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Politik Christen im Orient: Die letzten machen das ewige Licht aus

Wie viel Zukunft haben Christen im Irak und in Syrien angesichts islamistischen Terrors? Mit dieser Frage setzte sich eine drei Tage dauernde Veranstaltung in der alt-katholischen Kirche in Konstanz auseinander. Kirchliche Würdenträger und Professoren zeichneten in ihren Vorträgen ein düsteres Bild.

Wie viel Zukunft haben die orientalischen Christen? Mit dieser Frage setzte sich eine drei Tage dauernde Veranstaltung in der alt-katholischen Kirche in Konstanz auseinander. Unter der eindeutigen Überschrift „Vom Genozid bedroht. Zur Lage der Christen im Irak und in Syrien“ wurde ein politisch-religiöses Panorama an die Wand geworfen, das schaudern lässt. Die Liste der Redner war hochrangig. Würdenträger aus dem kirchlichen Osten mit Bischöfen und Patriarchen – und Professoren aus dem Westen Europas.

Die Universität Konstanz war Veranstalter. Dorothea Weltecke, Professorin für Geschichte der Religionen, hatte die Anhörung organisiert und wichtige kirchliche Persönlichkeiten nach Konstanz gelotst. Es kommt selten vor, dass eine Hochschule in einer Kirche tagt (dazu noch einer ehemaligen Jesuiten-Kirche). Dieser Rahmen war dem Vernehmen nach den hohen Geistlichen geschuldet, die in einem Sakralraum sprechen wollten und nicht in einem gewöhnlichen Saal. Gute Worte waren zu hören, kluge Analysen. Und Tränen wurden vergossen, denn die eingangs gestellte Frage ist unter dem Blickpunkt der Machtverhältnisse so zu beantworten: Die Christen aus dem Zweistromland haben nach menschlichem Ermessen keine Zukunft dort.

Unter den Diktatoren wurden Christen in Ruhe gelassen

Die Redner machten klar: Unter den laizistischen Diktatoren Saddam (im Irak) und Assad (Syrien) wurden die Christen in Ruhe gelassen, sie lebten in relativer Sicherheit. Beide Regimes traten die Menschenrechte, waren aber nicht religiös fanatisch. Das Blatt wendete sich in diesen Staaten erst, als der Bürgerkrieg in Syrien eskalierte und der Abzug der US-Soldaten ein Vakuum hinterließ. Schnell verbreitete sich die Terrorgruppe IS und begann, den sogenannten Islamischen Staat zu errichten. Der IS ist der Schlüssel zum massenhaften Exodus der orientalischen Christen. Wer nicht konvertiert, kann nur noch fliehen.

Für den westlichen Beobachter der Tagung bietet sich ein unklares Bild. Er muss die Einzelteile der orientalischen Konfessionen erst zusammensetzen. So sprachen Vertreter der syrisch-orthodoxen, der chaldäisch-katholischen und der katholisch Assyrischen Kirche des Ostens. Sie hatten sich früh von der römisch-westlichen Kirche getrennt und später erneut gespalten. Diese kleinen Kirchen werden heute aramäische Christen genannt, auch wenn einige von ihnen Arabisch sprachen.

Begünstigt von der Insellage, kann sich das Aramäische bis heute halten, berichtete der Historiker Hubert Kaufhold (München). Er brachte einen optimistischen Akzent hinein, als er sagte: „In der Geschichte des Orients beobachten wir immer wieder die Verfolgung von Christen. Doch konnten sie sich immer erholen.“Die Prognose des Publizisten Gabriel Hanne fiel nicht so günstig aus.

Der Terror des IS und seiner aus der ganzen Welt zugelaufenen Armee sei ein Kulturbruch, der nur Verbrannte Erde anstrebe. „Der IS erklärt der gesamten Menschheit den Krieg“, sagte der Islamforscher. Es gehe um die Vertreibung oder Auslöschung aller Menschen, die sich nicht dem Islam anschließen – oder jener Islam-Version, die den IS-Ideologen die einzig wahre ist. Deren Hass ziele gegen Christen, aber auch gegen die wenigen Anhänger von Zarathustra (Zoroastrier), die Jesiden, sogar Schiiten.

Gabriel Hanne datiert den neuen militanten Islamismus auf die Rückkehr des Ajatollah Khomeini: Der verließ 1979 das Exil in Frankreich, flog nach Teheran, wurde begeistert empfangen und vertrieb den Schah. Die IS-Milizen sind der bisher radikalste Ausleger des Islamismus. Freilich warnt Hanne davor, diese Ideologie nur als Problem des Nahen Ostens zu sehen. „Wenn wir sie nicht aufhalten, werden sie keinen Stein auf dem anderen lassen“, warnt er.Höhepunkt der Anhörung waren die Berichte der Geistlichen aus der brennenden Region. Zum Beispiel der Erzbischof der syrisch-orthodoxen Kirche aus Mossul (Irak).

"Es ist Völkermord"

Von den einst 300 000 Christen seines Sprengels lebt derzeit noch die Hälfe dort. „Die Menschen dort wurden vertrieben, auf die Straßen gesetzt, aus den Klöstern verjagt“, sagte Erzbischof Mor Nikodimus Daoud Sharaf in einer emotional stark bewegten Rede. Für die Christen im Irak sei es doppelt belastend: „Wir haben im Irak eine gute Gesellschaft aufgebaut“, sagte er, und: „Wir haben das Töten niemals gelernt. Wie sollen wir uns wehren“? Er zeigte Bilder mit „Hilfspaketen“ aus Bagdad. Die Brote waren verschimmelt. „Was sie mit uns machen, ist Völkermord“, klagt Mor Nikidimus. Eine Rückkehr schloss er kategorisch aus. „Das ist kaum vorstellbar“, meint er.

Wie andere Redner auch brachte dieser Bischof eine Schutzzone ins Spiel. Sie müsste von den Vereinten Nationen errichtet und garantiert werden.Diesem Vorschlag schloss sich auch Patriarch Gregorios III. an, das Oberhaupt der griechisch-katholischen Kirche (auch Melkiten genannt). In einem pointierten Vortrag in fließendem Deutsch drängte er darauf, dass die Christen im Heiligen Land und in anderen Teilen von Mesopotamien bleiben. Dafür sei der politische Schutzschild der internationalen Gemeinschaft nötig.

Zurückweichen dürften die Christen nicht, ob aus Jerusalem, Damaskus oder aus Mossul. „Die Christen sind Teil der arabischen Kultur, sie ist auf uns angewiesen“, schloss Gregorios III. seinen Vortrag.Die Christuskirche war an diesem Tag von früh bis spät voll besetzt. Professoren oder Patriarchen waren in der Minderheit. Die meisten Plätze füllten aramäische Familien und Studenten, die inzwischen in Deutschland leben. Nach Angaben der Stiftung für aramäische Studien „Nisibin“ leben inzwischen mehr als 100 000 aramäische Christen in der Bundesrepublik. Tendenz stark steigend.

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