Konstanz/Stuttgart Kommende Tarifrunde: Harter Kampf ums Metaller-Geld

In der Metall- und Elektroindustrie droht ein scharfer Tarifkonflikt. Südwestmetall-Chef Stefan Wolf fordert die IG-Metall zum "Maß halten" auf und will Arbeitszeitenregelungen auf ganz neue Beine stellen.

Würde man Stefan Wolf nach seiner Vorstellung einer perfekten Arbeitswelt fragen, würde sie in etwa so aussehen: Es wäre eine Welt, in der Tarifverträge Gültigkeit hätten, aber nicht alles bis ins letzte Details geregelt wäre. Die Mitarbeiter würden ihren Arbeitstag eigenverantwortlich nach Vorgaben des Unternehmens planen. Einschreiten würde der Arbeitgeber nur, wenn die Resultate hinter den Erwartungen zurück blieben. Aber da die Motivation hoch wäre und Arbeiten als Miteinander nicht als Gegeneinander gedeutet würde, wären Konflikte der absolute Ausnahmefall.

Es ist die Vision eines Arbeitens à la Silicon-Valley, jenes Horts der Kreativität im Süden des US-Staats Kalifornien, aus dem viele digitale Innovationen der letzten Jahrzehnte entstammen. Das dafür nötige Maß an Freiheit gibt die Realität der deutschen Arbeitswelt aber leider nicht her. Zumindest sieht Wolf, der neben seinem Job als Chef des Dettinger Automobilzulieferers Elring-Klinger auch Vorsitzender des einflussreichen Arbeitgeberverbands Südwestmetall ist, das so.

Dem entgegen stünden insbesondere umfassende gesetzliche und tarifvertragliche Vorschriften, die zusammengenommen wie Blei auf den Unternehmen lasten und ihr Fortkommen in Richtung Zukunft erschwerten. "Wenn wir uns das weiter erlauben, werden wir im globalen Wettbewerb zurückfallen", ist sich Wolf sicher.

In wenigen Monaten beginnen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer in Baden-Württemberg für die kommende Metall-Tarifrunde, die gut eine halbe Million Beschäftigte betrifft, warmzulaufen. Und deswegen spricht Wolf, beim Gespräch in der Redaktion dieser Zeitung Tacheles. "Die 35-Stunden-Woche ist nicht mehr zeitgemäß", sagt er. Den Bedürfnissen vieler Mitarbeiter in den rund Tausend Unternehmen, die Südwestmetall in Tarifangelegenheit vertritt, würde sie schon lange nicht mehr gerecht. "Wie eine Monstranz" trage die Gewerkschaft "die gelbe Sonne mit der 35 davor", aber immer noch vor sich her.

Der Satz ist so etwas wie eine Kampfansage an die IG Metall. Deren Landeschef im Südwesten, Roman Zitzelsberger, hatte sich vor wenigen Wochen noch für die in den 1980er-Jahren von den Arbeitnehmern hart erkämpfte Regelung in die Bresche geworfen. „Wir wollen die 35 Stunden als zentrale Referenz und wirkungsmächtige Praxis neu definieren, statt sie in einem Säurebad grenzenloser Flexibilität und verdichteter Lebensarbeitsmodelle zersetzen zu wollen“, sagte Zitzelsberger.

Schon jetzt ist also klar, dass das Thema Arbeitszeit eines der großen Streitthemen der kommenden Tarifauseinandersetzung werden wird. Und die Fronten stehen. Denn während die Gewerkschaft IG Metall aus einer Beschäftigtenbefragung den Schluss zieht, dass sich eine Mehrheit von knapp 68 Prozent der Werker eine 35-Stunden-Woche oder sogar noch kürzere Wochenarbeitszeiten wünscht, wertet Südwestmetall die Daten anders: Die Belegschaften wollten tendenziell mehr, nicht weniger arbeiten.

Am Redaktionstisch des SÜDKURIER stellt Wolf sogar grundsätzliche Zusammenhänge in Frage. "Ich bin fest davon überzeugt, dass wir mittel- und langfristig bei der Entlohnung nicht mehr in Euro pro Stunde denken dürfen", sagt er. Vielmehr werde es immer stärker darum gehen, rein projektbezogen zu arbeiten. Wichtig sei nur das Resultat. "Da ist es mir als Arbeitgeber auch egal, ob die Mitarbeiter 28, 35 oder 42 Stunden die Woche arbeiten".

