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26.06.2012  |  von  |  9 Kommentare

Baden-Württemberg Polizei rüstet gegen Rocker auf

Razzien der Polizei gegen Rocker wie Hells Angels und Bandidos bestimmen wieder die Schlagzeilen. Im Südwesten melden die Beamten zwar Erfolge, müssen aber auch zugeben: Die Rocker sind hoch aktiv. Aus der Politik werden Rufe nach einem bundesweiten Verbot der Formationen laut. Doch die mafiösen Strukturen der kriminellen Rocker machen es den Ermittlern schwer.

Elite-Polizisten mit Maschinenpistolen beim Einsatz gegen die Berliner Rocker-Szene.

Auch Motorräder der Clubmitglieder werden bei den Razzien beschlagnahmt.



An einem Sonntag drängten sich jüngst auf den Bänken der Reutlinger Marienkirche 1000 Totenköpfe. Sie gehörten zu den „Patches“, den Aufnähern der Rocker-Kutten der Hells Angels. Die waren gekommen, um in der schwäbischen Stadt Hochzeit zu feiern. Ingo Dura, Präsident der Reutlinger Gruppe (Charter) der Hells Angels, führte seine Ehefrau Ulrike Mader vor den Traualtar. Dekan Jürgen Mohr hatte die Kirchentüren mitten in der Stadt für die breitschultrigen Gäste geöffnet. „Wer evangelisch ist, hat ein Anrecht, getraut zu werden“, ließ der Geistliche vor der Hochzeit verlauten. Seine einzige Bedingung: Das Paar sollte ohne Totenkopf-Kutte den Segen erbitten.

Seine Entscheidung, die Rocker-Hochzeit zu ermöglichen, verteidigte Dekan Mohr gegen öffentliche Kritik mit dem Hinweis: „In Reutlingen sind die Hells Angels keine kriminelle Vereinigung.“ Da ist dem toleranten Gottesmann schwer zu widersprechen. Mit der pauschalen Verurteilung der Rocker als Akteure des organisierten Verbrechens tun sich sogar die Ermittler schwer. Sie können Straftaten immer nur an einzelnen Personen festmachen. So müssen derzeit vier Reutlinger Hells Angels im Gefängnis brummen, weil sie einen Kunden der örtlichen „Eros Arena“ ins Krankenhaus prügelten.



Eine nach außen abgeschottete Welt
  • Organisation: Die Clubs sind streng hierarchisch aufgebaut. „Prospects“ müssen niedere Dienste übernehmen, bevor sie zum „Member“ (Mitglied) ernannt werden. An der Spitze stehen Präsident und Vizepräsident. Ein Austritt wie aus einem normalen Verein ist nicht möglich.
  • Strukturen: Kein Charter (Hells Angels) oder Chapter (Bandidos) regelt seine Geschäfte allein. Die Präsidenten kommen regelmäßig zu „Germany Meetings“ zusammen, um alles gemeinsam zu besprechen und die Strategien festzulegen.
  • Geschäfte: Die Clubs machen Geld mit Drogen und Waffen, Raub und räuberischer Erpressung. Sie agieren im Rotlicht- und Türsteher-Milieu und sind in Menschenhandel verwickelt. Es gibt eigene Auto- und Motorradläden sowie Diskotheken. Immobilienbüros sollen schmutziges Geld waschen. Als inoffizieller Frontmann der Hells Angels gilt der Hannover-Boss Frank Hanebuth.
  • Waffen: Die Clubs haben eigene „Waffenmeister“. Sie verwalten angeblich auch Handfeuerwaffen, stich- und kugelsichere Westen, teils auch Handgranaten und Sprengstoff.
  • Tarnung: Dazu dient vor allem der Mythos der friedlichen Harley-Biker. Clubs spenden auch für soziale Zwecke und laden – wie in Leipzig geschehen – zum Kinderfest ein.

