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22.09.2012  |  von  |  0 Kommentare

Panorama Volksmusik: Ein bisschen Unfrieden

Im Fernsehen ist die Volksmusik auf dem Rückzug, auf den Festzeltbühnen aber ein Publikumsmagnet. Die Branche hofft auf neue Absatzchancen in China. Deswegen gibt es auch „Ein Prosit der Gemütlichkeit“ in einer chinesischen Version



Es dudelt das Saxofon, es jauchzt die Trompete, die Gitarre macht schrumm schrumm. Beim „Musikantenstadl“ in Fribourg herrscht Ekstase. Rote Backen und glänzende Nasen dicht gedrängt auf den Bierbänken vor der Bühne. Die Fans schunkeln und klatschen im Viervierteltakt: „Immer, immer noch, können wir beide uns blind versteh'n – unsere Wege gemeinsam geh'n!“, trällert Norbert Rier (52), der Sänger der „Kastelruther Spatzen“, ins Mikrofon. Die Fernsehkamera zoomt sein Gesicht in den Fokus. Jetzt können ihn alle ganz genau sehen. Die Fältchen um die Augen, die man nur bekommt, wenn man sein ganzes Leben lang gelächelt hat.

Schnitt. Eine andere Kameraeinstellung. Auf der Bühne wiegen sich die „Kastelruther Spatzen“ in Filz und Leder im Gleichtakt. Dann schwenkt die Kamera weg von der Band hinein in die Zuschauer. Die sehen aus wie tausende kleine Puppen in roten, blauen und grünen Gewändern.

An den Fernsehschirmen schunkeln bei diesem „Musikantenstadl“ vier Millionen Zuschauer mit. Nicht zu irgendeiner Musik, sondern zu volkstümlicher Musik, auch Schlager genannt. Musik, die beschuldigt wird, das Volk zu verblöden und nichts zu können, außer ein bisschen gute Laune zu verbreiten. Musik, die zum Niedergang verdammt ist - laut Studien. Umfragen und Programmdirektoren sagen: Volksmusik rentiert sich nicht mehr. Das ZDF setzte 2010 seine letzte Schlagersendung, den „Grand Prix der Volksmusik“, nach 25 Jahren ab. Zu alt seien die Zuschauer. Kein Musi und Schmusi mehr im ZDF.

Anders in der ARD: Hier sind vor allem die dritten Programme voll dabei. Fröhlich, zünftig, ein Millionengeschäft – so präsentiert sich hier die volkstümliche Musikbranche. Noch. Nach dem „Grand Prix der Volksmusik“ könnte nun auch der „Musikantenstadl“ abgesetzt werden. Stirbt die Volksmusik aus?

Vielleicht muss man zuerst erklären, was der Unterschied ist zwischen Volksmusik und volkstümlicher Musik. Vereinfacht gesagt: Ein Florian Silbereisen oder ein Stefan Mross sind Stars der volkstümlichen Musik. Die echten Volksmusikanten spielen zu Hause in urigen Stuben und zupfen auf der Zither. Beliebter beim Massenpublikum sind die volkstümlichen Schlagerstars.

Helmut W. Brossmann (51) ist seit mehr als 25 Jahren Manager der „Kastelruther Spatzen“. Er lebt in einem beschaulichen Landhaus bei Regensburg. Mit einem Grinsen im Gesicht setzt er sich in Pulli und Jeans an den Küchentisch. Der Blick durch das Fenster wirkt wie gemalt: saftige Wiesen unter blauem Himmel. „Lilli“, säuselt Brossmann hinaus ins Freie. Stille. Dann raschelt es. Und ein Reh steht in der Tür. Behutsam streichelt Brossmann über Lillis Kopf.

Helmut W. Brossmann ist ein bunter Hund. Als er sich Mitte der 80er-Jahre entscheidet, die „Kastelruther Spatzen“ zu managen, wird der deutsche Schlager gerade von der englischsprachigen Musik verdrängt. „Das war damals eine Krise. Die Leute fanden nur noch das gut, was auf Englisch gesungen wurde“, erzählt Brossmann. Volksmusik war todgeweiht. Brossmann, dem Schlagermusik schon immer eine Herzensangelegenheit war, beschließt, sich breiter aufzustellen. Er handelt mit Lizenzen und vermarktet Fernsehsendungen wie „Dahoam ist Dahoam“. 1986 passiert das Unglaubliche. Mit dem ersten „Grand Prix der Volksmusik“ verschmilzt die damalige volkstümliche Musik mit dem deutschen Schlager. Eine Entwicklung, die den „Kastelruther Spatzen“ eine ertragreiche Erfolgsspur beschaffen sollte. Der Erfolg scheint ungebrochen – und das, obwohl der volkstümliche Musikmarkt im Bereich CD und TV kräftig schrumpft. „Mit 15 Millionen verkauften Tonträgern hat sich der CD-Markt auf ein Drittel von dem von vor zehn Jahren reduziert“, seufzt Brossmann. Dafür steige aber die Zahl der Konzerte, die meistens ausverkauft sind. „Eine bestimmte Zielgruppe lässt es sich eben nicht nehmen, diese Musik zu zelebrieren“, sagt Brossmann. Das ist ein Grund für den Erfolg der „Spatzen“.

Ein anderer ist so simpel, dass er einem ins Gesicht springt: Mit Texten, die in dreieinhalb Minuten eine herzzerreißende Geschichte erzählen, bringen die „Kastelruther Spatzen“ ihre Fans zum Lachen, Weinen oder Tanzen. Die Musiker wissen, was sie ihrem Publikum schulden: Geborgenheit und Schutz in einer schnelllebigen Zeit.

