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Politik Michael Wolffsohn: „Die Vorboten sehen wir bereits“

SÜDKURIER-Interview mit Michael Wolffsohn über alten und neuen Antisemitismus und die wachsende Distanz zu Israel in Deutschland

Herr Wolffsohn, Sie waren Professor in Deutschland, Sie waren Soldat in Israel. Sie kennen beide Länder aus eigener Anschauung. Wie ist das deutsch-israelische Verhältnis heute, 70 Jahre nach dem Ende von Krieg und Holocaust?

Auf der Ebene der Regierungen und der Parteien ist von einer israelisch-deutschen Freundschaft die Rede, was – historisch gesehen – einem Wunder gleichkommt. Unter den Parteien gibt es allerdings große Unterschiede. Die größte Distanz zu Israel pflegt die Linke – mit einigen wenigen Ausnahmen, wozu übrigens Gregor Gysi gehört. Ansonsten waren in der bundesdeutschen Geschichte die deutsch-israelischen Beziehungen unter SPD-Kanzlern gewöhnlich immer angespannter.

Und wenn Sie den Blick in die Zukunft richten?

Langfristig wird sich das deutsch-israelische Verhältnis eintrüben, und zwar dramatisch. Israel gehört in Deutschland seit 30 Jahren zu den drei unbeliebtesten Staaten weltweit. Da wir in Deutschland eine Demokratie haben, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die politische Führung auf diese öffentliche Meinung reagieren muss, egal wer die Regierung stellt. Die Vorboten sehen wir ja bereits. Was im Sommer 2014 auf deutschen Straßen an Anti-Israelismus gebrüllt wurde, war nicht zu überhören. Auch „Juden ins Gas!“. Dieser Aufruf zu einem neuen Holocaust blieb unbestraft und fand viele heimliche Sympathisanten.

Wer trägt diesen Anti-Israelismus? Die Linke? Die Rechte? Oder Teile der Migranten? Aus welchem Milieu kommt das?

Das kommt aus verschiedenen Milieus. Es handelt sich um eine Mischung aus Anti-Israelismus, Antizionismus und Antisemitismus. Die Übergänge sind fließend. Da sind traditionelle Rechtsextreme, eine eher kleine Gruppe. Spätestens seit den späten 60er-Jahren auch Teile der Linken bis weit hinein in die SPD und die Grünen. Dazu kommen weite Teile der Muslime in Deutschland. Sie haben sich aus Gründen, die wenig mit Israel zu tun haben, radikalisiert und islamisiert. Diese Mischung ist strukturell verantwortlich für eine inzwischen anti-israelische Bevölkerungsmehrheit in Deutschland. Es ist aber nicht zu übersehen, dass auch Politiker von CDU und CSU auf größere Distanz zu Israel gehen.

Viele Bundesbürger sagen: Man wird ja wohl die israelische Regierung kritisieren dürfen. Wo sehen Sie die Grenze zwischen legitimer Kritik an der Regierung eines anderen Landes und Antisemitismus?

Natürlich muss sich die israelische Regierung – wie jede andere auch – Kritik gefallen lassen. Anti-Israelismus und Antizionismus kann man leicht definieren, sie hängen mit Antisemitismus zusammen. Anti-Israelismus und Antizionismus bedeuten die Verneinung des staatlichen Existenzrechts Israels. Das ist eine Frage von Sein oder Nichtsein. Der Staat Israel, egal ob er von Netanjahu oder von der Friedenstaube selbst regiert wird, gibt den Juden in der Welt, wo immer sie leben, existenzielle Sicherheit. Israel ist der sichere Hafen, wenn es irgendwo wieder einmal eine Gefahr für Juden gibt – und die gab es in den vergangenen 3000 Jahren nicht nur zwischen 1933 und 1945.

Wer den Juden diesen sicheren Hafen nimmt, zieht ihnen den Boden unter den Füßen weg. Das ist antijüdisch, also antisemitisch – vielleicht nicht einmal von der Absicht, aber vom Effekt her.

Wie realistisch ist Ihrer Einschätzung nach die Möglichkeit, dass in Deutschland rechts eine neue politische Kraft entsteht? Sind Pegida und AfD nur kurzfristige Phänomene oder müssen wir mit dem Beginn einer langfristigen politischen Bewegung rechnen?