Mit dem Verweis auf angeblich schwarze Schafe, die auf eigene Faust handelten, sind Vereinigungen wie die Hells Angels, die konkurrierenden Bandidos und ihre Unterstützer-Gruppen wie Gremium MC, Red Devils und Outlaws jahrelang gut gefahren. Nach ihrer Devise „Einer für alle – alle für einen“ bezahlte man einen guten Anwalt für die einsitzenden Kameraden und versorgte deren Frauen und Kinder mit Geld, wie Aussteiger aus der Szene berichten. Obwohl es erdrückende Hinweise darauf gab, dass Erpressung, Raub, Menschen-, Drogen- und Waffenhandel von den Rockern geplant und koordiniert waren, wurden in den vergangenen 30 Jahren nur 13 Clubs verboten. Hinter der Fassade der Easy Rider, die auf ihren Harley-Davidson-Motorbikes nur ihre Freiheit leben wollen, konnten die Chefs der Charter die Claims abstecken und ihre Männer fürs Grobe auf die Konkurrenz loslassen.


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Doch der Wind hat sich gedreht und weht den Harley-Männern ins Gesicht – egal ob sie wie die „Höllenengel“ einen geflügelten Totenkopf oder wie die Bandidos einen mexikanischen Pistolero mit Machete auf dem breiten Rücken tragen. Von Kiel bis Friedrichshafen hat die Polizei in diesem Jahr den Druck auf die Männer mit den harten Fäusten verstärkt und spuckt ihnen in die Suppe.

Razzien, Durchsuchungen von Wohnungen und Clubhäusern, Festnahmen, Kontrollen und Beschlagnahmung von Waffenarsenalen gab es zwar auch schon in den Vorjahren – aber nie lief es für die Rocker so schlecht wie heute. „Wir wollen das Problem bei der Wurzel packen“, sagte Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU). „Der Druck wird so lange zunehmen, bis es uns gelungen ist, diese kriminellen Strukturen zu zerschlagen“, drohte Henkel und ließ Taten folgen: Das Hells-Angels-Charter Berlin wurde kürzlich verboten. Die Rocker sollen spüren, wer Herr im Haus des Staates ist.

Auch im Süden der Republik zeigt die Null-Toleranz-Politik Wirkung. „Der Hells Angels Motorradclub Singen hat sich aufgelöst“, bestätigt der vormalige Präsident Heiner Schneider auf Nachfrage dieser Zeitung gleichlautende Gerüchte in der Szene. Zu den Gründen will er sich nicht erklären. Ist der Rückzug nur Taktik oder ein tatsächlicher Ausstieg? Darüber rätseln auch die Beamten der Polizeiermittlungsgruppe „Chapter“ der Konstanzer Polizeidirektion. „Traurig sind wir über diese Nachricht nicht“, erklärt Polizeisprecher Michael Aschenbrenner. Denn mehrere Großeinsätze mussten in den vergangenen Jahren wegen der Aktivitäten der Gruppierung bewältigt werden – wie etwa der „Lakeside-Run“ 2011, als 400 Rocker unter den Augen eines großen Polizeiaufgebots am Bodensee tourten. Im letzten Jahr fiel der „Run“ flach, weil behördliche Auflagen gemacht wurden, die die Rocker nicht erfüllten.

Den erzielten Erfolg bewertet die Polizei dennoch vorsichtig. Naheliegend dürfte der Verdacht sein, dass die Mitglieder des Singener Rockerclubs auch weiterhin ihren Geschäften nachgehen. Möglich ist auch, dass sie sich in andere Regionen orientieren. Die Beobachtung werde nun schwieriger, meint Michael Aschenbrenner. „Das ist eine Frage der Berechenbarkeit.“ Die polizeiliche Analyse dieses Ermittlungsbereiches erfordere künftig noch größere Aufmerksamkeit.

Seit etwa zwei Jahren haben Polizei und Verwaltungsbehörden die Daumenschrauben im Umgang mit den Rockern angezogen. Vorausgegangen war ein Konflikt rivalisierender Clubs, bei dem es zu einer Schießerei in Singen kam. Immer wieder standen Mitglieder der Hells Angels unter Verdacht, schmutzige Geschäfte zu machen. Hells-Angels-Präsident Schneider distanzierte sich stets davon. „Wer illegale Geschäfte betreibt, sollte dafür bestraft werden. Mit dem Club hat dies nichts zu tun“, erklärte er unlängst im Interview.

