Politik Soziologe Ortwin Renn: „Eher werde ich vom Blitz erschlagen“

Ortwin Renn ist Soziologe. Er war Professor für Umwelt- und Techniksoziologie an der Uni Stuttgart und leitet seit Februar das Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS/Nachhaltigkeits-Institut) in Potsdam.

Herr Renn, die Terroranschläge von Brüssel haben erneut viele Ängste geschürt. Wieder explodierten Bomben an einem Flughafen. Haben Sie Verständnis für Menschen, denen inzwischen beim Fliegen mulmig wird?

Dafür habe ich Verständnis, schließlich kann sich jeder von uns leibhaft vorstellen, von so einem Anschlag betroffen zu sein. Auch ich könnte Opfer sein, denn die Terroristen schlagen nach dem Zufallsprinzip zu. Und das Gefühl, man könnte selbst betroffen sein, löst bei vielen Angst aus.

Dabei dürfte zwischen diesem Empfinden und der Wirklichkeit eine große Lücke klaffen.

Realistisch sind diese Ängste tatsächlich nicht. Wenn wir die Statistik zurate ziehen, erkennen wir, dass die Wahrscheinlichkeit, von einem Terrorüberfall betroffen zu sein, außerordentlich gering ist. In Deutschland werde ich eher vom Blitz erschlagen, als dass ich Opfer von Terror werde. Nichts desto trotz haben die meisten Menschen keine große Angst vor Blitz und Gewitter. Sie haben die persönliche Erfahrung gemacht, dass sie ein Gewitter heil durchleben und ihnen nichts passiert. Mit Terror hingegen haben wir wenig Erfahrung. Und wenn wir eine Gefahr nicht kennen, wissen wir nicht, wie wir reagieren sollen. Daher bleiben uns auch statistische Werte erst einmal fremd, wir schätzen Wahrscheinlichkeiten anders ein, als die Statistik uns vorrechnet. Deshalb spielen die Menschen ja auch Lotto, obwohl sie wissen, dass ihre Gewinnchance bei 1:140 Millionen liegt.

In letzter Zeit haben viele Menschen den Eindruck: Die Welt wird immer gefährlicher. Ist dem so?

Nein, das ist nicht so. In Deutschland leben wir jedes Jahr sicherer als das Jahr zuvor. Das kann man unter anderem daran ablesen, dass die Lebenserwartung in Deutschland ständig ansteigt. Von 10 000 Menschen in Deutschland erleben 9640 ihr 70. Lebensjahr. Das ist ein sensationeller Wert. Die wenigen, die vor dem 70. Geburtstag sterben, sterben überwiegend aufgrund der vier Volkskiller Rauchen, Alkohol, falsche Ernährung und Bewegungsarmut. Wenn wir diese vier Faktoren zusammennehmen, reduzieren sie die durchschnittliche Lebenserwartung um insgesamt 17 Jahre.

Bei diesen Gefahren gelingt uns die Verdrängung trotz ständiger Warnungen überraschend leicht.

Das ist richtig. Erfahrung ist ein zweischneidiges Schwert. Wenn ich bestimmte Dinge weiß, aber erlebe, dass sie im Alltag fast nie eintreten, halte ich mich gern für die Ausnahme. Beim Rauchen erkenne ich jahrelang keine negativen gesundheitlichen Auswirkungen, denn der Krebs tritt erst 15 oder gar 20 Jahre später auf. Auch bei Übergewicht falle ich nicht gleich tot um. Menschen haben immer Schwierigkeiten mit sogenannten stochastischen Risiken. Das sind Risiken, bei denen der Schaden nicht zwangsläufig vorkommt, sondern nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eintritt. Das heißt also: Jeder Raucher kennt einen 90-jährigen Mann, der wie ein Schlot gequalmt hat. Und jeder Übergewichtige kennt einen Onkel, der noch mit 80 Jahren mit 180 Kilo auf dem Sofa gesessen hat. Diese Ausnahmen, gerade wenn sie als Argument für die eigene Bequemlichkeit zupass kommen, eignen sich wunderbar als Ausreden.

Gibt es auch Lebensbereiche, die in den vergangenen Jahren tatsächlich unsicherer geworden sind – etwa durch die Globalisierung und internationale Vernetzung?

Viele Aktivitäten sind global gesehen riskanter geworden. Durch die gestiegene Mobilität können wir uns leichter und häufiger fremden Gefahren aussetzen, schleppen Krankheiten ein. Das Potenzial an Risiken hat sich damit verstärkt. Aber bislang ist es uns gelungen, den Schaden in Grenzen zu halten.

Gewöhnen wir uns an Risiken? Nach den Anschlägen von Brüssel waren die Reaktionen deutlich verhaltener als noch nach dem Terror von Paris.

Aus psychologischer Sicht wissen wir, dass man nicht dauerhaft Angst haben kann. Irgendwann setzt ein Gewöhnungseffekt ein. Wer nicht direkt betroffen ist, erwartet, dass das auch künftig so bleibt. Das sehen wir in Ländern, in denen es ständig Anschläge gibt, wie in Afghanistan, Nigeria, im Irak. In diesen Krisengebieten leben die Menschen ein erstaunlich normales Leben, auch, weil sie inzwischen gelernt haben, sich mit der Gefahr zu arrangieren.

Verändert diese ständige Bedrohung eine Gesellschaft in ihrem Wesen?

Gesellschaften werden von dominanten Vorstellungen geprägt, was ein gutes Leben ausmacht, welcher Stellenwert dem Thema Sicherheit beigemessen wird und wie viel Stellenwert der individuellen Freiheit zugemessen werden soll. Terroristische Bedrohung beeinflusst diese Debatte immer wieder, das erleben wir nach jedem Anschlag. Freiheitsrechte werden neu debattiert, Gesetze sollen verschärft werden. Das Problem ist die Unsicherheit. Menschen haben viel mehr Angst vor Unsicherheit als vor Schaden. Man sollte versuchen, diese Unsicherheit durch bessere Information, aber auch durch klare Verhaltensregeln zu reduzieren.

Die etwa nach den Übergriffen an Köln entstanden ist…

Statistisch gesehen gab es beim letzten Münchener Oktoberfest mehr sexuelle Übergriffe als an Silvester in Köln. Aber in einer aufgewühlten Situation, wie sie in der Flüchtlingskrise entstanden war, wurden die dort aufgetretenen Fälle emotional erhöht, sie waren der Kontrast zur Willkommenskultur – was keine Entschuldigung dafür sein soll, was in Köln passiert ist, aber es muss im Kontext der Flüchtlingsdiskussion gesehen werden.

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