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Politik Erste Klimabewegung in Katar

Das Emirat Katar ist der Albtraum aller Umweltschützer. Jetzt formieren sich die Klima-Aktivisten auch hier - zur ersten Klima-Demo kommen jedoch nur einige hundert Menschen.

Das Emirat Katar legt sich alles zu, was ein moderner Staat nach der Meinung seiner Herrscher so braucht: Es gibt hier pro Kopf fast so viele Autos wie in Europa, es gibt Elite-Unis und ein MuseSum für islamische Kunst vom Stararchitekten I.M. Pei. Katar sponsert den FC Barcelona und ist als erstes arabisches Land Gastgeber einer Klimakonferenz. Und seit kaum einer Woche hat Katar auch eine Umweltbewegung.

Die trifft sich an der sorgsam gepflegten Uferpromenade zum „Klima-Marsch“. Unter den dicken Dattelpalmen begrüßen Männer in den traditionellen langen weißen Thoubs und schwarz verschleierte Frauen europäische Öko-Aktivisten in Shorts, T-Shirts und Eisbärkostüm. Schulterklopfen, Umarmungen. Hinter der vierspurigen Autostraße „Al Corniche“ erheben sich die Glastürme der Business-Welt zwischen den Betonskeletten von neuen Türmen. Überall drehen sich Kräne, Laster brummen durch den Staub, vermummte Arbeiter mit blauen Anzügen und gelben Warnwesten klettern über das Gewirr von Draht und Zement.

Khalid al-Mohannadi greift zum Megafon: „Araber, jetzt ist es Zeit zu handeln!“ ruft der füllige Mittvierziger im blütenweißen Thoub, der die Demo organisiert und angemeldet hat. Hinter ihm formiert sich der Demonstrationszug: Tausende von Aktivisten waren angekündigt worden, ein paar hundert sind gekommen. Die ersten Reihen – da wo die vielen Kamerateams und Fotografen ihre Bilder machen – voller arabischer Gesichter. Die Sonne sticht, vom Meer kommt eine leichte Brise, dann geht es los durchs menschenleere Geschäftsviertel. Hinter den paar Dutzend heimischen Aktivisten marschieren die Freunde aus der ganzen Welt: Der WWF samt Plakaten, „Friends of the Earth“, afrikanische Umweltgruppen, japanische Atomgegner, südamerikanische Gewerkschafter mit roten T-Shirts, Veganer. Die internationale Öko-Bewegung begrüßt ein neues Mitglied.

Die Rufe werden lauter: „Klima-Gerechtigkeit – jetzt!“. Handgemalte Plakate fordern „Füllt den Klima-Finanztopf“ oder „Mehr Aktion, weniger Reden“. Die Slogans sind die gleichen wie immer, wenn die Klimaschützer zur Demo rufen. Aber die Demo ist anders. In den Vorjahren in Durban, Cancun und erst recht 2009 in Kopenhagen brachten die Märsche zehntausende von Klimaschützern auf die Straßen. Es wurde getanzt, geschrieen, geflucht und manchmal mit der Polizei gerangelt. Aber das ist nicht Doha-Style. Hier sperrt die Polizei die Straße und beobachtet von Booten im Wasser aus, mehr nicht. Der Demozug geht die „Corniche“ entlang, dann wieder brav zurück. Ein Bus-Shuttle bringt die Demonstranten zum Ort. Helfer am Straßenrand verteilen Wasserflaschen. Sanitäter auf Mountainbikes begleiten den Zug. Das Gefühl ist eher Marathon als Manifestation.

„Ein historischer Tag“ sagt Khalid al-Mohannadi: „Die erste Klima-Demonstration in einem Öl-Land während der ersten Klima-Konferenz in einem Öl-Land.“ Die Sonne bringt ihn zum Schwitzen, die Brille mit den dicken Gläsern rutscht ihm über die Nase. Er ist der Gründer von „Doha Oasis“, die mit anderen Aktivisten den Marsch organisieren. Al-Mohannadi nimmt wieder das Mikrofon und läuft vor der ersten Reihe mit dem gelben Spruchband rückwärts. Er peitscht seinen Freunden die Slogans ein: „Araber, es ist Zeit, die Führung zu übernehmen!“

Das ist allerdings nur ein frommer Wunsch. Bei der Klimakonferenz in Doha ist von Führung der katarischen Präsidentschaft nicht allzu viel zu sehen. Auch sonst führt Katar immer nur die falschen Ranglisten an. Das kleine Emirat mit knapp zwei Millionen Einwohnern und dem nach Luxemburg höchsten pro-Kopf- Einkommen hat so ziemlich die schwärzeste Ökobilanz der Welt: Kein Land stößt pro Einwohner mehr CO aus oder verbraucht mehr Ressourcen. Wenn das hier das Morgenland ist, dann gute Nacht.

