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05.02.2013  |  von  |  0 Kommentare

Politik Vom Leben und Leiden der Unberührten

Wenn junge Leute ungewollt ohne Beziehung bleiben, empfinden viele ihre Einsamkeit als Makel. "Absolute Beginners" tauschen sich im Internet aus.

Filmemacher Wolfram Huke als "Love Alien": Ohne Beziehung fühlt er sich zuweilen wie von einem anderen Stern.  Bild: Anja Telkmann/Überarbeitung: SK

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Wie bitte? Absolute Beginners? Nie gehört. Es gibt viele Menschen, die so verständnislos reagieren, weil sie den Begriff nicht kennen. Manche denken eher an einen Song von David Bowie, in dem er singt: „I've nothing much to offer, there's nothing much to take, I'm an absolute beginner“ („Ich habe nicht viel zu geben, es gibt nicht viel zu nehmen, ich bin ein absoluter Anfänger“). Von eben diesem Song stammt auch der Name derjenigen, die sich „Absolute Beginners“ nennen. In Internet-Foren heißen sie kurz „Abs“: Es sind die Einsamen unter uns. Sie kennen weder Liebe noch Sex, hatten noch nie eine Beziehung, erste Küsse im Kino sind ein Erlebnis, das sie nie hatten.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln hat in ihrer letzten Studie zu dem Thema herausgefunden, dass ein Drittel der Mädchen und Jungen mit 17 Jahren noch „Jungfrau“ sind. Es gibt zwar erste Kuss- und Körperkontakte, doch keinen Geschlechtsverkehr. Als Grund geben die Jugendlichen an, dass ihnen dafür der richtige Partner oder die Partnerin fehlt. Mit 17 Jahren haben über 90 Prozent der jungen Deutschen schon geküsst oder andere Zärtlichkeiten ausgetauscht, doch rückläufig im Vergleich zu 2005 ist die Zahl derer, die zwischen 14 und 17 schon Geschlechtsverkehr hatten. Die jungen Leute sind aufgeklärter als früher und gehen bewusster in ihre erste sexuelle Erfahrung, wobei sich Mädchen den Partner ihres ersten Geschlechtsverkehrs gezielter als Jungen aussuchen.

Nicht nur Mauerblümchen oder Computerfreaks

Die Absolute Beginners sind nicht zwangsläufig Mauerblümchen oder Computerfreaks, die nur zu Hause sitzen. „Es gibt Leute, die sich lange auf ihre Karriere konzentrieren und nicht dazu kommen, sich auf die Partnersuche zu begeben“, sagt Maja Roedenbeck, „und es gibt Leute, die Freunde haben und lange keine Einsamkeit verspüren, bis zu dem Zeitpunkt, wo sich dann alle Freunde binden und Partnerschaften eingehen und Familien bekommen.“ Die studierte Anglizistin, Publizistin und Philosophin hat lange in der Szene recherchiert. Sie wertete mehrere Single-Studien aus und kommt zu dem Ergebnis, dass fünf bis zehn Prozent der Deutschen zwischen 20 und 45 Jahren, noch keine Beziehungserfahrung hatten. Ein bis zwei Millionen Deutsche kennen so weder Liebe noch Sex. Die 36-Jährige findet es geradezu absurd, weil doch die Welt so voller Sex sei.

Im Internet schauen sich Jung und Alt in Online-Partnerbörsen um und machen sich dort auf die Suche nach dem perfekten Partner. Private Sender werden nicht müde, immer neue Showformate aufzulegen: So prostituieren sich im Dschungelcamp abgehalfterte Promis und solche, die es nie waren. RTL II sendet seit Jahresbeginn eine neue Doku-Soap, wo die Teilnehmer ihr Innerstes nach außen kehren:„Jungfrau sucht die große Liebe“. Doch auch dieses Format hat mit dem wirklichen Leben der Absolute Beginners wenig zu tun. Der Versuch, in einem Online-Forum Kontakt zu einem von ihnen aufzunehmen, scheiterte. Wer allein durchs Leben geht und um sich herum glückliche Paare und Familien sieht, tut sich schwer damit, sich zu offenbaren.

