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Fromm und schick – kein Widerspruch

10.02.2012


In der Türkei hat sich ein Magazin für Kopftuch-Mode zum Verkaufsschlager entwickelt.

– Erschöpft lässt sich die Krankenschwester Hatice in einen Sessel vor der Umkleidekabine fallen, in der ihre Freundin einen sogenannten Pardösü anprobiert – einen jener leichten Mäntel, den fromme und konservative Frauen in der Türkei zum Kopftuch tragen. „Wir sind schon durch alle Geschäfte gezogen, um genau den richtigen zu finden, dies ist mindestens der achte oder neunte Laden,“ jammert Hatice und verdreht die Augen. Allerdings sei sie selbst nicht besser, gibt sie zu: „Ich besitze so viele Kopftücher, dass ich sie nicht mal zählen kann, zu jedem Outfit muss es das passende sein.“ Konsumfreudig, modebewusst und fromm sind die Krankenschwestern – und entsprechen der Zielgruppe der Frauenzeitschrift „Ala“, der ersten türkischen Modezeitschrift für Kopftuchträgerinnen.

„Unsere typischen Leserinnen sind 18 bis 35 Jahre alt und verschleiert“, sagt Chefredakteurin Esra Sezis, die mit ihren Mitte zwanzig und dem elegant geschlungenen Kopftuch in ihre eigene Zielgruppe passt. Tesettür heißt dieser Look in der Türkei – das bedeutet soviel wie sittsam oder züchtig und meint Kleidung, die vom Scheitel bis zur Sohle alles bedeckt außer das Gesicht; das Kopftuch gehört unverzichtbar dazu. Das heiße aber nicht, dass verschleierte Frauen sich langweilig oder schlecht anziehen müssten, findet Sezis.

Auf den knapp 200 Hochglanzseiten der Zeitschrift mausert sich der züchtige Look zur Haute Couture. In der Februar-Ausgabe kombiniert „Ala“ zum Bespiel eine Jacke von Ralph Lauren, einen Rock von Yamamoto und Stiletto-Absätze von Sergio Rossi mit Kopftüchern von Salvatore Ferragamo und Vivienne Westwood. Die Outfits werden von perfekt geschminkten Models vor trendigen Kulissen in Szene gesetzt, in der aktuellen Ausgabe etwa im Istanbuler Bohème-Viertel Ortaköy.

Das Konzept hat „Ala“, deren Name osmanisch ist und so viel wie erhabene Schönheit bedeutet, aus dem Stand zur erfolgreichsten türkischen Frauenzeitschrift gemacht. „Auf so eine Zeitschrift habe ich schon lange sehnsüchtig gewartet,“ twitterte Leserin Büsra Üzümcü. „,Ala' ist anders als die Konkurrenz, ,Ala' ist besonders.“ Die Redaktion werde täglich von hunderten Briefen und E-Mails dankbarer Leserinnen überhäuft, sagt Chefredakteurin Sezis.

Rund 200 Frauentitel erscheinen in der Türkei, darunter auch türkische Ausgaben westlicher Modezeitschriften wie „Vogue“ und „Harper's Bazaar. Spitzenreiterin in diesem Segment war lange „Elle“, die es auf eine verkaufte Auflage von um die 25 000 bringt. Doch „Ala“, deren erste Ausgabe im Sommer 2011 auf den Markt kam, überholte schon im Herbst die Konkurrenz und verkauft derzeit 40 00 Hefte pro Ausgabe – und es werden immer mehr.

Zwei von drei Türkinnen tragen das Kopftuch, wie Studien belegen – und diese Zahlen sind schon seit Jahrzehnten unverändert. „Vor diesem Hintergrund ist es schon ziemlich ironisch, dass, bis wir kamen, ausnahmslos alle Frauenzeitschriften in diesem Land aussahen, als würden sie in Schweden erscheinen“, sagt Mehmet Volkan Atay, Gründer und Herausgeber von „Ala“.

Auf die Zahl der tatsächlichen Leserinnen lässt die Facebook-Seite des Magazins schließen, die mehr als 110 000 Anhänger hat. Der Anzeigenverkauf läuft entsprechend, wie Atay bestätigt. „Am Anfang waren die Anzeigenkunden etwas zurückhaltend und abwartend, aber inzwischen verlangen wir höhere Preise als alle anderen Magazine – und bekommen sie problemlos.“

Kein Wunder, denn die Kundschaft hat Kaufkraft. Das anatolische Bürgertum, das mit dem Wirtschafts-Boom im vergangenen Jahrzehnt zum Wohlstand gekommen ist, kann sich etwas leisten. Tauchten Frauen in Kopftüchern vor zehn Jahren höchstens als Reinigungskräfte in den luxuriösen Einkaufszentren von Istanbul auf, so sind dort heute mehr Designer-Kopftücher zu sehen als unbedecktes Haar.

Entscheidender für den Erfolg von „Ala“ sei freilich das politische Klima unter der Regierung von Ministerpräsident Erdogan, meint Herausgeber Atay. „Geld hatten die fromm-konservativen Kreise schon länger, nur wurden sie früher gesellschaftlich ausgegrenzt und hielten sich deshalb im Hintergrund.“ Unter Erdogan, dessen Frau Emine das beste Aushängeschild für keuschen Kopftuch-Schick ist, habe sich das geändert. Das neue Klima bedeute für seine Zielgruppe, „dass man sich endlich zeigen kann, dass man sich darstellen kann“, sagt Atay. Kritik aus der islamischen Ecke hat nicht lange auf sich warten lassen: „Ala“ kopiere westliche Dekadenz, heißt es. Die Redaktion nimmt solche Kritik gelassen. Viele Frauen fühlten sich durch „Ala“ erst ermutigt, sich zu verschleiern, sagt Ezra Sezis.

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