Hinter der Fassade von Wachstum und Wohlstand lauern massive Umweltprobleme wie Wassermangel, Wüstenbildung und ungebremstes Wachstum, schreibt die Politikwissenschaftlerin Mari Luomi. Für sie leiden die Golfstaaten unter einer „eingebauten Nicht-Nachhaltigkeit“: Hohe Abhängigkeit vom Geld aus dem Öl- und Gasgeschäft, gepaart mit einem „hartnäckigen Autoritarismus“ führten zu „verschwenderischen Deals zur Machterhaltung“. Guter Gewinn steht über allem. Der Liter Benzin kostet hier 25 Cent. Und eine Flasche Bier acht Euro.

Auf der „Corniche“ ist der halbe Weg geschafft. Der Grünstreifen am Ufer wird nachts mit viel Aufwand gepflegt, an jedem Baum liegt ein Bewässerungsschlauch. Über der Bucht von Doha ziehen Wolken auf, es beginnt sogar kurz zu regnen. Immer wieder bringen sich die Teilnehmer für die Kameras in Position und fordern „Stoppt die fossilen Brennstoffe“. Im Morgendunst ist die andere Küste der Bucht nicht zu sehen. Aber dort, eine knappe Stunde im Auto entfernt, steht eine der riesigen Raffinerien, auf die das Land seinen Reichtum gründet. Im Zug läuft auch eine schmale junge Frau in der knöchellangen schwarzen Abbaya mit Kopftuch. Noor Jassim Al-Thani ist Mitbegründer von Doha Oasis. Sie versteckt ihr Gesicht hinter einer riesigen Ray-Ban-Sonnenbrille, gibt aber gern Auskunft. „Wir haben uns vor einem Jahr gegründet, es gibt bereits eine Kuwait Oasis“, sagt die Geschäftsfrau, die sonst Firmen beim Marketing ihrer Charity-Aktivitäten berät. Ihr geht es vor allem um Aufklärung, sie will das Klima-Thema in der Bevölkerung bekannt machen. Und auch wenn Doha Oasis noch nicht offiziell zugelassen ist, gab es keine Probleme bei der Anmeldung der Demo. Eigentlich erstaunlich in einem autoritären Staat, der von internationalen Organisationen regelmäßig als „unfrei“ gebranntmarkt wird. Aber nicht so erstaunlich für Noor al-Thani: „Ich gehöre zur regierenden Familie“, sagt Noor Jassim. „meine Großmutter ist mit der Mutter des Emirs verwandt.“

Wieviel N steckt also in der NGO (Nicht-Regierungsorganisation) Doha Oasis? Geld bekommen sie – noch – nicht vom Staat, darauf legen die Aktivisten Wert. Aber die Regierung hat über das letzte Jahr eine halbe Million Dollar in den Aufbau von Umweltgruppen investiert, Reisen und Schulungen bezahlt. Denn Katar ist keine Demokratie. Hier bestimmt der Emir über die Emissionen. „Mit Konfrontation erreicht man hier nichts, es geht um Kooperation“, sagt al-Thani. Den Kuschelkurs mit den Scheichs findet sogar Wael Hmaidan in Ordnung, der den sonst kritischen Dachverband der globalen Klima-Aktivisten, CAN, anführt. In Gesellschaften wie in Katar könne man durch „persönliche Kontakte mehr erreichen“ als durch klassische Konfrontation mit den Mächtigen, sagt Hmaidan. Ihm ist vor allem das Engagment der jungen Leute wichtig. „Der Arabische Frühling hat den jungen Menschen in der Region klar gemacht, dass sie für ihre eigene Zukunft kämpfen können. Und viele sehen eben auch ihre Lebenschancen durch den Klimawandel.“

So eine ist Rahma Abu Swai (22). Die Palästinenserin studiert in Doha Umweltwissenschaften. Sie läuft durch die Gänge des Kongresszentrums, wo die Klimadiplomaten tagen. Gerade hat sie das „Jugendtreffen zum Klimaschutz“ organisiert, 500 Jugendliche voller Elan, die auf einen arabischen Klimafrühling hoffen. „Wir Jungen brauchen eine Stimme in diesen Verhandlungen“, sagt sie. Alle Umfragen zeigen, dass bei der Jugend von Katar noch viel Aufklärungsarbeit wartet. Bislang sind für viele ihre Wüstenrennen mit aufgemotzten Jeeps attraktiver als Klimaschutz.

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