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Region Die Reise zur Klinik der Zukunft

Kosten und Spezialisierungen zwingen immer mehr Kliniken dazu, ihr Heil in Fusionen zu suchen. Für viele Patienten bedeutet das längere Wege.

Der letzte Pfullendorfer wurde am 27. Dezember geboren. Der kleine Jakob war das letzte Kind, das Ende 2011 in der Geburtenabteilung des Pfullendorfer Krankenhauses das Licht der Welt erblickte. Die Abteilung wurde geschlossen, nachdem die Operationsbereitschaft durch den Weggang des betreffenden Arztes weggefallen war. So wie Bürgermeister Thomas Kugler und die Beschäftigten trauern viele Pfullendorfer um „ihren“ Kreißsaal.

Künftig werden die Pfullendorfer Mütter wie anderswo auch ihre Kinder in anderen Häusern entbinden müssen. Der Trend in der Krankenhauslandschaft geht zur Spezialisierung, zur Fusion, zur Gemeinsamkeit. Dass diese notwendig ist, ist bei den meisten Experten unstrittig. Viele Häuser drücken hohe Schulden, das wirtschaftliche Arbeiten wird angesichts des engen Finanzkorsetts immer schwieriger. „In Süddeutschland gibt es viele kleine Kliniken, die kommen bei dem heutigen wirtschaftlichen Druck nicht mehr mit“, sagt Günter Neubauer, Experte am Münchner Institut für Gesundheitsökonomik. „Wer keine 85 Prozent Auslastung hat, bekommt Probleme."

Stark bestimmt wird der Sparzwang durch die Politik. Gesundheitsreformen wie die Einführung der Fallpauschale üben ebenso Druck aus wie geringere Mittel aus den Bundesländern. „Die Länder geben nur noch etwa die Hälfte von dem, was nötig wäre“, sagt Neubauer. Gleichzeitig ist aber die Anforderung an die Qualität gestiegen. Die heutige Medizin ist komplexer und anspruchsvoller. „Bei einer Entbindungsstation hat man früher gesagt, dass 300 Entbindungen pro Jahr ausreichen“, sagt Neubauer. Heute geht man angesichts der vielen Kaiserschnitte von einer Idealzahl von 1000 Entbindungen aus. Die zerbrechlichen Frühchen sind in ganz kleinen Häusern schon gar nicht professionell zu betreuen.

Kleine Kliniken kämpfen mit vielen Problemen. Sie müssen teurer einkaufen. Zudem sind sie für jüngere Ärzte oft weniger attraktiv. „Die jungen Ärzte wollen Erfahrungen sammeln und sich weiterbilden, und das können sie nicht, wenn in einem kleinen Haus zu wenige Fälle anfallen“, sagt Neubauer.

Zwar seien die kleinen Häuser bürgernah. Doch viele Patienten zögen es inzwischen vor, lieber ein paar Kilometer mehr zu fahren, wenn dafür die Qualität der Behandlung stimmt. Neubauers Fazit ist eindeutig. Er sagt: „Wir brauchen einen Strukturwandel.“ Natürlich sei es schön, wenn man ein kleines Krankenhaus erhalten könne. „Aber wer soll's bezahlen? Das ist wie bei den Tante-Emma-Läden.“

Erfolgversprechender sei die Spezialisierung. Das heißt: Die Kliniken bieten nicht mehr alles an, sondern suchen sich ein Spezialgebiet, in dem sie glänzen und auch Fachärzte interessieren können. „Ein kleines Haus könnte sich etwa auf ambulantes Operieren mit niedergelassenen Ärzten spezialisieren, und am Wochenende wird die Bereitschaft ausgedünnt. Oder nur Orthopädie – oder nur Sportmedizin“, weist Neubauer den Weg.

Auf dieser Reise befinden sich inzwischen viele Landkreise. Im Landkreis Konstanz arbeitet man darauf hin, die Kliniken zwar zu erhalten, sie aber stärker zu spezialisieren. Hinter dieser Entscheidung stehen Jahre eines heftigen Hin und Her, vor allem zwischen den Städten Konstanz und Singen. Jede Seite hatte Angst davor, Einnahmen, Ansehen und Kompetenzen abzugeben. Obwohl eine kleine Gruppe Singener Stadträte noch immer protestiert, stimmten die Akteure jetzt im Kreistag einmütig für die Fusion. Es soll eine Kreisholding entstehen, unter deren Dach sich die Kliniken im Kreis Konstanz versammeln. Nur das Krankenhaus Stockach scherte aus.