Jetzt hat er das Ende des Singener Chapters erklärt. Zuvor haben Schneider und seine Bikerfreunde eine Kündigung für ihr Clubheim bekommen. Die Halle beim Friedhof des Gottmadinger Ortsteils Ebringen, nahe der Schweizer Grenze, sei nicht als Versammlungsort zugelassen, argumentierte die Baurechtsbehörde im Konstanzer Landratsamt. Nur kurze Zeit nach dem Auszug aus der Halle erhärtete sich der Verdacht, dass der Ort auch wichtige Drehscheibe für die Rocker zwischen Deutschland und der Schweiz gewesen sein könnte. Zollfahnder stoppten einen Rocker am Ebringer Zoll und fanden reichlich Kokain in verkaufsfertigen Portionen.

Später wurden auch noch Waffen und Munition gefunden. „In diesem Ermittlungsfeld kommt uns die Strukturreform der Polizei in Zukunft sicherlich zu Gute“, glaubt Aschenbrenner. Die Zusammenarbeit mit den benachbarten Polizeidirektionen dürfte künftig effizienter ablaufen.

„Unsere konsequente Linie gegen die Rocker-Gruppierungen wird fortgesetzt“, versichert ein Sprecher des Stuttgarter Innenministeriums auf Nachfrage. Die Behörde behält im Südwesten vier große Rocker-Formationen im Blick: Hells Angels, Bandidos, Gremium und Outlaws, wobei man von jeweils 800 Mitgliedern im Land ausgeht. Es gibt also trotz aller Einschüchterung der Szene keinen Grund zur Entwarnung: „Das Bedrohungspotenzial ist mit dem in anderen Bundesländern vergleichbar“, stellt der Ministeriumssprecher fest. Wie aus einem Arbeitspapier seines Hauses hervorgeht, ist zurzeit der württembergische Raum „besonders stark“ von den Aktivitäten der Rocker betroffen. Die Kriminalstatistik 2011 flankiert diese Feststellung: „Mit insgesamt 84 Straftaten, vor allem Rauschgiftdelikte, Gewaltkriminalität und waffenrechtliche Verstöße, wurde im Fünf-Jahres-Vergleich ein Höchststand erreicht.“ Die Rocker, so scheint es, sind auch durch verstärkten Druck nur schwer von ihren lukrativen Geschäften zu trennen. Die Schüsse auf den Berliner Hells-Angels-Boss André Sommer zeigen im Gegenteil, dass sich die Gewaltspirale im Krieg der verfeindeten Brüder auch schneller drehen kann.

Daher flammt auch die Verbotsdiskussion wieder auf. Im Stuttgarter Ministerium verweist man auf das Aus für das Pforzheimer Hells-Angels-Charter „Borderland“ im Juni 2011. „Massive Straftaten“ seien begangen worden. Der Verwaltungsgerichtshof Mannheim hat in der Sache das letzte Wort, eine Entscheidung steht noch aus. Rechtlich steht Verboten nichts entgegen, auch wenn die Charter und Chapter keine eingetragenen Vereine im herkömmlichen Sinn sind. So häufen sich in der Politik sogar Rufe nach einem bundesweiten Stopp der Rocker. Dazu müssten allerdings „bundesweite Strukturen“ nachgewiesen werden, warnt Bundesinnenminister Peter Friedrich (CSU). Der Nachweis dürfte schwerfallen. Die Formationen sind streng hierarchisch organisiert, vor Gericht dominiert das Gesetz des eisernen Schweigens. Für die Ermittler sind mafia-ähnliche Strukturen naheliegend. Gerichtsfeste Beweise fehlen bislang.

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Politiker?
Ich fühle mich eher in meiner Existenz bedroht durch unfähigen und latent kriminelle Politiker. mehr ...
...
Dann gehen Sie doch in die Politik und machen es besser.... ;) mehr ...
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Natürlich gibt es auch friedliche, nette und einfach nur Motorrad fahrende Hells Angels, aber ... mehr ...
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