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Wirtschaft Mit Vollgas in den Untergang

Die Propheten des Untergangs stellt man sich anders vor. Nicht so nett und sympathisch wie diese beiden Männer.

Bild: Robert Kneschke, Thomas Francois- Fotolia / montage: hutsch

In T-Shirt, Pulli und Freizeithemd und voll jugendlichem Elan wirken sie wie zwei fröhliche Studenten. Und sie sind auch gerade auf dem Weg zur Volkshochschule Konstanz. Jedoch als Referenten. Was sie mitzuteilen haben ist beängstigend: Das Finanzsystem steht vor dem Aus. Die überschuldeten Staaten steuern unausweichlich auf die Pleite zu. Die Mittelschicht wird einen großen Teil ihres Vermögens und ihrer Altersvorsorge verlieren. Glücklich, der noch ein Äckerchen hat und Kartoffeln anbauen kann. Starker Tobak.

Zu gerne würde man Marc Friedrich (37) und Matthias Weik (36) als Wichtigtuer und Berufspessimisten abtun. Doch sie können ihr Schwarzsehen beklemmend gut begründen. Drei Jahre haben sie Fakten gesammelt und daraus ein Buch zusammengestellt, das sie in diesem Sommer veröffentlichten und das es schnell in die Bestseller-Listen geschafft hat: „Der größte Raubzug der Geschichte“. Der Untertitel verspricht zu erklären, warum die Fleißigen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden. Das klingt klassenkämpferisch. Doch Friedrich und Weik fühlen sich nicht als Linke. Sie wollen nur die Auswüchse einer außer Rand und Band geratenen Finanzwirtschaft anprangern. Und die Menschen vor den Folgen warnen.

„Wir sind beide Turbo-Kapitalisten gewesen“, sagt Friedrich. Er hat während der Technologieblase und in der Dotcom-Krise in einer Venture-Capital-Firma gearbeitet und den Wahn der Kapitalmärkte aus nächster Nähe erlebt. Auch eine Staatsschuldenkrise musste Friedrich hautnah erfahren. Er war beruflich in Argentinien, als das Land Anfang 2002 unter seiner Schuldenlast zusammenbrach. Damals schloss die Regierung nach blutigen Bürgerprotesten tagelang die Banken und wertete den Peso drastisch ab. „Die Mittelschicht traf es am härtesten“, erinnert sich Friedrich. Und ein ähnliches Schicksal befürchtet er für die deutsche Mittelklasse, wenn die nach seiner Ansicht unausweichliche Finanzkatastrophe eintritt: „Die Armen können nichts verlieren und die Reichen haben ihre Schäfchen auf dem Trockenen.“

Aber so schlimm muss es doch nicht kommen, oder? „Doch, rein rechnerisch gibt es nur eine Lösung: den Crash“, sagt Co-Autor Matthias Weik trocken. Es sei ein Konstruktionsfehler der Wirtschaft, dass sie durch Zins und Zinseszins zu exponentiellem Wachstum gezwungen sei. Das könne nur begrenzte Zeit funktionieren. Irgendwann explodiere ein solches System. Und diesem Zeitpunkt näherten wir uns mit Riesenschritten. Es stimmt, die meisten Währungsräume blähen ihre Geldmenge immer schneller auf, genauso wie die Staatsschulden. Doch das Vertrauen, auf dem jede Papierwährung gründet, ist doch kaum zu erschüttern, oder? Da lächeln die bei beiden Untergangsapostel milde: Bisher sei fast jede ungedeckte Währung irgendwann gescheitert. Und während sie das sagen, schickt der Internationale Währungsfonds eine Pressemitteilung heraus, in der er warnt: „Das Vertrauen in das Weltfinanzsystem ist sehr brüchig geworden.“