Weg vom Kirchtumsdenken hin zur neuen Gemeinsamkeit? Neubauer ermutigt die Politik, den bisherigen Weg weiterzugehen. „Das Problem ist, die bisherige Struktur kostet Geld, und die Medizin ist nicht so gut, wie sie sein könnte.“ Proteste kämen meist von den Gesunden. „Als das Krankenhaus Spaichingen 2003 mit 120 Betten geschlos sen wurde, gab es einen Proteststurm. Aber die Welt ging dann doch nicht unter“, schaut er zurück. Pech hatten die Schramberger. Im Landkreis Rottweil setzte man auf eine Privatisierung; wegen der ungünstigen Perspektiven wurde das Haus im Herbst von den Helios-Kliniken ganz geschlossen. 300 Arbeitsplätze gingen verloren. Alle Proteste halfen nichts: „Da hat echt die Luft gebrannt“, erinnert sich ein Insider.

Im Schwarzwald-Baar-Kreis geht man einen anderen Weg als im Kreis Konstanz. Dort wird derzeit auf der grünen Wiese zwischen Villingen und Schwenningen ein neues großes Kreiskrankenhaus errichtet. 2013 sollen die bisherigen Kliniken dorthin umziehen. Aus zweien wird eine. Weil das Projekt als so modellhaft gilt, spendierte das Land von den Gesamtbaukosten von 263 Millionen Euro glatt 100 Millionen Euro. Erhalten bleibt nur das Haus in Donaueschingen – dort operiert die Orthopädie. Furtwangen wurde nach Protesten geschlossen. Und im ehemaligen Krankenhaus von St. Georgen wird künftig eine Softwareschmiede untergebracht.

In der Politik fällt es schwer, jemanden zu finden, der leidenschaftlich am bisherigen Betrieb der kleinen Krankenhäuser festhält. Selbst der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, der sonst selten mit der CDU einig ist, fordert dringend eine Spezialisierung der Kliniken. „Das gilt selbst dann, wenn sich Kliniken als überflüssig herausstellen und geschlossen werden müssen“, sagte er der Financial Times Deutschland. Die mangelnde Spezialisierung sei auch ein Grund für die oft schlechte Behandlungsqualität, sagt der Gesundheitsexperte. Ähnliches vernimmt man auch von der CDU. Lothar Riebsamen ist CDU-Bundestagsmitglied für den Wahlkreis Bodensee und Mitglied im Gesundheitsausschuss. Auch er wirbt für Strukturreformen: „Im Vergleich zu anderen Ländern haben wir in Deutschland sehr viele Betten“, sagt der Experte. „Wir müssen handeln.“ Kleine Häuser seien nur überlebensfähig, wenn sie sich spezialisierten und nicht das Gleiche wie alle anderen anböten.

„Es gibt große Unterschiede in der Qualität einzelner Häuser“, sagt Riebsamen. Kleinere Häuser müssten nicht schlechter sein, aber sie müssten ihre Nische finden. „Man darf nicht vieles mittelmäßig oder schlecht machen.“ Er wirbt um Verständnis für die Fusionen, die die Politiker landauf, landab anstreben: „Man sollte nicht falsche Hoffnungen wecken.“ Der Politik gehe es nur darum, Krankenhäuser um jeden Preis zu schließen. „Wir wollen unwirtschaftliche Strukturen ändern“, sagt der CDU-Mann. Vieles könne heute in ambulanten Operationen erledigt werden. Das sei auch im Interesse der Patienten.

Der meisten jedenfalls. Gesundheitsökonom Neubauer spricht auch von älteren Patienten, die gern ein paar Tage länger im Krankenhaus bleiben, weil sie niemanden haben, der sich zuhause um sie kümmert. „Für zehn Euro finden die niemanden, der nach ihnen schaut“, sagt er. In den USA koste ein Krankenhaus-Aufenthalt 1000 Dollar pro Tag. „Da gehen die Leute dann eben ins Hotel.“

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