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Wirtschaft Gemeinwohl zwischen Idealismus und Geld verdienen

Das Unternehmen Kirchner Konstruktionen aus Weingarten erstellt zum ersten Mal Gemeinwohl-Bilanz

Markus Elbs ist ehrlich. „Ich weiß nicht, wen das von unseren Kunden interessiert.“ Daimler wohl kaum. Porsche und ZF vermutlich auch nicht, sagt der Geschäftsführer von Kirchner Konstruktionen in Weingarten. Er spricht von der Gemeinwohl-Bilanz, die sein Unternehmen in diesem Jahr zum ersten Mal erstellt hat.

Das Gemeinwohl fängt bei den Geschäftsführern Markus Elbs und Gerhard Schwichtenberg bei ihren Mitarbeitern an. Kostenlose Getränke, jeden Morgen ein gemeinsames Frühstück, eine jährliche Gewinnbeteiligung, die in Form von Freizeit ausgeschüttet wird und seit kurzem frisches Obst. Das und einiges mehr gab es schon bevor sich das Unternehmen mit einem jährlichen Umsatz von 14 Millionen Euro (2012) dazu entschieden hat, bei der Initiative Gemeinwohl-Ökonomie mitzumachen. „Mir sind unsere Mitarbeiter wichtig“, erklärt Elbs.

Seine Motivation einen externen Auditor auf die unternehmenseigene Gemeinwohlmatrix schauen zu lassen, ist sehr handfest und hat wenig mit Idealismus zu tun. Er wolle nicht die Welt retten, sondern er gesteht: „Es ist ein Stück Marketing.“ Denn Kirchner Konstruktionen ist in der Automobilbranche tätig. Genauer plant und konstruiert das Unternehmen Produktionsmittel für große Autokonzerne, wenn diese etwa ein neues Modell auf den Markt bringen wollen. Und in dieser Branche sind die Fachkräfte rar. Deswegen will er das gute Betriebsklima nach außen kommunizieren.

Aber dann kommt doch ein wenig der Weltverbesserer durch: „Wir als familiengeführtes Unternehmen denken, dass man auch Geld verdienen kann, wenn man mit den Menschen vernünftig umgeht.“ Sein Schwiegervater Martin Ströhle ist auch im Unternehmen und betreut das neue Geschäftsfeld Energiemanagement. „Wir können uns nicht einer allgemeinen Diskussion stellen, ob das Auto nötig ist oder nicht“, meint er. Das Geschäftsfeld sei der Autobau und das werde man nicht ändern aber „wir wollen dort Einfluss nehmen, wo wir es können.“

Noch steht die Bilanz für Kirchner Konstruktionen nicht komplett, aber im ersten Jahr wird das Unternehmen wohl so um die 250 Punkte erreichen. Damit zeigt sich Geschäftsführer Elbs zufrieden. An einer Verbesserung für das kommende Jahr wird schon gearbeitet. „Wir führen gerade ein Lebensarbeitszeitkonto ein“, berichtet er. Damit sollten Mitarbeitern die Möglichkeit gegeben werden, eine Auszeit zu nehmen oder auch früher in Rente zu gehen. Außerdem wird über die Einführung einer Gesundheitswoche nachgedacht.

Die zusätzlichen Kosten nimmt die Geschäftsführung gern in Kauf. Zu zweit saßen sie rund zehn Tage an der Erstellung der Bilanz. Dafür habe man eine niedrige Fluktuation, weil die Mitarbeiter zufrieden seien. Auch beim Thema Integration kann das Unternehmen punkten. Es arbeitet mit dem Körperbehinderten-Zentrum Oberschwaben (KBZO) zusammen und übernimmt von dort auch ausgebildete technische Zeichner.

Doch die Erstellung der Gemeinwohl-Bilanz wirft auch tiefgreifende Fragen auf. Wann lehnt man einen Auftrag aus moralischen Gründen ab? Ist ein Bauteil, das sonst in Lkws verwendet wird und nun in Panzer soll, schon ein Rüstungsgeschäft? Das wiederum würde bis zu 200 Minuspunkte bedeuten. Im Gespräch ergibt sich, dass es schwer ist, eine klare Linie zu ziehen, zwischen Schwarz und Weiß zu trennen. Oft ist es eher Grau. Dann ist Elbs wieder gnadenlos ehrlich. Ja, sie würden auch technische Zeichner in Büros in Indien beschäftigen. „Aber ich war noch nie in Indien“, sagt er. Er habe keine Ahnung unter was für Bedingungen die Menschen dort arbeiten, wie die Büros ausgestattet sind. „Das ist aber ein Thema, das wir sicher zukünftig bearbeiten werden.“

Martin Ströhle glaubt nicht, dass die Gemeinwohl-Bilanz nur ein Strohfeuer ist. „Gerade bei uns kleinen Familienunternehmen ist die Kontrolle da.“ Die rund 130 Mitarbeiter in Deutschland würden das jetzt erwarten. So wirbt der Weingartener Betrieb aktuell in Stellenanzeigen mit der „festen Verankerung von Nachhaltigkeit und Gemeinwohl-Orientierung im Unternehmen“.

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