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08.03.2013  |  von  |  7 Kommentare

Meinung 100 Franken pro Jahr für die Schweizer Vignette sind keine Abzocke

Einige Tage nach dem Beschluss der Schweiz, die Autobahnvignette ab 2015 deutlich zu verteuern, regt sich immer noch Unmut - auch im Ausland. Das Schweizer Modell in Schutz nimmt Martin Jungfer, Leiter der Online-Redaktion.

Die Vignette in der Schweiz.  Bild: Martin Jungfer

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Fast eine Woche lang habe ich mir jetzt das Treiben der empörten Bürger und Autofahrer angeschaut. Auf den Newsportalen der Schweizer Medien von "20 Minuten" über den Zürcher "Tagesanzeiger" bis hin zum Boulevard-König "Blick" eint das Schweizer Volk scheinbar die Wut auf ihre Nationalräte. Diese hatten am Montag beschlossen, dass die Autobahnvignette ab dem Jahr 2015 nicht mehr wie bisher 40 Franken pro Jahr kostet, sondern 100 Franken. "Abzocke" sei das, kommentierten in hunderten Beiträgen viele Internet-Leser.

Ich selbst habe bis 2011 in der Schweiz gearbeitet und fahre dort auch heute regelmäßig mit dem Auto. Viele Berufspendler aus dem SÜDKURIER-Verbreitungsgebiet sind täglich in der Schweiz unterwegs - auch auf den Nationalstraßen, um deren Finanzierung es bei der Erhöhung des Preises für die Autobahnvignette geht. Um die 300 Millionen Franken mehr Einnahmen erhofft sich die für den Straßenbau zuständige Bundesrätin Doris Leuthard.

Nationalrat muss Volksabstimmung über Autobahnvignette vermeiden

Diese werden dringend gebraucht. Zumindest war das knappe Mehrheitsmeinung im Schweizer Nationalrat am Montag. Den Aufschrei im Volk haben die Volksvertreter womöglich einkalkuliert. Jetzt müssen sie in den Argumentationsmodus schalten, um eine mögliche Volksabstimmung gegen die 100-Franken-Vignette zu vermeiden. Gute Argumente haben sie auf ihrer Seite.

100 Franken für ein Jahr Autobahn-Benutzung sind im internationalen Vergleich noch ein sehr moderater Preis. Andere Länder wie Italien oder Frankreich langen mit kilometergenauer Abrechnung viel kräftiger hin. Und auch im Nachbarland Österreich, wo die Jahresvignette heute schon ähnlich viel kostet wie künftig in der Schweiz, ist Autofahren kein billiges Vergnügen. Das weiß jeder, der für Tunnel schon einmal kräftig extra zur Kasse gebeten wurde.

Autofahren ist in der Schweiz nicht extrem teuer

So wird die Schweiz mit ihrem neuen Vignettenpreis im europäischen Mittelfeld liegen. Günstiger fahren die Nachbarn aus der Eidgenossenschaft bei den Benzinpreisen, auch die Kraftfahrzeugsteuer ist in der Schweiz meistens tiefer als zum Beispiel in Deutschland. Die steuerliche Belastung auf die Einkommen liegt ebenfalls spürbar tiefer als in den Nachbarländern, so dass 100 Franken pro Jahr für niemanden ernsthaft große Lücken im Portemonnaie reißen sollte. Doppelt, manchmal sogar dreifach teurer, wird das mobile Vergnügen für die Schweizer, die gleich mehrere motorisierte Untersätze in der Garage stehen haben. Durch die Möglichkeit von Wechselkennzeichen und das hohe verfügbare Nettoeinkommen leisten sich viele Schweizer einen Zweitwagen oder 's Töff, also ein Motorrad. Dafür wird jeweils eine eigene Autobahnvignette verlangt.

Autobahnvignette ist Gefahr für den Schweiz-Tourismus 

Einzige offene Flanke für die 100-Franken-Fraktion ist der Tourismus. Dieser Wirtschaftszweig ist derzeit ohnehin durch den hohen Franken-Kurs gebeutelt. Wenn die Touristen künftig für eine Zwei-Monats-Vignette 40 Franken bezahlen müssen, ändert das zwar nichts in der Urlaubskasse. Aber einen zweiten Urlaub in den Schweizer Bergen werden sich dann wohl noch weniger Menschen leisten wollen und dann vielleicht lieber nach Österreich fahren, wo es die Vignette für zwei Monate deutlich günstiger gibt und zusätzlich eine 10-Tages-Vignette im Angebot ist.

Profitieren könnten und sollten auch die Urlaubsregionen hierzulande. Warum in die Vignetten-teure Ferne schweifen, wenn manchmal der schöne Bodensee, der erholsame Schwarzwald oder der idyllische Hochrhein so nahe liegen. 
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7 Kommentare
7 Mrd für den Sozialstaat
-10 Mrd Einnahmen aus den Abgaben der Autofahrer gehen in den Stassenbaufond der Schweiz,
-3 Mrd für den Strassenbau pro Jahr
-7 Mrd werden an den Sozialstaat ausgeliehen, sollten eigentlich irgendwann zurück fliessen.

in Frankreich sind die gebührenpflichtigen Autobahnen private Bauwerke und die Strassen des Staates sind gratis. Frankreich baut die Strassen, 4 spurige Strassen und Autobahnen dort, wo es den privaten Strassenbaiuern nicht rentiert. Von Genf bis Bordeaux sind die Nationalstrassen grösstenteils mehrspurig und gratis. Im Massif Central sind viele Autobahnen gratis.
Vignette für Deutschland
Vignette ja, moderate Kostenerhöhung auch kein Problem, aber so? Nein danke! Wird Zeit, dass es in Deutschland endlich auch mal eine Vignette gibt. Wir zahlen im Ausland immer schön und bei uns rasen und drängeln die Eidgenossen kostenlos mit 220 über die Autobahn. Das kann nicht sein!
Moderate erhöhung?
...wenn seit einführung der vignette jährlich moderat um 3 -5 franken erhöht worden wäre, stünde jetzt ein ähnlicher betrag zu buche, in der zeit bis jetzt hätten wir aber schon ein vielfaches mehr hingelegt.
von daher ist die erhöhung jetzt um 150% direkt ein schnäppchen, auch wenns erstmal viel klingt.
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