Weik hat, wie Friedrich, ein Wirtschafsstudium absolviert, bevor er bei einem schwäbischen Autohersteller arbeitete. Vor einigen Jahren machten sich die beiden mit einer Vermögensberatung selbständig. Aha, Berater! Da liegt es doch auf der Hand, dass sie die Menschen mit Katastrophenszenarien aufschrecken und als Kunden ködern wollen, oder nicht? Selbstredend machen die beiden andere Motive geltend: Sie wollen die Menschen mit dem Buch und ihren Vorträgen nur vorbereiten auf das was kommt. Schon 150 Referate haben sie in Volkshochschulen gehalten und versucht die Zuhörer davon abzuhalten, ihr Geld in Lebensversicherungen oder Staatsanleihen anzulegen. Da sei es so gut wie verloren. Denn die völlig unkontrollierbar gewordene Verschuldung Europas steuere auf Staatsbankrotte, Inflation und Währungszusammenbruch zu. Davon sind die beiden Autoren überzeugt. „Wir erleben die letzten Zuckungen eines gescheiterten Systems“, sagt Friedrich.

In ihrem Buch haben sie eine Fülle von Fakten gesammelt, die alle nur Eines dokumentieren sollen: Der Finanzsektor hat eine gierige Welt in eine Schuldenfalle gelockt, aus der es kein Entrinnen gibt. Die Politik habe sich zum willigen Helfer derjenigen gemacht, die mit undurchschaubaren Finanzprodukten Billionen um den Globus jagen, kritisieren Friedrich und Weik. Das System sei im Begriff zu überhitzen. Die verzweifelten Versuche, die Schuldenkrise mit noch mehr Schulden einzudämmen, seien zum Scheitern verurteilt. „Wir können gerade die Maximierung des volkswirtschaftlichen Schadens beobachten“, sagen die Buchautoren. Seit 2008 sei weltweit mehr Kapital vernichtet worden als in den beiden Weltkriegen zusammen. Hätte man die Finanzkrise 2008 in einem Crash enden lassen „wären wir mit 120 an die Wand gefahren. Inzwischen fahren wir mit 240 und haben die Airbags ausgeschaltet.“ Auch ihr Buch haben die Untergangswarner mit solch anschaulichen Formulierungen, Ironie und witzigen Cartoons gespickt. „Wir wollten kein trockenes Finanzbuch schreiben“, sagen die beiden. Das ist ihnen zweifellos gelungen. Sie verwenden eine junge Sprache, um auch junge Leser anzusprechen. Denn diese werden nach Ansicht der Autoren vom Crash besonders hart getroffen werden. „Man sieht es in Spanien, Portugal, Griechenland und Irland“, sagt Weik.

Deutschland stehe mit jetzt schon mehr als zwei Billionen Euro Schulden und den absehbaren zusätzlichen Lasten aus der Euro-Krise kaum besser da als die Oliven-Länder. Für die Währungsunion mit ihren insgesamt 7 Billionen Euro Schulden gebe es keinen Ausweg: „Der Euro war ein schöner Traum. Doch er ist gescheitert.“ Die beiden netten Männer werden sehr jetzt sehr ernst: „Das Finanzsystem hat Krebs im Endstadium.“ Von befreundeten Investmentbankern wissen sie: „Die kaufen keine Aktien mehr, sondern Mietshäuser und Porsches.“ Und Ähnliches raten sie dringend allen, die Geld anlegen können: „Raus aus Papierwerten, rein in Sachwerte!“ Auch Aktien zählen sie zu den gefährlichen Papierwerten, denn jede Aktiengesellschaft könne pleitegehen. Und dann sei das Geld der Aktionäre weg. Ähnlich bei einer Staatspleite. Friedrich: „Nicht der Staat geht bankrott, sondern seine Bürger.“ Doch die Autoren sehen das locker: „Die Welt geht nach dem Crash nicht unter.“ In jeder Krise gebe es Chancen, die man dann eben nutzen müsse. Ein schwacher Trost.

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