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Washington Der Traum von den USA ohne Trump

Wahlanfechtungen in drei Bundesstaaten: Chancen auf Revisionder Wahl sind jedoch gering

Auch in Amerika ist das Resteessen oft entspannter als das eigentliche Fest. Als eine Familie aus der oberen Mittelschicht am Tag nach Thanksgiving ein paar Freunde und Verwandte in ihr Haus außerhalb von Washington einlädt, ist die Stimmung gelöst – bis das Thema Donald Trump zur Sprache kommt. Man müsse sich wohl auf vier schwierige Jahre einstellen, seufzt die Schwägerin des Gastgebers. Doch die Hausherrin sieht noch eine Chance: Die Neuauszählung der Stimmen in drei Bundesstaaten. „Ein Traum“, sagt sie.

Dass die Wahlanfechtungen Trump noch vom Thron stoßen könnten, glauben Experten nicht. Zunächst einmal steht Amerika vor juristischen Auseinandersetzungen, die das Vertrauen in den demokratischen Prozess noch weiter untergraben könnten. Grünen-Chefin Jill Stein, die Initiatorin der Wahlbeschwerden, geht gerichtlich gegen die Ablehnung einiger Forderungen durch die Wahlbehörden in den betroffenen Bundesstaaten vor.

 

Die Hoffnung vieler Amerikaner, den Schock vom 8. November doch noch ungeschehen zu machen, stützt sich auf die Tatsache, dass die in den Umfragen favorisierte Hillary Clinton mit 64,4 Millionen Stimmen am Wahltag deutlich mehr Bürger auf ihrer Seite hatte als Trump mit seinen 62,3 Millionen. Trump siegte, weil das US-Wahlsystem den Gewinner auf der Basis der Mehrheiten in den einzelnen Bundesstaaten ermittelt. Am 19. Dezember wird Trump offiziell durch Wahlmänner in den Bundesstaaten gewählt: Nach derzeitigem Stand kann er mit mehr als 300 Wahlmännerstimmen rechnen, auf Clinton entfallen 232.

Für viele ist Steins Initiative dennoch eine Bestätigung des Verdachts, dass es am Wahltag nicht mit rechten Dingen zuging. Bisher allerdings hat niemand handfeste Hinweise auf Manipulationen finden können. Auch Clintons Wahlkampfteam hält sich auffallend zurück. Dennoch will Stein heute offiziell die Neuauszählung in Michigan beantragen, in Wisconsin soll am Donnerstag mit der Überprüfung begonnen werden, in Pennsylvania wird das Wahlergebnis ebenfalls angefochten. Die Zeit drängt: Bis zum 13. Dezember muss über alle Beschwerden entschieden werden.

Stein braucht viel Geld für die anfallenden Gebühren und die zu erwartenden Gerichtsverfahren; allein Wisconsin verlangt 3,5 Millionen Dollar. Bis zum Montag hatten die Grünen nach eigenen Angaben insgesamt 6,3 Millionen Dollar an Spenden zur Finanzierung der Neuauszählung gesammelt; Trump wirft der kleinen Partei vor, mit Hilfe der Initiative die eigene Kasse füllen zu wollen.

Selbst Parteifreunde Clintons sind skeptisch. Bei einer ähnlichen Wahlüberprüfung vor einigen Jahren seien gerade einmal 300 von 1,5 Millionen Stimmen korrigiert worden, sagte der Wahlleiter von Wisconsin, Mark Thomsen, ein Demokrat. Am 8. November holte Trump in dem Bundesstaat gut 22 000 Stimmen mehr als Clinton. In Pennsylvania betrug der Abstand 70 000 Stimmen, in Michigan waren es knapp 11 000. Nur eine Korrektur der Ergebnisse in allen drei Staaten würde Clinton nachträglich den Weg ins Weiße Haus ebnen.

 

So wird in den USA gewählt

  • Wahlsystem: Die US-Bürger wählen ihren Präsidenten nur indirekt. Ausschlaggebend ist ein Gremium von Wahlmännern und -frauen. Jeder Bundesstaat hat je nach seiner Bevölkerungszahl eine bestimmte Zahl von Vertretern in dieser Gruppe, die entsprechend dem Wahlergebnis in ihrem Staat votieren – nach dem Prinzip „Winner takes it all“. Das heißt, der Gewinner bekommt alles, hohe Siege zählen nicht mehr als knappe. So waren landesweit auf Clinton rund zwei Millionen mehr Stimmen entfallen als auf Trump. Aber der Republikaner kam auf mehr Stimmen im Wahlgremium.
  • Was wäre, wenn: Hätte Clinton in Wisconsin, Pennsylvania und Michigan gewonnen, wäre sie die Gesamtsiegerin gewesen. Zusammen sind es aber immer noch mehr als 100 000 Stimmen, die Clinton bei Neuauszählungen hinzugewinnen müsste. (dpa)

 

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