem Religionsunterricht – christliche Nächstenliebe, Sünde, Vergebung. „Moral und Profit sind für uns keine Gegensätze“, so Dinkelacker. Zusammen mit seinem Kollegen Oliver Nöldeke unterrichtet er das Fach seit fünf Jahren. Dinkelaker auf Englisch „business and society“, Nöldeke auf Deutsch „Wirtschaft und Verantwortung“. Josef Wieland, Professor an der Fachhochschule Konstanz, hat das Gymnasium mit einem Team von Wirtschaftsethikern beraten, neben den Ökonomen war auch ein Theologe dabei.

Das Lehrbuch für Wirtschaftsethik im Schulunterricht gibt es nicht. Die Lehrer in Gaienhofen behelfen sich mit zwei dicken Leitz-Ordnern. Schulleiter Dieter Toder ist stolz auf dieses Modellprojekt in Baden-Württemberg. Bis vor Kurzem gab es hier auch noch ein Internat. Dessen Betrieb wurde aber aus Kostengründen und nach einem Missbrauchsfall eingestellt. Stattdessen freut sich Toder über „Boris”, ein Siegel der Industrie- und Handelskammer für besonders berufsorientierte Schulen.

Die evangelische Schule wolle ihre Schüler im „Dienst am Nächsten“ vorbereiten, so Toder. Dazu gehöre aber auch, sie aufs Berufsleben vorzubereiten. Toder wünscht sich, dass seine Schüler Verantwortung übernehmen. Nach Schulschluss im Ruderboot, beim Segeln oder im Vokalensemble. Nach Abitur und Studium im Berufsleben irgendwo in der Republik oder im Ausland. Die Kursteilnehmer wissen, was sie beruflich machen wollen, welches Fach sie studieren wollen.

Die Schüler müssen sich auf einen der 25 Plätze pro Jahr bewerben. Voraussetzung für ihre Kursteilnahme: gute Noten, ehrenamtliches Engagement. Dabei lockt auch ein Austauschprogramm. Karriere-Vorteil für die Schüler: Sie haben bereits ein Auslandspraktikum im Lebenslauf. Frederic Sengs machte zum Beispiel ein Praktikum in England bei einem Personalvermittler, der sich auf Luftfahrtunternehmen spezialisiert hat. Ab Oktober will er nun Wirtschaftsrecht studieren. Für ihn war das Fach „Wirtschaft und Verantwortung“ eine Art vorgezogenes Wirtschaftstudium: „Ich will verstehen, wie Unternehmen ticken“, so der 19-Jährige.

Ingesamt 40 Partnerfirmen haben die Gaienhofener Lehrer für ihr neues Schulfach gefunden. Zum Beispiel eine Spedition, die Sparkasse und Alcan, den Aluminium-Verarbeiter in Singen. Manche machen ein Praktikum bei der Konstanzer Niederlassung von Siemens. Ein Konzern, der in den vergangenen fünf Jahren für Schlagzeilen sorgte. Einige Manager waren hier in Deutschlands bislang größten Korruptionsskandal verwickelt. Die Praktikanten bei Siemens lernten daher nicht nur, wie eine Postverteilmaschine funktioniert. Der Geschäftsführer versicherte ihnen höchstpersönlich, dass man in Konstanz mit Korruption nichts zu tun gehabt habe.

Lehrer Klaus Dinkelaker hat sich zuvor seine Wirtschaftskenntnisse selbst beigebracht. An der Uni paukte er lieber Englisch und Geschichte. Kollege Nöldeke studierte zuvor Latein. Den beiden Pädagogen geht es vor allem um zwei Ebenen im Unterricht. Ihre Schüler sollen die großen Wirtschaftssysteme kennenlernen – aber auch Fragen rund um ihre eigene Berufswahl beantworten.

Dinkelakers Kinder saßen ebenfalls im Wirtschaftsethik-Kurs, gehörten zu den ersten Absolventen 2007. Seine Tochter arbeitet nach ihrem Jurastudium nun bei einem bekannten Outdoorhersteller. Sein Sohn heuert nach dem BWL-Studium bei einer internationalen Unternehmensberatung an. Dinkelaker betont, seinen Kindern dabei kaum Vorgaben gemacht zu haben. Nur beim Englischunterricht hätte er doch nachgehakt: „Im Business muss man diese Sprache einfach perfekt beherrschen.“

Auch jenseits des Bodensees unterrichten Privatschulen Betriebs- und Volkswirtschaft. Am Elite-Internat Schloss Salem wird Wirtschaft zweisprachig unterrichtet – bis zum Abitur oder dem International Baccalaureate. Auch im Schwarzwald, am katholischen Internat St. Blasien, bewerben sich mehr Schüler um Kursplätze als verfügbar sind – Tendenz steigend. „Wirtschaft ist ein wesentlicher Teil der Welt- und Lebenserfahrung der Menschen“, so Klaus Mertes, Leiter des Kollegs St. Blasien. Grundkenntnisse in diesem Bereich gehörten zur Allgemeinbildung. Dabei verweist er auf Vordenker der katholischen Soziallehre. Während sein evangelischer Kollege am Bodensee über die kirchliche Tradition spricht, sich mit ethischen Fragen auseinanderzusetzen – nicht nur im Religionsunterricht. Statt eines integrierten Betriebspraktikums wie in Gaienhofen, das nicht selten als Karriere-Sprungbrett dient, machen die Schüler in St. Blasien ein Sozialpraktikum. Zwei Wochen lang arbeiten sie in einer Obdachlosenküche oder Behinderten-Werkstatt. Auch diese Bereiche gehören zur Wirtschaft.

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