Doch schaffen es die „Kastelruther Spatzen“ mit ihren Heile-Welt-Geschichten auch eine neue, weitaus jüngere Generation zu überzeugen? „Ach, geh' weiter“, Brossmann winkt ab. Warum auch? Das habe die volkstümliche Musik noch nie getan. Nach dem Zweiten Weltkrieg sehnt sich die traumatisierte Nation nach heiler Welt. Allein die „Original Oberkrainer“ verkaufen mehr Platten als die „Rolling Stones“. Profitiert hat vom Musi-Boom vor allem ein Mann: Musikproduzent Hans Rudolf Beierlein. 1986 inszeniert er mit den Sendern ZDF, ORF und SRG den ersten länderübergreifenden „Grand Prix der Volksmusik“ – ein Quotenbringer. Vor allem in der ehemaligen DDR verspricht sich Beierlein ein großes Fan-Potenzial. Er sollte recht behalten.

Die goldenen Schallplatten an der weißenWand blitzen um die Wette. Hier riecht die Luft nach Erfolg. Man steigt die Marmortreppe bedächtig nach oben, dort, wo ein Mann sitzt, dessen Ruf ebenso zerstörerisch wie vielversprechend ist. Böse Zungen nennen ihn den „Schunkel-Baron“, Bewunderer den „Erfinder der deutschen Volksmusik“. Hans Rudolf Beierleins Büro liegt im Münchner Stadtteil Schwabing. Neben dem gewaltigen Schreibtisch steht der Hometrainer. Kaum zu glauben, dass hier jemals ein Schweißtropfen den edlen Teppich berührt hat. Gelassen sitzt der „Vater der Volksmusik“ im braunen Ledersofa. 1959 gründet der heute 83-Jährige den Montana Musik Verlag. Seitdem zählt er Künstler wie Udo Jürgens, Florian Silbereisen oder Stefanie Hertel zu seinen Schützlingen. Er gilt als Erfinder der Kochsendungen und brachte die Volksmusik in das privat-kommerzielle Fernsehen. Und es kommt noch toller. Beierlein hat einen neuen Markt für die Volksmusik entdeckt: China. Beim letzten „Grand Prix der Volksmusik“ saßen in China rund 800 Millionen Zuschauer vor dem Fernseher. Beierlein springt auf und dirigiert die Luft. „Ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit“, trällert er das berühmteste Volkslied der Welt.

150 000 Chinesen besuchen im Laufe eines Jahres die bayerische Landeshauptstadt München. Die meisten von ihnen gehen ins Hofbräuhaus. Oder sie bestellen sich auf dem Oktoberfest eine Schweinshaxe und hören nebenbei „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ von DJ Ötzi. Vielleicht hat sich der ein oder andere Chinese schon einmal gefragt: Schön hier, aber von was singen die eigentlich? Genau an diese Chinesen hat Beierlein gedacht, als er Guangya Su aufsuchte, der ein Lied, sein Lied, singen sollte. Beierlein schlendert zum Telefon: „Kerstin, bring uns doch bitte mal die Aufnahme vom Prosit der Gemütlichkeit.“ Fünf Minuten später erfüllt eine kreischende E-Gitarre die Montana-Villa. Der Bass bringt die Trophäen über dem Kaminsims zum Zittern. Darüber tönt eine Stimme: „Ganyi bei, ganyi bei, tongtongkuaikuai!“ Zu Deutsch: Ein Prosit der Gemütlichkeit. Nach drei Minuten stoppt Beierlein die Gute-Laune-Fanfare und ruft: „Ist das nicht toll?!“ Und es ist klar: Es spielt keine Rolle, ob das Lied befremdlich klingt. Die Zukunft der Volksmusik liegt nicht nur in Deutschland, der Schweiz oder Österreich. Beierlein exportiert Volksmusik nach China und importiert China wieder nach Deutschland.

Unterhaltung ist für Beierlein seine ganz persönliche Heimat und Teil des Lebens. Und: Die wichtigste Unterhaltung ist und bleibt die Musik. Vor allem fröhliche Musik. Volksmusik. Beierlein spreizt die Finger und ruft: „Wer glaubt, dass die Volksmusik je tot sein könnte, der macht einen großen Fehler!“ In den 90ern erlitt die volkstümliche Musikbranche ihre größten Einbrüche. Die PC-Nutzer lernten, CDs zu brennen und sich Musik downzuloaden. Eine Katastrophe für den gesamten Musikmarkt. Zudem distanziert sich auch das Fernsehen zunehmend von der Volksmusik. Auch die Musikindustrie scheint der Volksmusik den Rücken zu kehren. Der Musikgeschmack der Gesellschaft hat sich verändert. Beierlein definiert Volksmusik als „Musik für das Volk“. Seiner Meinung nach müsse sich die Musik mit der Transformation des Volkes verändern. In seinen Augen sollte es für jedes Alter Volksmusik, Schlagermusik oder Chanson-Musik geben. Daher würde er es auch nicht scheuen, eine Sendung wie „Deutschland sucht den Supervolksmusikanten“ zu produzieren. „Wenn es gut gemacht ist, wird das ein riesiger Erfolg!“ Plötzlich wird sein Gesicht ernst und er beugt sich nach vorne. „Aber bitteschön ohne trallala und hopsasa, sondern mit echter Volksmusik!“

Es dudelt das Saxophon, es jauchzt die Trompete, die Gitarre macht „schrumm, schrumm“. Beim „Musikantenstadl“ herrscht Ekstase. Norbert Rier singt „können wir beide uns blind versteh'n – unsere Wege gemeinsam geh'n“. Ein Blick auf die Zuschauerreihe und es wirkt, als wüsste er, dass er und die nächste Generation nicht gemeinsam gehen werden.

 

Wie „Ein Prosit der Gemütlichkeit“ deutsch-chinesisch klingt:


 

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