Politik "Im Koran ist Töten streng verboten": Interview mit dem Mit-Organisator der Demonstration von Muslimen in Köln

Unter dem Motto „Nicht mit uns“ wollen Muslime aus ganz Deutschland am Samstag in Köln ein Zeichen setzen. Tarek Mohamad ist Mit-Organisator der Aktion

Herr Mohamad, Sie haben zu einer Großdemo gegen den Terror aufgerufen, die sich ausdrücklich an Muslime richtet.

Der Aufruf richtet sich nicht nur an Muslime, sondern an jeden: Muslime und ihre Freunde sollen sich im Kampf gegen den Terror zusammentun. Wir sind alle vom Terror betroffen und daher wollen wir alle in unsere Demonstration einbeziehen. Ein Attentäter unterscheidet nicht zwischen Nationalität, Religion, sexueller Ausrichtung.

Was war für Sie und ihre Helfer der Auslöser für die Aktion?

Es gab keinen speziellen Auslöser. Ich hatte bereits im vergangenen Jahr eine Friedensdemonstration organisiert. Aber selbstverständlich haben uns die Schlagzeilen aus den vergangenen Wochen bestärkt: die Terroranschläge in London und Manchester. Das trifft einen sehr.

Was möchten Sie mit der Demonstration erreichen?

Wir möchten erreichen, dass Muslime Hand in Hand mit der Bevölkerung in Deutschland ein ganz klares Signal setzen. Dabei geht es uns gar nicht um eine Distanzierung von Terror. Distanzierung vom Terror setzt voraus, dass man vorher eine Nähe zum Terror gehabt hat. Wichtig ist uns ein Zeichen an die Menschen, die uns das Leben zur Hölle machen wollen: AfD, Pegida, rechte Organisationen, Salafisten, Terroristen, der IS – die sind alle miteingeschlossen. Wir sind für diese Ideologien nicht zu haben.

Welche Reaktionen gibt es auf Ihren Aufruf?

Wir bekommen sehr viele positive Nachrichten, aber natürlich auch negative. Es gibt Leute, die uns kritisieren und einzelne Suren aus dem Koran rezitieren. Meist sind diese Menschen dem Lager der AfD oder dem Salafismus zuzuordnen.

Die Demonstration wird in einer privaten Initiative organisiert, nicht von muslimischen Verbänden. Wie ist das zu interpretieren?

Im Jahr 2014 gab es ebenfalls in Köln eine große Organisation von Ditib, diesmal wollten wir privat ein Zeichen setzen. Negativ bewerten würde ich das nicht, weil viele große Verbände an der Demonstration teilnehmen werden.

Die Forderung, Muslime sollten gegen den Terror auf die Straße gehen, gibt es seit Jahren. Was halten Sie davon?

Wie gesagt: Distanzieren kann man sich nur von etwas, zu dem man Nähe hat. Besser wäre es aus meiner Sicht, in den Dialog zu treten und sich Hand in Hand gegen Terror zu stellen. Die muslimische Gemeinschaft steckt doch im gleichen Dilemma wie alle anderen. Wir werden mit Kriminellen konfrontiert. Muslime haben übrigens weltweit die höchsten Opferzahlen durch Terrorismus zu beklagen. Im Koran ist das Töten strengstens verboten, genauso wie Selbstmord. Beides machen Selbstmordattentäter. Das ist so ein großer Widerspruch mit dem Islam, dass jeder sehen muss, dass diese Gewalt nichts mit Religion zu tun hat.

Muss nicht eine Religion, die offenbar so vielen Gewalttätern als Rechtfertigung dient, sich fragen lassen, ob da nicht etwas schiefläuft?

Natürlich läuft da etwas schief. Deshalb müssen wir den Dialog suchen. Und deshalb auch unser Aufruf: Wir sind dafür nicht mehr zu haben.

Aber sollte nicht auch von offizieller muslimischer Seite mehr kommen?

Sehr, sehr viele Imame predigen genau das in ihren Moscheen. Nur bekommen das die meisten Deutschen nicht mit. Alle Moscheen, die ich bislang besucht habe, haben sich klar gegen Gewalt ausgesprochen. Und das ist wirklich der Normalfall in Deutschland. Natürlich gibt es kleine Moscheen, die eine salafistische Szene unterstützen. Hier können wir nur hoffen, dass der Staatsschutz gute Arbeit leistet.

Vor einem Jahr sind Sie selbst in einem Facebook-Posting hart mit Muslimen ins Gericht gegangen.

Der hat sich gegen muslimische Familienclans in Deutschland gerichtet, die sich danebenbenehmen. Denen muss man klarmachen, dass das mit Islam nichts zu tun hat, was sie machen. Rotlichtmilieu, Drogenhandel – das gibt es in Deutschland.

Wie groß ist die Kluft zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen?

Es gibt einen unheimlich hohen Anteil an Muslimen, der hier gut integriert ist. Aber natürlich gibt es auch Menschen, die aus armen Ländern stammen und hier Wege entdecken, wie man durch kriminelle Machenschaften sehr leicht an sehr viel Geld kommt. Hier ist die Politik gefragt. Solange wir es als deutsche Gesellschaft nicht schaffen, die Muslime für uns zu gewinnen und stattdessen auf Ausgrenzung setzen, werden wir ein Problem haben und den Salafisten weiteren Nachwuchs liefern.

