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26.11.2010  |  von  |  0 Kommentare

Politik Missbrauchsopfer packen aus

Berlin – Aus den Einzelfällen ist eine wahre Flut geworden. Was mit Berichten von lange zurückliegendem Kindesmissbrauch am Canisius-Kolleg in Berlin oder an der Odenwaldschule begann, hat inzwischen zu über 8000 Berichten Betroffener bei der im März eingerichteten Hotline der Bundesregierung geführt.



Missbrauchsopfer packen aus

Die Beauftragte der Bundesregierung, Ex-Familienministerin Christine Bergmann (SPD), sagte bei der Vorstellung des Zwischenberichtes: „Das Thema ist in der Mitte der Gesellschaft angelangt“.

Seit Bergmann Ende September eine Informationskampagne mit dem Titel „Sprechen hilft“ startete, ist die Zahl der Anrufer unter der kostenfreien Telefonnummer 0800 2255 530 sprunghaft gestiegen. Die jüngste Anruferin war acht, die älteste 81 Jahre alt. Bei Pädagogen und Psychologen können die Betroffenen ihre Erlebnisse schildern. Wenn sie wollen, anonym. Das ist oft der erste Schritt zur Bewältigung eines oft jahrzehntelangen Traumas. Unter den inzwischen 6700 Anrufern und 1500 Briefschreibern waren auch zwei Dutzend, die sich als Täter outeten. Die meisten Anrufer waren Mitte 40. Experten schätzen die Dunkelziffer weit höher.

Wichtige Grundlage ihrer Empfehlungen an dem im April eingerichteten „Runden Tisch Sexueller Kindesmissbrauch“ ist für Bergmann die Begleitforschung. So zeigt sich zum Beispiel, dass Sportvereine, Heime, Internate oder Kircheneinrichtungen mit 34 Prozent nicht der häufigste Tatort waren; 44 Prozent der Anrufer schildern Vorkommnisse aus der Familie. Nur 38 Prozent der Opfer stellten eine Strafanzeige, obwohl viele sogar in Serie missbraucht wurden. Viele gaben an, sie hätten darauf verzichtet aus Angst vor dem Täter, wegen Aussichtslosigkeit des Verfahrens oder wegen Verjährung. Von den 216 Anrufern, die über ein eingeleitetes Strafverfahren berichteten, konnten nur zehn vermelden, dass es mit einer Verurteilung geendete hatte.

Ebenso wichtig für Bergmann sind die Forderungen der Betroffenen. Sie verlangen, dass die Institution der Unabhängigen Beauftragten nicht nur für ein Jahr, sondern auf Dauer eingerichtet wird. Auch müssten Kirchen und Sportverbände mehr für die Vorbeugung tun. Führungszeugnisse für alle, die mit Heranwachsenden arbeiten, wurden verlangt. Ärzte müssten geschult werden, damit sie Missbrauch schneller erkennen. Eine Reform kündigte Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) bereits an: Opfer sollen zivilrechtliche Ansprüche bis zu 30 Jahre nach der Tat geltend machen können. Derzeit sind es zehn Jahre.

Auch bei der Hotline der Bischofskonferenz wurden seit März 664 Sexualdelikte gemeldet. Zu zwei Dritteln waren die Täter Priester oder Ordensleute.

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