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21.12.2012  |  von  |  0 Kommentare

Panorama Das Geschäft mit der Apokalypse

Heute ist Weltuntergang - und mit der Endzeitstimmung lässt sich gutes Geld verdienen. Die Zeitenwende der Maya lässt vielerorts die Kassen klingeln.

Geht sie nun unter oder doch nicht? Egal, woran man glaubt – Tatsache ist, dass sich mit der Endzeitstimmung gutes Geld verdienen lässt.  Bild: le0nmd – Fotolia

Das französische Bugarach soll einer der wenigen Orte sein, die den Weltuntergang überleben.  Bild: dpa

Mexikanische Maya-Stätten wie Chichen Itza erleben einen regelrechten Besucheransturm.  Bild: dpa



Der in Mexiko bekannte Schamane Antonio Vázquez hat eine gute Empfehlung: Am besten, man verlässt am Freitag erst gar nicht das Haus, sagt er. Der Weltuntergang, Sie wissen schon. Auch Ansammlungen von mehr als zehn Menschen sollten vermieden werden, rät Vázquez. Die Katastrophe, meint er, werde aber nicht wegen falscher apokalyptischer Prophezeiungen eintreten, sondern wegen der „kollektiven Psychose“ rund um den 21. Dezember.

Auch der russische Präsident Wladimir Putin gibt sich cool – und schließt aus, dass die Welt heute untergeht. „Ich weiß, wann der Weltuntergang kommt“, sagte Putin bei einer Pressekonferenz: „Es wird in ungefähr 4,5 Milliarden Jahren sein. Soweit ich mich erinnere, hängt es mit dem Funktionssystem unserer Sonne zusammen.“

Und wenn es doch stimmt? Wenn tatsächlich heute Weltuntergang ist? Tja, dann sollte sich Putin schnellstens ins Hinterland von Brasilien begeben, nach Alto Paraíso de Goiás, 230 Kilometer nördlich der Hauptstadt Brasília. Das Nest liegt auf einer mächtigen kristallinen Urgesteinsplatte, die gegen jede Unbill schützt. Das 7000-Bewohner-Städtchen hat schon unbeschadet die Weltuntergänge von 1994 und 2000 überstanden, der von Nostradamaus vorhergesagten Apokalypse also und den Atomkrieg plus Börsenkrach. Von derlei Ängsten lebt das Städtchen Alto Paraíso ganz wohlfeil. Die Grundstückspreise in dem esoterischen Weiler sind schon lange vor dem Weltuntergang explodiert und in dieser Woche ist kein Bett mehr frei.

Die Tourismuschefin Fernanda Ines Montes, 23, hat vorsichtshalber schon mehrere Bündel Kerzen gekauft „weil beim Weltuntergang der Strom ausfällt“ und „wegen der vielen Touristen oder Flüchtlinge, die kommen und unser Netz überlasten – oder eben weil es das Ende ist“.

So ähnlich sieht es auch der deutsche Architekt Alexander Potratz, einer unter den vielen Aussteigern in Alto Paraíso, der seit 1976 den mystischen Namen „Saty“ angenommen hat. Er hat ein mächtiges Fass mit schwarzen Bohnen gefüllt: Zum Überleben oder aber – wenn alles gut, also der Weltuntergang daneben geht – zum Verkauf an die Überlebenden, die dann sicher mächtig Hunger haben werden.

Die Kassen klingeln auch in Regionen, die gar nichts mit den Mayas zu tun haben. Etwa in Mexiko-Stadt, der einstigen Hochburg der Azteken. Dort freut sich der mexikanische Chocolatier José Ramón Castillo über den Erfolg seiner Schokoladentrüffel „Weltuntergang“. Zu zwei Dollar das Stück sind die mit Mango, Chili oder Mezcal-Schnaps gefüllten Leckereien recht teuer, gehen aber trotzdem weg wie warme Semmeln. Immerhin war Kakao bei den Mayas ein begehrtes Zahlungsmittel.

Für Weltuntergangsjünger gibt es aber auch schlechte Nachrichten: Wenn die Apokalypse hereinbricht, dann werden sie auf dem Berg von Bugarach in den südfranzösischen Pyrenäen keine Zuflucht finden. Denn die Behörden haben ihre Ankündigung wahr gemacht und mit der Sperrung des „magischen Berges“ begonnen. Einschlägige Internetseiten versprechen, dass der Berg von Bugarach vom Weltuntergang verschont bleibt.

„Ich richte einen Appell an die ganze Welt: Kommen Sie nicht nach Bugarach“, rief Bürgermeister Jean-Pierre Delord. Der Platz in dem Dörfchen sei begrenzt. Wenn zu viele Menschen kämen, dann „werden sie vor den Toren des Dorfes bleiben und sich auf den Füßen herumtrampeln“. Bürgermeister Delord reagiert einerseits genervt auf all die Anfragen von Medien aus dem In- und Ausland, dann wieder schmeicheln sie ihm. Viele halten ihn sogar für die Quelle des Gerüchts vom Weltuntergangs-Zufluchtsort. „In einem Interview Ende November 2010 war er der Erste, der öffentlich davon gesprochen hat, dass Bugarach der einzige Ort auf der Welt sein solle, der vor der Apokalypse verschont wird“, sagt die Soziologin Véronique Campion-Vincent. Der gewitzte Rathauschef verteidigt sich, er sorge sich lediglich um die Sicherheit.

Nicht viel anders ergeht es dem türkischen Ort Sirince – auch er soll als „einziger“ überleben. Als wäre der Ansturm tausender Normalsterblicher noch nicht genug, verbreitete sich in den vergangenen Tagen auch noch das Gerücht, der Hollywood-Star und Scientology-Anhänger Tom Cruise habe sich in dem Städtchen angesagt, um dem Weltuntergang zu entgehen. Die Nachricht verlieh dem Sirince-Fieber einen zusätzlichen Schub. In türkischen Zeitungen werden inzwischen Besuchermassen von bis zu 60.000 Menschen genannt, die über den Ort hereinbrechen werden – das wäre tatsächlich der Weltuntergang für Sirince. Tom Cruise ließ zwar die Meldungen über seine Flucht nach Sirince bereits dementieren und erklären, er bleibe zu Hause in Los Angeles. Dem Wirbel um Sirince tat dies keinen Abbruch.

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