Ein 26-Jähriger kritisiert in Roedenbecks Buch: „Die Diskussion in den AB-Foren erschöpft sich oft in endlosen Theoriedebatten“, schreibt er. „Beim Mitlesen kann man höchstens lernen, dass es immer jemanden gibt, dem es noch dreckiger geht als einem selbst.“ Ein 33-Jähriger berichtet dagegen, dass die Treffen mit anderen Abs ihm helfen, weil dann das, was im Alltag außergewöhnlich war, plötzlich zu etwas Gewöhnlichem wird.

Die Möglichkeiten Leute kennenzulernen, sind heute vielfältiger. Früher hatten die jungen Leute mit Mitte 20 einen festen Job, waren verheiratet und hatten Kinder. Heute dehnt sich dieser Prozess des Erwachsenwerdens aus. So muss man nicht mehr mit Anfang 20 verheiratet sein und wird nicht schief angeguckt, wenn man mit 30 noch kinderlos ist. Experten sprechen von verlängerter Adoleszenz und „Emerging Adulthood“, was soviel heißt, wie sich entwickelndes Erwachsensein. Die Freiheit ist groß sich auszuprobieren.

"Unberührtheit" kann verschiedene Gründe haben

Der Leipziger Sexualforscher Kurt Starke vermutet, dass bis zu zehn Prozent der männlichen Hochschulabsolventen „unberührt“ sind. „Aber es wäre unfair, sie alle über einen Kamm zu scheren“, sagt Roedenbeck. Der eine habe eine Krankheit, ein schlimmes Erlebnis in seiner Jugend oder durch eine von Männern bzw. Frauen dominierten Ausbildung den Anschluss verpasst. Der andere habe viel Spaß mit seinem großen Freundeskreis gehabt und merkt erst mit Ende 20, dass ihm ein Partner fehlt. Eine Mutter aus Überlingen erzählt, dass ihre 20-jährige Tochter immer wieder von Männern erzähle. Doch sie habe den Eindruck, dass sie so eingespannt sei mit ihrem Studium, dass ihr für eine engere Beziehung im Moment gar keine Zeit bleibe. Autor Arne Hoffmann, der zu dem Thema ein Buch mit dem Titel „Unberührt“ geschrieben hat, sieht in einem Spiegel-Gespräch vielschichtige Ursachen für dieses Problem der Beziehungslosigkeit. „Wenn Kinder unsportlich sind und von den Mitschülern nur ungern in Sportmannschaften gewählt werden“, sagt er, „werden sie möglicherweise auch auf anderen Gebieten immer weiter ausgegrenzt.“

 

Verena, Chefassistentin in einem mittelständischen Unternehmen, hatte mit zwölf ihren ersten Freund. Die Beziehung blieb platonisch und es reichte nicht einmal zu einem Küsschen, wie sie Roedenbeck erzählt. Beim Tanzkurs mit 14 verguckte sie sich in einen Jungen, der sich später als schwul outete. Mit 17 verliebte sie sich in einen jungen Mann, der sich noch nicht reif fühlte für eine Beziehung. „Es hat lange gedauert, bis mir auffiel, dass ich mich durch meine Beziehungslosigkeit von den anderen unterschied“, sagt sie. „Ich dachte, ich bin eben ein Spätzünder.“ Die Jahre flogen dahin. Ihre Schulkameraden heirateten, bekamen Kinder. „Und ich“, sagt sie heute mit 26, „wurde nicht mal richtig geküsst.“

 

Maja Roedenbeck: „Und wer küsst mich? Absolute Beginners – Wenn die Liebe auf sich warten lässt“, Ch. Links Verlag, Berlin, 199 Seiten, 16,90 Euro

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