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Politik Sie sind enttäuscht – als Christen und als Menschen.

Flüchtlinge unter uns: Sie wollen nie wieder zurück – die Christen aus dem Orient. Der Experte Zeki Bilgic erklärt, warum das so ist 

Herr Bilgic, Sie sind Aramäer und forschen über diese Kultur. Was sind Aramäer?

Aramäisch ist eine Sprache. Aramäer sind, ganz banal formuliert, alle, die Aramäisch sprechen. Sie sind im gesamten Nahen Osten verteilt, also in Syrien, dem Irak, dem Südosten der Türkei und dem Libanon. Zu 90 Prozent sind sie christlichen Glaubens. Eine kleine Gruppe ist mandäisch, das ist eine eigene Religion – es gibt sogar Juden und Muslime, die aramäischsprachig sind.

Im Fokus stehen die christlichen Aramäer. Gehören sie derselben Kirche an?

Nein, sie gehören verschiedenen Glaubensrichtungen an, die als syrische Konfessionen bekannt sind, mit teils abweichenden Riten und Traditionen. Nur die Sprache verbindet sie. Die Konfessionen, zu denen sich Aramäer bekennen, sind: Syrisch-orthodox, Kirche des Ostens bzw. Assyrische Kirche des Ostens, Chaldäische Kirche, Maroniten, Melkiten und syrisch-katholisch.

Was hat es mit dieser Sprache auf sich?

Es ist eine der ältesten Sprachen weltweit, die seit 3000 Jahren gesprochen wird. Aramäisch ist die Sprache von Jesus. Er, seine Eltern und seine Jünger sprachen Aramäisch, nicht Hebräisch. Das muss man wissen, um den Stolz der Aramäer zu verstehen.

Viele Aramäer flohen aus dem Orient. Auch Ihre Familie hat ihre Heimat in der Türkei verlassen. Wie viele sind im Ganzen geflohen?

In Syrien oder Irak war jeder Zehnte Christ. In diesen Ländern lebten vor dem Krieg jeweils etwa zwei Millionen Christen mit verschieden Bekenntnissen. 2001 begann der Exodus im Irak, 2011 in Syrien, der bis heute anhält. Zurück bleiben einige zehntausend Aramäer, mehr nicht. Offizielle Zahlen gibt es nicht, aber die geistlichen Würdenträger dieser Länder sagen, dass etwa 200 000 bis 300 000 Gläubige noch in den Ländern lebten. Die breite Mehrheit ist Richtung Westen geflohen.

Und in der Türkei?

Dort war es anders. Die Vertreibung stand unter anderen politischen Vorzeichen und begann bereits im Ersten Weltkrieg. Neben den Armeniern wurden auch die Aramäer verfolgt und vernichtet. Auch bei ihnen kann man von Genozid sprechen. Die Unterdrückung ging auch später weiter. Heute leben dort nur noch 2000 Aramäer.

Wie war die Lage zur Zeit der Alleinherrscher Saddam Hussein im Irak und Assad in Syrien?

Beide Diktatoren unterdrückten ihre Völker, aber nicht aufgrund der Religion. Christen wurden nicht diskriminiert, weil sie Christen waren. Eine gleichgestellte Unterdrückung, wenn Sie so möchten.

Die Flucht aus Irak und Syrien erreicht 2015 einen Höhepunkt. Muslime und Christen fliehen und wohnen dann, in Deutschland angekommen, in denselben Unterkünften. Ist das richtig?

Es ist in Ordnung, dass man sie nicht trennt. Wer dieses Land betritt, muss wissen, dass es keine Trennung zwischen irgendwelchen Gruppen geben kann. Obwohl wohl nur ein Prozent der Migranten Christen sind, kann es für Unruhe sorgen. Doch wäre eine Trennung nach der Religion keine Lösung.

Immer wieder hört man von Übergriffen auf Christen in den Unterkünften.

