Vor einem Jahr wurde Husni Mubarak gestürzt. Seither hat sich vieles getan – aber nur wenig verbessert. Der Ägypter Hamed Abdel-Samad erklärt, warum die Revolution dennoch auf einem guten Weg ist und der Frühling noch lange dauert
Herr Abdel-Samad, sind Sie selber ein Revolutionär?
Das kann ich so nicht sagen. Ich bin ein Ägypter, der seine Heimat liebt und der vor einem Jahr, als die Revolution begann, dabei war. Ich habe keine führende Rolle gespielt und bin diesen zahlreichen jungen Menschen einfach hinterher gelaufen. Ich fühlte mich geehrt, einer von ihnen zu sein.
Sie sind also ein Mitläufer im positiven Sinn?
Ja. Ich habe diese Generation zu schätzen gelernt, auch weil sie immer unterschätzt wurde. Die jungen Menschen wurden als Taugenichtse, als Facebook-Jugend, als Arbeitslose abgestempelt. Aber sie waren es, die eine fundamentale Veränderung im Bewusstsein des Landes und der Region herbeigeführt haben. Die Konsequenzen daraus können wir noch gar nicht abschätzen. Wir sind viel zu voreilig, wenn wir behaupten, die Revolution sei gescheitert, sie münde in Gewalt und Islamismus. Das ist alles nicht wahr. Wir sind in der ersten Minute einer historischen Stunde.
Selbst Sie haben diese jungen Menschen unterschätzt. Sie hielten den Aufruf zur Revolution für einen Scherz.
Das stimmt. Ich habe mich lustig gemacht über diejenigen, die auf Facebook wie bei einem Videospiel Revolution spielen wollen. Ich habe es wirklich für einen Scherz gehalten. Auch als ich eine Einladung über Facebook bekommen habe für die Revolution am 25. Januar um 14 Uhr.
Da dachten Sie, man kann sich nicht für eine Revolution verabreden?
Ja genau, und in Ägypten schon gar nicht. Da sind die Menschen sowieso nicht pünktlich.
…das stimmt allerdings.
Ja, aber irgendetwas in mir sagte, dass ich dieses Datum nicht versäumen darf. Ich ging davon aus, dass sich vielleicht 5000 Menschen treffen – was eigentlich unmöglich ist in einem Land, wo es verboten ist, dass sich fünf Leute auf der Straße versammeln, wenn sie nicht zur gleichen Familie gehören. Und am Ende waren es Millionen Menschen. Das war atemberaubend. Obwohl ich wie alle anderen wusste, dass ich vielleicht nicht mehr nach Hause komme, bin ich trotzdem auf den Tahrir-Platz.
Jetzt ist Mubarak weg – und trotzdem gibt es noch keine großen Erfolge.
Der normale Ägypter in mir ist natürlich enttäuscht darüber, dass die jungen Menschen, die diese Revolution initiiert haben, noch nichts erreicht haben und sogar zurückgedrängt worden sind von anderen Kräften wie den Islamisten und dem Militärrat. Doch es gibt auch den Analytiker in mir, der weiß, dass Revolutionen nicht innerhalb eines halben Jahres abgeschlossen werden.
Hat sich seit dem Sturz von Mubarak überhaupt etwas verbessert?
Verbessert hat sich tatsächlich wenig. Einige wirtschaftliche Monopole sind gefallen. Aber in den politischen Strukturen gibt es noch nicht viel Positives zu erkennen. Dafür aber in der Geisteshaltung. In der Vergangenheit interpretierten junge Araber ihre Misere als Schicksal oder als Willen Gottes. Jetzt sehen sie sie als Ungerechtigkeit, und sie sind bereit, dagegen vorzugehen. Frauen haben ihre Stimme wieder gefunden und trauen sich zu, trotz Erniedrigungen auf die Straße zu gehen, ob mit oder ohne Kopftuch. Das ist wichtig für eine gesunde Gesellschaftsdynamik.
Die Gefängnisse sind allerdings so voll wie zu Mubaraks Zeiten.
Ja, das stimmt leider. Mehr als 100 000 Menschen sitzen in den Gefängnissen des Militärrates, weil sie ihre Meinung geäußert haben. Das hat es nicht einmal unter Mubarak in diesem Ausmaß gegeben. Der Militärrat ist zunehmend nervös. Er dachte nach dem Sturz Mubaraks, dass er alleine herrschen kann. Aber die Menschen wollen keine Diktatur mehr dulden. Sie wollen, dass die Generäle zur Rechenschaft gezogen werden und vor Gericht gestellt werden. So frech ist diese Generation!
