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Politik „Wir konnten fühlen, wie die Erde bebte“

Heftige Gefechte im Kurdengebiet bedrohen die kleine Minderheit der Christen. So auch in der südostanatolischen Stadt Diyarbakir

Mit einer weißen Fahne hat sich der letzte christliche Geistliche im südostanatolischen Diyarbakir vor den Kämpfen zwischen türkischen Sicherheitskräften und kurdischen PKK-Rebellen in Sicherheit bringen müssen. Die aus dem 6. Jahrhundert stammende Marienkirche in der Altstadt von Diyarbakir droht nun bei den heftigen Gefechten beschädigt oder zerstört zu werden. „Wir wollen endlich Frieden“, sagte der aramäische Pfarrer Yusuf Akbulut, nachdem er mit seiner Frau die Kirche verlassen musste. „Es reicht.“ Doch viel Hoffnung auf Frieden gibt es nicht.

In Sur, einem Stadtbezirk von Diyarbakir, liefern sich türkische Sicherheitskräfte und PKK-Rebellen seit Wochen heftige Gefechte mitten in dicht bewohnten Straßen und Gassen. Rund 20 000 Menschen sollen bereits aus dem Viertel geflohen sein; viele Häuser und auch Moscheen wurden zerstört. Bei den Zusammenstößen geht es wie bei ähnlichen Auseinandersetzungen in anderen Städten des türkischen Kurdengebietes um einen Machtkampf zwischen der Staatsgewalt und der PKK. Nach Angaben der legalen Kurdenpartei HDP sind bisher rund 200 Zivilisten ums Leben gekommen.

Die wenigen in Diyarbakir verbliebenen aramäischen Christen flohen. Pfarrer Akbulut und seine Frau schickten ihre Kinder in Sicherheit, blieben selbst aber zunächst in der Kirche, weil sie die Entweihung und Zerstörung des Gotteshauses befürchteten. Er habe nicht gehen wollen, sagte Akbulut dem türkischen Fernsehsender IMC. Doch die mit schweren Waffen ausgetragenen Kämpfe kamen immer näher: „Wir konnten fühlen, wie die Erde bebte.“ Als die Lage lebensgefährlich wurde, zog das Ehepaar schließlich mit einer weißen Fahne aus der Kirche. In den Straßen der Umgebung biete sich ein Anblick wie aus einem Kriegsgebiet, sagte der Pfarrer. Jetzt wohnen die Akbuluts in einem Hotel.

Der Abzug des Priesters aus der leeren Kirche war eine weitere Wegmarke beim Niedergang der christlichen Gemeinde in Südostanatolien. Vor 100 Jahren lebten noch hunderttausende armenische und aramäische Christen in Städten und Landschaften der Gegend. Der Völkermord von 1915, bei dem neben Armeniern auch viele Mitglieder des uralten Volkes der Aramäer ums Leben kamen, sowie Vertreibung und Emigration in den anschließenden Jahrzehnten löschten zahlreiche christliche Gemeinden aus.

Die Aramäer, die bis heute die Sprache Jesu Christi sprechen und auch Assyrer genannt werden, wanderten vor allem nach Deutschland, Schweden und die Schweiz aus. Erst in den vergangenen Jahren kam im Zuge des türkisch-kurdischen Friedensprozesses eine zaghafte Rückkehrbewegung der Aramäer in Gang, doch die neuen Kämpfe haben den Trend gestoppt.

Vertreter der Aramäer in Europa riefen den Westen deshalb zur Hilfe auf. Bundesregierung, EU und Nato müssten die Türkei auffordern, „den Bürgerkrieg gegen unschuldige Zivilisten(…) und die Vertreibung seiner letzten verblieben aramäischen Christen zu beenden“.

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