Sie werden von Islamisten bedroht, Ihre Ko-Organisatorin Lamya Kaddor erhält Morddrohungen. Wer sich für einen liberalen Islam einsetzt, hat es schwer

Die Morddrohungen, die ich immer wieder erhalte, kommen aus der deutschen rechten Szene und aus der Salafistenszene. Offenbar verfolgen beide Gruppen dasselbe Ziel: Antisemitismus, Spaltung der Gesellschaft. Für die ist das auch ein Horror-Gedanke, wenn Muslime Hand in Hand mit Christen, Juden, Homosexuellen marschieren und sich prächtig verstehen.

Fragen: Margit Hufnagel

Zur Person

Tarek Mohamad, 35, ist Geschäftsführer einer Pizzakette. Er kam als Flüchtling nach Deutschland. Als er drei Jahre alt war, verließen seine Eltern den Libanon. Mohamad hat die libanesische und die deutsche Staatsbürgerschaft. Bekannt wurde er durch ein Facebook-Posting, in dem er Gewalt im Namen des Islam kritisierte. Er organisiert die Demo gemeinsam mit der Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor. (huf)

Muslime in Deutschland

In der Bundesrepublik bekennen sich rund vier Millionen Menschen zum Islam. Allerdings sind sie nicht einheitlich organisiert, sondern zersplittert in viele Verbände. Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) ist der Dachverband der rund 900 türkisch-islamischen Vereine in Deutschland. Nach eigenen Angaben vertritt Ditib rund 70 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime. Der Vorstandsvorsitzende ist traditionell der Religionsattaché der türkischen Botschaft in Berlin. Zugleich vertritt er das staatliche Präsidium für Religiöse Angelegenheiten der Türkei (Diyanet) in Deutschland, das dem türkischen Ministerpräsidenten unterstellt ist. Öffentlich in Erscheinung tritt auch immer wieder der 1987 gegründete Zentralrat der Muslime (ZMD). Er vereinigt 33 muslimische Verbände in der Bundesrepublik. Der Rat vertritt unter anderem Deutsche, Türken, Marokkaner sowie weitere Araber, Albaner, Iraner, Afrikaner und Bosnier.

Der Islam und der Terror

  • Seit Jahren kommt es in Europa immer wieder zu Anschlägen mit islamistischem Hintergrund. Beim jüngsten Attentat in Manchester traf es Jugendliche, die ein Konzert besuchten. Seit 2004, als in Madrid Bomben in Zügen explodiert waren, starben in Europa 578 Menschen bei Anschlägen. Die höchste Opferzahl war im November 2015 in Paris zu beklagen. Bei einer koordinierten Anschlagserie am Stade de France, mehreren Restaurants und dem Musikklub „Bataclan“ töteten mehrere Gruppen von IS-Anhängern 130 Menschen, Hunderte wurden verletzt.
  • Die meisten Opfer islamistischen Terrors sind Muslime selbst. Laut Globalem Terrorismus Index stehen die Länder Irak, Afghanistan, Nigeria, Pakistan und Syrien an der Spitze: 72 Prozent aller Terror-Opfer stammen von hier (Stand 2015). Auch aktuell erschüttert eine Welle des Terrors viele muslimische Länder wie den Iran oder Afghanistan. Der Zeitpunkt ist nicht zufällig gewählt. Der Ramadan gilt unter Muslimen zwar als eine friedliche Zeit. Im Fastenmonat sollen die Menschen Enthaltsamkeit üben und in sich gehen. Dschihadisten wie die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) rufen ihre Anhänger allerdings in dieser Zeit ausdrücklich zum Kampf und zu Anschlägen auf. Sie sehen sich damit in der Tradition des Propheten Mohammed, der eine seiner wichtigsten Schlachten im Ramadan geführt hatte. Islamische Extremisten gehen aufgrund der Überlieferungen aus dem Leben des Propheten davon aus, dass ein Märtyrertod im Ramadan den Kämpfern im „Heiligen Krieg“ die höchsten und besten Plätze im Paradies beschert.
  • Im Islam ist die Selbsttötung nicht nur verboten, sie gilt sogar als große Sünde. In Sure 4 des Korans heißt es: „Und tötet euch nicht selbst (...) Doch wer das tut, aus Feindseligkeit und Frevel, den werden wir im Höllenfeuer brennen lassen.“ Gott hat laut islamischer Theologie das Leben geschenkt, deshalb darf es der Mensch nicht selbst beenden. Auch in den „Hadithen“, den Überlieferungen zu den Taten, Bräuchen und Aussagen des Propheten Mohammed, ist der Suizid verpönt. „Wer sich selbst erdrosselt, wird sich in der Hölle weiterhin erdrosseln!“, heißt es dort. Wer sich selbst ersticht, muss sich demnach im Höllenfeuer ewig erstechen. Einem weiteren „Hadith“ zufolge weigerte sich der Prophet Mohammed, für einen Mann, der sich selbst getötet hatte, das Totengebet zu verrichten. Nach Meinung einiger muslimischer Theologen erlaubt der Islam allerdings eine Selbsttötung im Kampf. Ein Suizid zur Tötung von Zivilisten sei aber nicht erlaubt. Die Prediger der Dschihadisten-Bewegungen sind in diesem Punkt flexibler. Um Selbstmordattentate gegen Zivilisten zu rechtfertigen, wie sie im Irak an der Tagesordnung sind, erklären sie ihr Handeln kurzerhand zum Krieg gegen die „Ungläubigen“.

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