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Politik Die Strippen ziehen andere

Demo gegen Vielfalt organisiert von AfD-Netzwerk. Staatsrätin Erler: Professionelle Stimmungsmache.

Proteste kaufen – nur ein Thema in der Ukraine? Wer sich die Entstehungsgeschichte der jüngsten „Demo gegen Vielfalt“ anschaut, könnte Zweifel bekommen. Zwischen 1000 und 2000 Menschen demonstrierten in Stuttgart. Zwar wurden, anders als in Kiew, keine Rentner aus den Weiten des Landes angekarrt, die gegen einen Stundenlohn Schilder in die Höhe halten, die sie nicht verstehen. Doch sind die „Demos für alle“, auf denen genormte „Vater, Mutter, Kind“-Plakate zu sehen sind, eben auch kein Aufbäumen ausschließlich besorgter baden-württembergischer Bürger gegen den Bildungsplan der grün-roten Landesregierung.

Dahinter steckt vielmehr erneut die aus Lübeck stammende AfD-Politikerin Beatrix von Storch (44). Unter mehreren Vereinsnamen ist die Europaabgeordnete aktiv. „Ich organisiere die Demos für alle“, gab sie auf einer Wahlkampfveranstaltung in Hamburg zu. „Sie wissen, dass es gegen diese Bildungspläne in Stuttgart große Demonstrationen gibt, Sie wissen vielleicht nicht, dass ich die organisiere, das läuft auch aus meinem Büro. Ich bin ja nicht nur mit der ,Alternative für Deutschland' aktiv, sondern auch mit der ,Zivilen Koalition'.“

Offiziell organisiert werden die Demos – auch wieder in Stuttgart – von einer „Initiative Familienschutz“. Hedwig van Beverfoerde aus Magdeburg, CDU-Mitglied, zeichnet verantwortlich für die Demo unter dem Motto „Ehe und Familie vor – Stoppt Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder!“ Verwiesen wird auf die anhaltende Kritik am Bildungsplan – eine Kritik, die in Stuttgart eigentlich längst abgeebbt ist, seit die grün-rote Landesregierung die Toleranz für sexuelle Vielfalt im Bildungsplan als „Leitprinzip“ gestrichen und in eine allgemeine Erziehung zu Toleranz umgemünzt hat. Nun wendet sich die Empörung gegen den von Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) erarbeiteten „Aktionsplan“ für den Abbau von Vorurteilen gegenüber sexueller Vielfalt. Im Video-Mitschnitt ihres Hamburger Auftritts vor den Jungen Alternativen, der Nachwuchsorganisation der AfD, ließ von Storch durchblicken, dass weitere Städte auf der Protest-Agenda stehen: „Wir sind also verantwortlich für die Organisation dieser Demonstrationen, sowohl in Stuttgart als auch in Hannover und demnächst auch in Schleswig-Holstein.“

Das kinderlose Ehepaar Beatrix und Sven von Storch sind die zentralen Figuren des Kampagnen-Netzwerkes Zivile Koalition. Und sie sind bestens verdrahtet. So wies die französische Aktion „La Manif pour tous“ (Demo für alle), die als Reaktion auf die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe entstand, nicht nur auf die Stuttgarter Demo hin. Deren Vorsitzende Ludovine de la Rochère sprach dort ebenso wie die aus Ostdeutschland stammende Ulrike Walker von der Schweizer Initiative gegen Sexualisierung im Kindergarten.

In den „Stuttgarter Nachrichten“ begründete ein Freddy Koch seine Teilnahme mit Protest gegen „verfrühten Kontakt mit Sex“ – der Russlanddeutsche ist Prediger der Freien Evangeliums-Gemeinde in Lahr. Eine Hausfrau aus Laupheim protestierte gegen die „Krankheit“ Homosexualität, die nur Jesus heilen könne. Joseph Dichgans, der Vorsitzende des CDU-Ablegers Christdemokraten für das Leben, warnt: „Der Bildungsplan ist nur der Anfang!“ Er attackiert den Aktionsplan als „hochideologisches Umerziehungsprogramm für alle Bürger Baden-Württembergs“. Der aus Engen angereiste 71-jährige Rentner Karl Ganzmann lobte nach seiner zweiten Demo die „internationale Vernetzung“, die „Winfried Kretschmann und seinen Genossen“ noch ordentlich einheizen will.

Von Storch reiht die Kampagne gegen eine „Sexualisierung an Schulen“ ein in den Kampf gegen den Euro und gegen den Islam. Die CDU in Baden-Württemberg distanziert sich zwar offiziell von der AfD, drängt aber gleichzeitig nicht auf Distanzierung ihrer Gliederungen wie des evangelischen Arbeitskreises. Staatsrätin Gisela Erler (Grüne) bedauerte gegenüber unserer Zeitung, dass „organisierte Gruppen gezielt und professionell Stimmung machen gegen sinnvolle Veränderungen in der Gesellschaft“. Tatsächlich kamen am Samstag auch Busse unter anderem aus Niedersachsen nach Stuttgart. Erler zieht – wie von Storch selbst – „Parallelen zu Pegida“ und ist überzeugt: „Das ist nicht die Stimmung besorgter Eltern aus Baden-Württemberg.“ Die überwiegende Zahl der Eltern spreche sehr viel differenzierter über das Thema Vielfalt als es die „Demo für alle“ weismachen wolle.

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