Reden kann er, aber am Durchhaltevermögen hapert es noch etwas. Das war schon zu beobachten, als Christian Lindner, bisher Generalsekretär der FDP, im März zu Gast in der Region war. Der 32-jährige Nachwuchsstar der Liberalen sprach im Singener Hegau-Tower – ohne Manuskript, ohne Verhaspeln, ohne jedes Ääh und Hmm. Das Publikum war beeindruckt.
Doch auch bei Lindner sind die Kräfte begrenzt. Hinter den Kulissen bettelte er mit schmalen Augen bei Gastgeberin Birgit Homburger, damals noch FDP-Fraktionschefin, um Erbarmen. Er sei seit sieben Uhr morgens auf den Beinen, erst ein Auftritt beim Frühstücksfernsehen, dann die Tour durch die Provinz … Homburger ließ sich nicht erweichen: „Du machst das ja noch nicht lange. Komm du mal in mein Alter.“ Und so wurde der Abend für den Generalsekretär noch lang: Erst ein Interview mit dem SÜDKURIER, dann gegen Mitternacht weiter ins Eigenheim der Homburgers ins benachbarte Hilzingen, um Spaghetti zu kochen. Politiker kennen keinen Feierabend.
Jetzt hat Christian Lindner endgültig die Segel gestrichen. Die Blitzkarriere des smarten Generalsekretärs endet mit einem Paukenschlag. Der 32-Jährige mag nicht mehr, die FDP verliert ihren letzten Hoffnungsträger. Dabei hatte seine Laufbahn vielversprechend begonnen. Seine Stunde schlug nach der Bundestagswahl 2009: Die FDP kam an die Regierung, FDP-Chef Westerwelle brauchte einen Nachfolger für Generalsekretär Dirk Niebel, der das Ressort für Entwicklungshilfe übernahm. Die Wahl fiel auf einen jungen Mann aus Nordrhein-Westfalen, der in Bonn Politik und Philosophie studiert hatte und den alle „Bambi“ nannten.
Lehrersohn Lindner war zu diesem Zeitpunkt längst aufgefallen. Mit 16 Jahren trat er, damals Schülersprecher am Gymnasium von Wermelskirchen, der FDP bei. Im zarten Alter von 21 zog er in den Düsseldorfer Landtag ein. Landeschef Andreas Pinkwart erkannte sein Talent und förderte ihn nach Kräften. Warum entschied er sich für eine Karriere in der FDP? „Die CDU war mir zu spießig, die SPD zu gleichmacherisch, die Grünen zu pessimistisch“, verriet er im Interview mit dem SÜDKURIER. „Damit blieb die FDP übrig.“
Als Generalsekretär versuchte Lindner, seine Partei vom Image des Steuersparvereins zu befreien. Er ging auf Distanz zur Union, philosophierte über liberale Grundwerte und gab sich als Intellektueller. Im Übrigen schrieb er an seiner Doktorarbeit und am neuen Grundsatzprogramm der Liberalen. Lindner warb für seine Idee eines „mitfühlenden Liberalismus“ und forderte einen Staat, der sich auf seine Kernaufgaben zurückzieht. Wellen schlug seine Bemerkung, er halte eine Grundordnung auf der Basis der jüdisch-christlichen Kultur für nicht mehr zeitgemäß. Eine moderne Zuwanderungsgesellschaft brauche republikanische Werte.
Dies alles formulierte Lindner stets frei und ohne Manuskript – so auch bei der Dreikönigskundgebung 2010 in Stuttgart, bei der er sämtliche Mitredner in den Schatten stellte. Beim FDP-Parteitag im Mai 2011 in Rostock wurde den Liberalen endgültig klar, was sie an ihrem Generalsekretär hatten: Sollte der neue Parteichef Rösler stolpern, hätten sie Lindner in Reserve.
Daraus wird nichts. Jetzt hat der Parteigeneral, der im Prenzlauer Berg wohnt und schnelle Autos liebt, wieder mehr Zeit für Privates. Seit August ist er mit der „Zeit“-Redakteurin Dagmar Rosenfeld verheiratet. Und er hat eine Rennfahrerlizenz. Als Porsche-Fahrer gibt er gerne Rennfahrer-Weisheiten zum Besten. Zum Beispiel diese: „Man schaut immer auf den Ausgang einer Kurve, nie auf die Leitplanke.“
