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Politik Bern: Besuch in der WG der Religionen

In Bern leben seit mehr als einem Jahr verschiedene Glaubensgemeinschaften in einem Raum

In einer Wohngemeinschaft hat jeder sein Zimmer, gemeinsam nutzen die Bewohner Küche und Bad. In Bern sind seit einem knappen Jahr nicht Studenten oder Auszubildende zusammengezogen, sondern Religionen. Fünf Glaubensgemeinschaften sind im „Haus der Religionen“ unter einem Dach versammelt. Es gibt einen Hindutempel, einen christlichen Gottesdienstraum, eine islamische Moschee, einen buddhistischen Meditationsraum und eine Dergâh, eine Art alevitischer Klosterschule. Dazu kommt das Restaurant, betrieben vom hinduistischen Hauptpriester der Gemeinde. Und einen Ort für den Dialog: der Arbeitsplatz von David Leutwyler.

Der 36-Jährige ist der Geschäftsführer. Er studierte „Religious Studies“ an der Uni Bern, war einer der ersten beiden Absolventen. Leutwyler schaut ein wenig müde drein, die letzten zwei Jahre seien anstrengend gewesen, sagt er. In dieser Zeit hat sich das Haus „Stein auf Stein“ zu einem wirklichen Gebäude gewandelt. Die Idee aber, so etwas zu schaffen, gab es schon seit 17 Jahren. Das höre sich nach einer langen Zeit an. Aber es brauchte das Grundvertrauen aller Beteiligten, sagt er.

Auslöser war eine Studie, die sich mit den Mitgliedern von zugewanderten Religionsgruppen beschäftigte. Wolle man diese besser in die Gesellschaft integrieren, werde ein Ort für sie benötigt – etwas Repräsentativeres als die bisherigen Hinterhöfe, hieß es in dem Papier. Die Idee war geboren. Vorangetrieben wurde sie auch von der Herrnhuter Brüdergemeinde und ihrem Pfarrer Hartmut Haas, der aus Königsfeld im Schwarzwald stammt. Auch die katholische Kirche sei von Anfang an hinter dem Projekt gestanden, sagt Pastoralreferent Toni Hodel, der Beauftragte der Berner Kirche für das Haus.

Der Dialog der Religionen und Kulturen ist ein „Dialog des Alltags“, sagen sie in Bern. Es sind Kompromisse nötig, wie in einer WG auch: Dort kann nicht jeder in voller Lautstärke Musik hören oder das dreckige Geschirr stehen lassen. Auch im Haus der Religionen mussten sich beispielsweise die Hindus mit den Muslimen einigen, wie laut die Gottesdienste sein dürften – normalerweise sind hinduistische Feiern stark mit Geräusch verbunden, was nicht jedermanns Sache ist.

Die Vielfalt von Kulturen und Religionen sei aber ein Schatz der Menschheit, den es zu behüten gelte, sagt David Leutwyler. Ob dieser Schatz nicht auch überfordern kann? „Nein“, sagt er. Aber es brauche Orte der Begegnung. Diese helfen dabei, seine eigenen Traditionen wieder zu entdecken. Das erfahre er, der reformierte Christ, an sich selbst am besten. „Man sieht das Fremde und lernt das Eigene schätzen“.

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