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Stuttgart Warum immer mehr Chefs auf Krawatten verzichten

Immer mehr Chefs legen das Statussymbol Schlips ab. Vorbild sind dynamische junge Firmen aus den USA

Das amerikanische Silicon Valley, wo sich Unternehmen wie Google, Facebook oder Apple tummeln, ist für die deutsche Industrie derzeit die Benchmark, wie man auf Neudeutsch sagt. Das Technologie-Tal im Bundesstaat Kalifornien setzt nicht nur Maßstäbe in der Entwicklung von digitalen Geschäftsmodellen, sondern beeinflusst auch die Unternehmenskultur in deutschen Firmen. Hierarchien sollen flacher und Entwicklungsprozesse kürzer werden. Dynamik und Agilität sind die Zauberworte in den Chefetagen. Auch äußerlich nähern sich die Wirtschaftsbosse ihren Vorbildern aus den USA an und verzichten immer öfter auf Krawatten. Schließlich trug auch der legendäre Apple-Gründer Steve Jobs bei der Präsentation des neuesten iPhones lieber einen schwarzen Rollkragenpullover und auch Facebook-Chef Mark Zuckerberg trifft man fast grundsätzlich im grauen T-Shirt an, von dem er offenbar mehrere in petto hat.

Daimler-Chef Dieter Zetsche will die Unternehmenskultur umkrempeln. Bild: afp
Daimler-Chef Dieter Zetsche will die Unternehmenskultur umkrempeln. Bild: afp | Bild: JIM WATSON

Prominentestes Beispiel der neuen Oben-Ohne-Kultur ist Dieter Zetsche. Wenn der Daimler-Chef einen offiziellen Termin besucht, lässt er seit einiger Zeit bewusst Anzug und Krawatte zu Hause im Schrank hängen. Lieber kommt er in Jeans, Turnschuhen und mit offenem Hemd. „Mit dem Schlips bin ich nie warm geworden“, gibt er offen zu. Dem promovierten Ingenieur geht es nicht nur um Bequemlichkeit. Er möchte in seinem Unternehmen auch eine modernere Managementkultur vorleben. „Wir haben etwa beschlossen, dass Entscheidungen künftig schneller fallen sollen“, erklärt er. „Heute können noch bis zu sechs Hierarchiestufen mit einer Entscheidung befasst sein. Wir sagen jetzt: Egal, wer wo involviert ist, mehr als zwei Stufen wollen wir nicht“, so Zetsche weiter. Grundlage für diesen Hierarchieabbau sei das Programm „Leadership 2020“, mit dem Daimler mehr Risikofreude wecken will.

Er trägt lieber T-Shirt als Anzug und Krawatte: Adidas-Chef Kasper Rorsted. Bild: adidas
Er trägt lieber T-Shirt als Anzug und Krawatte: Adidas-Chef Kasper Rorsted. Bild: adidas | Bild: © adidas Group (photographer: Hannah Hlavacek)

Auch der neue Adidas-Chef Kasper Rorsted mag es lieber sportlich. Während er zuvor als Henkel-Chef noch klassisch Anzug und Krawatte getragen hatte, setzt er nun lieber auf bequeme Kleidung. "Meine Anzüge hängen mittlerweile im Schrank. In der Sportartikelindustrie geht es lässiger zu, was mir durchaus entgegenkommt", sagt er. Er passe sich gerne der neuen Unternehmenskultur an. "Wenn mir Sportlichkeit fremd wäre, hätte ich mich ja auch nicht für Adidas entschieden", sagt er. Neben dem Schlips-Verzicht verbindet Rorsted und Zetsche auch die für einen Vorsitzenden eines Dax-Konzerns unkonventionelle Bart-Mode. Während Zetsche einen buschigen Schnurrbart trägt, zeigt sich der Chef des Drei-Streifen-Konzerns gerne mit Drei-Tage-Bart.

Ohne Schlips: ZF-Chef Stefan Sommer bei der Eröffnung des ZF Forums. Bild: Pries
Ohne Schlips: ZF-Chef Stefan Sommer bei der Eröffnung des ZF Forums. Bild: Pries | Bild: Axel Pries

Beim Autozulieferer ZF trägt das Management auf offiziellen Terminen zwar in der Regel noch Krawatten. Doch auch in Friedrichshafen scheint sich die Kleiderordnung langsam zu lockern. So trugen bei der Einweihung des ZF-Forums im November weder ZF-Chef Stefan Sommer noch der Aufsichtsratsvorsitzende Giorgio Behr eine Halsbinde. Die eher konservative Branche der Autozulieferer befindet sich derzeit nicht nur technologisch, sondern auch modisch im Wandel. Sowohl Bosch, die Nummer eins der Branche, als auch Continental, die Nummer zwei, haben die Krawattenpflicht weitgehend abgeschafft. "Jeder soll es halten, wie er mag. Wir müssen dazu keinen neuen Dresscode erlassen", sagt Bosch-Chef Volkmar Denner. Ganz offen gibt er zu, dass er sich damit an der Gründerkultur orientiert. "Ich möchte im Unternehmen eine Start-up-Kultur etablieren. Ich möchte, dass wir ständig Neues wagen.

Und das Hemd ohne Krawatte ist nun mal ein wichtiges Signal für diese andere Kultur", sagt er. Conti-Chef Elmar Degenhart trat bei der letzten Bilanzpressekonferenz ebenfalls ohne Schlips auf. "Wir passen uns den Gegebenheiten der Industrie an", sagte er. Man denke im Unternehmen schon länger über die Kleiderfrage nach und wolle durch ein lockeres Outfit bewusst mehr Nahbarkeit vermitteln.

Der Trend zum lässigen Auftreten geht übrigens weit über die Wirtschaft hinaus. So verzichtet auch der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras von der Linkspartei Syriza grundsätzlich auf den Halsschmuck. Hier ist weniger die Affinität zu den großen amerikanischen Digitalkonzernen ausschlaggebend. Vielmehr gilt in linken Kreisen die Krawatte als Symbol des Establishments. Und eine soziale Revolution in Anzug und Krawatte anzetteln zu wollen, klingt nach einem schlechten Schlachtplan. Doch auch dieses Links-Rechts-Schema geht heutzutage nicht mehr auf. So zeigte sich auch der scheidende US-Präsident Barack Obama, sicherlich kein klassischer Linker, oft mit offenem Hemdkragen. In der ganzen Debatte um einen lockeren Managementstil geht allerdings eine Frage unter: Was können eigentlich Frauen machen, wenn sie ihre Lockerheit zur Schau stellen wollen?

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