Letzteres ist der Fall. Deutschland und Europa befinden sich in einer demografischen Revolution. Die Zusammensetzung der Bevölkerung hat sich vollständig verändert – von der Herkunft her, ethnisch, religiös. Das verunsichert die traditionellen Bevölkerungsgruppen, so wie auch weite Teile der Zugewanderten verunsichert sind. Das führt zu Organisationen der Verunsicherten. Wir sehen das ja auch in Frankreich, in England, in den Niederlanden und so weiter. Wir haben das in allen Gesellschaften, in denen es diese Veränderungen gibt.

Pegida lebt, dem eigenen Etikett zufolge, von der Angst vor der Islamisierung Europas. Ist die Angst vor dem Islam mit dem Antisemitismus vergleichbar?

Nur bedingt, meine ich. Die große Mehrheit der Juden war, historisch gesehen, immer integrationswillig und integrationsfähig. Jüdische Minderheiten haben zwar in allen Diaspora-Ländern ihre kulturelle, religiöse und gesellschaftliche Eigenständigkeit bewahrt. Aber sie haben sich immer integriert, sie haben die Sprache immer perfekt beherrscht. Soweit ich informiert bin, sprach und schrieb Franz Kafka, ironisch ausgedrückt, recht gutes Deutsch. Sprach- und eben Integrationsprobleme sowie Parallelgesellschaften gibt es bei jüdischen Minderheiten nicht. Antisemitismus hat somit andere Wurzeln.

Heißt das, Sie haben Verständnis für Ängste vor dem Islam?

Fremdenfeindlichkeit und Islamfeindlichkeit sind keine Reaktionen auf das Verhalten der muslimischen Mehrheit, sondern auf das Verhalten einer militanten Minderheit im In- und Ausland. Dass islamistischer Terror nicht gerade Islam-Jubel auslöst, kann nicht überraschen. Das alles löst auch bei vorurteilsfreien Bürgern Sorgen und Ängste aus, erst recht bei denjenigen, die schon vorher rassistische Grundvoraussetzungen mitbringen.

Ihr neues Buch heißt „Zum Weltfrieden“. Halten Sie es für möglich, dass Sie Frieden in Nahost noch erleben?

Klares Nein. Wenn man sich davon leiten lässt, dass Juden, Palästinenser und alle anderen Gruppen Selbstbestimmung wollen, dann bieten sich als einzig denkbare Möglichkeit föderale Strukturen an. Alle Akteure im Nahen Osten sehen die Lösung jedoch darin, für die eigene Gruppe feste Grenzen zu ziehen.

Kann sich Israel auf die USA als Schutzmacht verlassen?

Ja. Trotz aller Spannungen zwischen Obama und Netanjahu ist die wirtschaftliche, technologische und militärische Zusammenarbeit ungeheuer eng. Daran ändert auch das Abkommen mit dem Iran nichts. Regierungschefs und Präsidenten kommen und gehen, die Basisinteressen bleiben. Auf welchen Partner können sich die USA in Nahost denn verlassen, wenn nicht auf Israel? Auf Herrn Erdogan etwa? Den Iran? Die Saudis? Auch Deutschland und Europa bleiben, trotz aller Verärgerung über Netanjahu, auf Israel angewiesen, allein schon wegen der Terrorbekämpfung.

…auch wenn viele Deutsche auf Distanz zu Israel gehen?

Natürlich wird es zwischen Israel und Deutschland schwieriger werden. Auch das hat historische Ursachen. Die Mehrheit der Deutschen hat gelernt: Nie wieder Krieg, nie wieder Täter sein. Die Juden und die Israelis haben gelernt: Nie wieder Opfer sein! Beide Seiten können sich daher gar nicht verstehen. Land für Frieden? Deutschland hat auf die Ostgebiete verzichtet und Frieden bekommen. Israel hat auf die Sinai-Halbinsel, den Süd-Libanon, den Gazastreifen verzichtet und zum Dank Raketen bekommen. Jede Seite, Deutsche und Israelis, hat für sich das Richtige gelernt und deshalb versteht sie die andere Seite nicht. Allerdings ist Deutschland in Israel sehr beliebt. Inzwischen.

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