Es gibt natürlich Fälle, wo die Christen sich in den Unterkünften bedrängt fühlen. Sie fliehen aus muslimisch orientieren Ländern aus islamistischen Terror und sehen sich in der Bundesrepublik in den Unterkünfte wieder von Muslimen umgeben. Selbstverständlich kommt es ihnen ein wenig merkwürdig vor – bedenken Sie dabei, dass sie nur 1 Prozent dieser Menschen ausmachen. Die Behörden müssen nur sensibler auf dieses Thema reagieren. Aber eine Gruppe privilegieren, das geht nicht. Das wäre gegen den Rechtsstaat und dessen Prinzipien.

Was erwarten jene Aramäer, die in ihrer Heimat bleiben wollen?

Sie sind enttäuscht – als Christen und als Menschen. Alle Verfolgten und Leidenden in Syrien sind enttäuscht. Von Europa erwarten sie zu Recht mehr.

Den Einsatz von Bodentruppen?

In Syrien existiert derzeit ein Waffenstillstand, der einigermaßen hält. Auch der deutsche Bundesaußenminister hat sich engagiert. Davor wurde interveniert und bombardiert, doch hilft das nicht viel. Ich persönlich setze auf das Instrument des Friedens: Wenn die Waffenruhe hält und eines Tages der Frieden Einzug hält, dann wird ein Marshall-Plan für diese Region nötig werden. Aufbau im großen Stil und mit Unterstützung des Westens. Das würde auch die Rückkehr von Flüchtlingen in ihrer Heimat fördern, woran gerade Deutschland ein Interesse hat.

Das gilt für die Muslime. Und die Aramäer, werden sie zurückgehen?

Ihr Vertrauen in ihre Nachbarn ist erschüttert. Nach Jahrhunderten der Koexistenz machten sie folgende Erfahrung: Ihre Nachbarn behandelten sie anders, sobald der IS über die Städte kam und zu regieren anfing. Die Nachbarn waren nicht mehr dieselben, sie trennten plötzlich zwischen Christen und Muslimen. Dieser Bruch ist wohl nicht mehr reparabel.

Sehen Sie keine Möglichkeit, den Bruch zu kitten?

Da bin ich Pessimist. Man kann die Steine von Palmyra wieder aufschichten und Denkmäler Säule für Säule rekonstruieren. Das geht, weil es Gegenstände sind. Aber Vertrauen und Sicherheit kann man nicht neu aufrichten. Das ist kein Mechanismus, sondern etwas Einmaliges. Wer dem ehemaligen Nachbarn in der ehemaligen Heimat misstraut, wird es auch morgen tun. Vertrauen wiederherzustellen ist schwierig.

Einige wenige harren aus.

Die geistlichen Würdenträger bleiben in Syrien und im Irak. Sie warten auf die Rückkehr der Aramäer. Und das ist gut so. Denn es darf zu keinem christlich-kulturellen Bruch kommen in den biblischen Ländern, Syrien und Irak. Und die Aramäer sind die Träger dieses Christentums.

Und die Jesiden?

Auch sie sind fast alle geflüchtet, eine Minderheit mit eigener Religion. Man wirft ihnen die Anbetung des Teufels vor, was Unsinn ist. Auch diese Uralte Kultur der Jesiden wird im Nahen Osten keinen Platz finden. Das ist sehr schade.
 

Zur Person

Zeki Bilgic, 40, kam als Jugendlicher mit seinen Eltern nach Deutschland. Die christliche Familie floh 1990 aus dem Südosten der Türkei und erhielt Asyl aus religiösen Gründen. Bilgic studiert semitische Sprachen, Islamwissenschaft und Politikwissenschaft. Seit 2013 arbeitet er als Wissenschaftlicher Koordinator in der Forschungsstelle für Aramäische Studien, die an der Universität Konstanz angesiedelt ist (Fachbereich Geschichte/Soziologie, Prof. Weltecke). Bilgic zählt zu den ausgewiesenen Fachleuten für aramäische Kultur in der Bundesrepublik. Er übersetzt auch literarische Werke ins Aramäische – darunter „Der kleine Prinz“. (uli)

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