Bonn/Stuttgart Windkraft im Baden-Württemberg: Doppelter Rückschlag für Landesregierung

Bei der ersten Ausschreibungsrunde für neue Windräder in Deutschland geht der Südwesten leer aus. Das ist für das Land auch bedauerlich, weil sich anderswo in der Republik insbesondere Bürgerenergiegenossenschaften gegen Energiekonzerne durchsetzen konnten und nun viele Windanlagen bauen können.

Stuttgart/Bonn – Baden-Württembergs Pläne zum Ausbau der Windkraft haben einen massiven Dämpfer erlitten. Bei der ersten Ausschreibungsrunde zum Bau von Windenergieanlagen ging der Südwesten leer aus. Das geht aus Daten des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) hervor, die der SÜDKURIER ausgewertet hat. Demnach werden in den kommenden Monaten in Niedersachsen und Brandenburg mit knapp 247 beziehungsweise 158 Megawatt am meisten neue Windrad-Kapazitäten errichtet. Grob gerechnet haben moderne Anlagen eine Leistung von je mindestens drei Megawatt. Baden-Württemberg indes ging in dem Bieterverfahren ähnlich wie Sachen oder Thüringen ganz leer aus. Hier kam kein Bieter zum Zug. Ein Sprecher des Stuttgarter Energieministeriums sprach von einem "enttäuschenden und durchaus unerwartet deutlichen" Verlauf der Ausschreibungsrunde, die eine "Nord-Süd-Schieflage" beim Ausbau der Windkraft offenbare.

Ähnlich sehen es unabhängige Fachleute. Mit Blick auf die ambitionierten Ausbauziele der Landesregierung in Stuttgart sprach der Energiepolitische Sprecher des Anlagenbau-Verbands VDMA, Matthias Zelinger, von einem "wohl nicht akzeptablen Ergebnis" der Ausschreibungsrunde. Er wies allerdings darauf hin, dass die aktuelle Windkraftausschreibung nur die Auftaktrunde im Jahr 2017 darstellt. In zwei weiteren Runden haben Anlagenplaner im Jahresverlauf noch die Möglichkeit zu bieten.

Auffallend bei der aktuellen Ausschreibungsrunde ist auch, dass sich im Bundesgebiet – entgegen ersten Erwartungen – Bürgerinitiativen die allermeisten Windradprojekte sichern konnten. Nach BMWi-Daten gingen 93 Prozent aller bundesweiten Zuschläge für neue Windkraftanlagen an Bürgerenergiegesellschaften, was insgesamt 65 Projekten entspricht. Engagierte Bürgerprojekte werden im Bieterverfahren bevorzugt behandelt und haben so einen Vorteil gegenüber professionellen Windkraft-Planern wie Energiekonzernen. So müssen Bürgerprojekte beispielsweise weniger finanzielle Sicherheiten zum Bau von Windrädern vorhalten und haben länger Zeit, die Windparks zu verwirklichen.

Die Förderung entsprechender Bürger-Initiativen, etwa zum Bau von Windparks, ist insbesondere in Baden-Württemberg ein besonderes Anliegen der Regierungspolitik. Dass durch den Totalausfall des Landes bei der Ausschreibungsrunde auch in diesem Punkt der Abstand des Südwestens gegenüber anderen Bundesländern größer wird, muss nachdenklich stimmen.

Aus der aktuellen Ausschreibungsrunde geht auch hervor, dass der Preisverfall im Windenergiegeschäft weiter anhält. Die 807 Megawatt Leistung, die jetzt ausgeschrieben waren, erhalten durchschnittlich noch eine Förderung aus dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz von 5,71 Cent je Kilowattstunde.

Der Kostenrückgang gehe auch bei Windkraft an Land weiter, sagte VDMA-Experte Zelinger. Erst kürzlich hatten die Unternehmen EnBW und Dong für Furore gesorgt, weil sie für Windfarmen auf hoher See ganz auf eine staatliche Förderung verzichten wollen. Allerdings sollen die Projekte auch erst in kommenden Jahrzehnt in Betrieb gehen. Dann, so das Kalkül der Energiekonzerne, sind effizientere Anlagen verfügbar, die Wind günstiger in Strom umwandeln. Außerdem kalkuliert man mit höheren Strom-Verkaufserlösen an Börsen und im Großhandel, unter anderem weil Kernkraftwerke in Deutschland keinen Strom mehr produzieren werden und Energie daher knapper wird.

Anders als noch vor einem Jahr müssen Windenergieprojekte in Deutschland heute in einem Bieterverfahren ausgeschrieben werden. Wer zu den günstigsten Kosten Windenergie anbietet, erhält den Zuschlag. Früher wurden den Anlagenbetreibern feste Vergütungen für jede erzeugte Kilowattstunde Strom zugestanden und über 20 Jahre gewährt. Dieses System stellte sich aber als zu teuer heraus, verursachte es doch Kosten von bis zu 23 Milliarden Euro jährlich, die die Energieverbraucher über ihre Stromrechnung zahlen mussten.

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