Aber der Militärrat gibt nicht klein bei. Er steht vielmehr im Verdacht, für die Tragödie im Fußballstadion von Port
Said verantwortlich zu sein.
Wir sind fest davon überzeugt, dass der Militärrat dieses Chaos inszenierte, um die Demonstranten als Feinde des Staates zu diskreditieren. Denn diese Fußballfans haben mit uns Geschichte geschrieben: Vor einem Jahr hätten wir den Tahrir-Platz nicht ohne deren Hilfe erobern können. Sie hatten mit Tränengas und mit Rangeleien Erfahrung. Als uns dann die Kamele angriffen, war allen klar, dass es von Mubarak bezahlte Schläger waren. Damals wie heute werden Menschen abgeschlachtet, weil sie für Freiheit protestieren.
Kommt nach dem arabischen Frühling also der ewige Winter?
Ideen sterben nicht so einfach. Dieses Jahr ist für mich lediglich die Eröffnungsszene eines sehr langen Theaterstücks. Es ist eine dramatische Szene – aber wir haben noch nicht alles gesehen.
In Ägypten wird gerne gescherzt, dass die Französische Revolution schließlich auch nicht nach einem Jahr vollendet war.
Sehr richtig! Ich habe die europäische Geschichte mit ihren Revolutionen studiert. Zunächst kommt die Revolte, dann die Konterrevolution und dann erst die Demokratie. Mit dem Erwachsenwerden wird sich die Generation, die die arabische Revolution zustande brachte, durchsetzen. Daher kommt meine Zuversicht. Ein Teil von mir ist enttäuscht und frustriert, dass die Lage noch schlechter ist als vor dem Sturz Mubaraks, gerade was die Menschenrechte angeht, die Frauenrechte und die Gewalt des Militärs. Aber gleichzeitig bin ich zuversichtlich, weil ich sehe, dass diese Flamme der Revolution weiter brennt – wenn auch im Stillen. Die Tahrir-Generation wird die Zukunft von Ägypten prägen, davon bin ich fest überzeugt.
Aber welchen Einfluss hat diese Generation wirklich? Im ersten frei gewählten Parlament sitzen zu 45 Prozent Muslimbrüder, zu 25 Prozent Salafisten – und die eigentlichen Träger der Revolution spielen kaum eine Rolle.
Das ist ganz normal. Man darf diese Bewegung nicht mit dem Volk verwechseln. Alle Gesellschaften wurden von einer Minderheit verändert, nicht vom Willen des Volkes. Die Mehrheit ist sehr leicht verführbar durch machtbewusste Menschen. Aber eine kleine Minderheit in der Geschichte hat es in Frankreich, in Deutschland oder auch in den USA geschafft, eine Veränderung herbeizuführen. Wie aber kann diese Generation innerhalb von neun Monaten Parteien gründen, eine Basis in den Provinzen schaffen, wo es kein Internet und Fernsehen gibt? Das schafft keiner. Es braucht Jahre, um politische Strukturen zu etablieren. Der Ausgang der Wahlen ist keine Überraschung. Islamisten konnten in der Gesellschaft Strukturen aufbauen und nahe am Volk arbeiten. Sie haben Schulen, Moscheen und soziale Einrichtungen aufgebaut, sie kümmern sich um Arme und Waisen mit der milliardenschweren Unterstützung von Saudi-Arabien.
Ist die Angst des Westens vor den Muslimbrüdern gerechtfertigt?
Sie sind nicht so harmlos, wie sie sich geben. Aber gefährlich im Sinne von Gewalt oder Kriegen sind sie nicht. Was ich für die Zukunft Ägyptens für viel bedrohlicher halte als die Muslimbrüder oder auch die Salafisten, ist die kollabierende Wirtschaft. Und die mögliche Allianz des Militärrats mit dem Regime von Saudi-Arabien. Das sind Elemente, die viel gefährlicher sind. Entweder die Islamisten verändern sich in der Politik – oder sie werden an ihr scheitern.
Was ist Ihre Prognose?
Ägypten kann es sich nicht leisten, sich in die Isolation zurückzuziehen. Dafür verfügt es nicht über genug Erdöl wie Saudi-Arabien oder der Iran. Ägypten lebt von ausländischen Investitionen und vom Tourismus. Falls die Scharia eingeführt wird, wird der Staat innerhalb von zwei Monaten pleite gehen.