Auch dieser Punkt birgt Konfliktstoff, erinnert er doch an sogenannte Werkverträge, die in vielen Branchen genutzt werden, um flexibler und kostengünstiger zu produzieren. Jahrelang zogen Gewerkschaften gegen diese Form der Arbeitsorganisation zu Felde, mit einigem Erfolg. Seit April diesen Jahres gelten für Werkverträge, aber auch Leiharbeit, deutlich strengere gesetzliche Regelungen.

Und die Gehälter? "Es wird eine harte Auseinandersetzung um die Löhne geben", prophezeit Wolf. Im Metallbereich seien sie mittlerweile "zu hoch". Kostprobe gefällig? Nach Daten des Arbeitgeberverbands summieren sich die inflationsbereinigten Lohnzuwächse im Metallbereich seit Anfang der 2000er Jahre auf gut 30 Prozent – weit mehr als in anderen Branchen. Das Durchschnitts-Tarifgehalt liege ei 63 000 Euro brutto pro Jahr. Ein ausgelernter Facharbeiter startet inklusive der üblichen Leistungskomponente mit rund 45 000 Euro ins Berufsleben. Kurz: Die Einkommensschere zwischen Metallern einerseits, Krankenschwestern, Erziehern oder Altenpflegern andererseits werde immer größer, sagt Wolf. Jetzt sei es Zeit, "Maß zu halten", sagt der Südwestmetall-Chef.

Dies gelte umso mehr, weil es bei genauer Betrachtung wenig zu verteilen gebe. Knapp die Hälfte der Metallbetriebe – insbesondere im Maschinenbau und bei Zulieferern – verzeichneten Gewinnspannen von gerade einmal noch "ein bis zwei Prozent". Verdient würde überproportional an Auslandsstandorten, wo die Personalkosten um bis zu 80 Prozent niedriger seien als hierzulande.

Dass die Arbeitslosigkeit historische Tiefststände erreicht hat und die Industriestaaten-Organisation OECD ihre Prognose für das deutsche Wirtschaftswachstum gerade deutlich auf zwei Prozent für das Jahr 2017 angehoben hat, ist für Wolf nur die halbe Wahrheit. In der Metall- und Elektrobranche produziere man aktuell "kaum mehr als im Jahr 2007, kurz vor der Wirtschafts- und Finanzkrise". Der Trend der Digitalisierung und der Übergang zur Elektromobilität setze die Firmen zudem unter Stress. "Wir werden in den klassischen Bereichen des Fahrzeugbaus Arbeitsplätze verlieren", sagt er.

Dass Flüchtlinge die angespannte Fachkräftesituation verbessern, glaubt Wolf nicht. "Die Relevanz von Flüchtlingen für den Arbeitsmarkt sei völlig überschätzt worden", sagt er. In der Breite gesehen sei die Qualifikation der Neuankömmlinge so schlecht, dass es Jahre dauern werde, bis sie als Arbeitskräfte zur Verfügung stünden. "Ein großer Teil der Flüchtlinge wird nicht im Arbeitsmarkt ankommen, sondern vom Staat versorgt werden müssen", sagt er. Umso wichtiger sei es, schnell in die Bildung von Kindern und jugendlichen Migranten zu investieren. Im Dienstleistungssektor oder in Pflegeberufen seien die Perspektiven allerdings deutlich besser.

Zur Person

Stefan Wolf, Jahrgang 1961, handelt als Chef des Arbeitgeberverbands Südwestmetall zusammen mit seinen Gegenübern von der Gewerkschaft IG-Metall in regelmäßigen Abständen die Löhne für mehrere Hunderttausend Metallbeschäftigte in Baden-Württemberg aus. Seit über zehn Jahren ist er zudem Chef des für seine Profitabilität bekannten Automobilzulieferers Elring-Klinger aus Dettingen/Erms. Der promovierte Jurist und gebürtige Oberndorfer ist zudem im Vorstand des einflussreichen Verbands der deutschen Automobilindustrie (VDA).

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