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Fernsehen "Die Essensretter" in der ARD: Eine sehenswerte Reportage zu später Stunde

Man kann der ARD häufig vorwerfen, mit den Gebührengeldern ihrer Zuschauer nicht sorgsam umzugehen. Die Reportage "Essensretter" am späten Montagabend ist da eine rühmliche Ausnahme. Eine TV-Kritik von Online-Chef Martin Jungfer.

In Großbritannien macht die Regierung mobil gegen die Verschwendung von Lebensmitteln, in Dänemark haben Supermärkte von Stückpreis auf Kilopreis umgestellt, in den Niederlanden überlegen Lebensmittel-Händler, aus nicht verkauftem Gemüse Essen zu kochen. Das sind die guten Nachrichten, die die ARD-Reportage "Die Essensretter" am Montagabend in die deutschen Wohnzimmer sendete. Die schlechte: Die deutsche Landwirtschafts- und Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) sieht ihre Arbeit durch Appelle und Runde Tische als ausreichend getan.

Wie die Macher der ARD-Reportage Deutschlands nicht vorhandene Anstrengungen gegen irre Lebensmittel-Verschwendung schlicht durch den Vergleich mit anderen Ländern enttarnt - das ist einer der großen Momente der Sendung. Hierzulande müssen private Initativen um Spenden werben, damit sie einen Laden für nicht normgerechtes Gemüse eröffnen können. In Großbritannien wird es zum nationalen Ziel erklärt, dass deutlich weniger Gemüse, Obst, Brot und Fleisch in den Mülltonnen landen.

Würden wir unförmige Kartoffeln kaufen?

Valentin Thurn gelingt mit "Die Essensretter" ein spannender Blick über den deutschen Tellerrand hinaus. Seine Recherchen sollten uns zum Nachdenken bringen. Kaufen wir im Supermarkt wirklich nur das Nötigste ein? Oder lassen wir uns nicht auch von Mega-Großpackungen im Sonderangebot verführen, von denen wir dann die Hälfte doch in die Mülltonne werfen? Würden wir im Supermarkt auch zu Möhren greifen, die eine schräge Seitenwurzel haben oder zu Kartoffeln, denen man die Herkunft aus der Natur ansieht?

Und doch bleibt am Ende der ARD-Reportage "Die Essensretter" auch die Frage an unsere Politik: Will man nicht mehr tun? Oder kann man nicht mehr tun, weil man im Würgegriff von Lobbyisten ist, die die Konsumenten unter anderem durch das irreführende Mindesthaltbarkeitsdatum dazu verleiten, noch Essbares in den Müll zu werfen und Neues zu kaufen? Ein guter Fernsehabend schafft genau das: Er öffnet den gedanklichen Horizont, rüttelt im besten Fall auf und deckt auf - in diesem Fall offensichtliche Untätigkeit der Politik.

Ministerium verweist auf Initiative "Zu gut für die Tonne"

Auf die ARD-Reportage hat am Dienstag auch das Bundeslandwirtschaftsministerium reagiert und hat dazu auf eine aktuelle Pressemitteilung verwiesen. Ein Jahr nach dem Start ihrer Initiative "Zu gut für die Tonne" zieht Ministerin Aigner darin eine "positive Bilanz". Verwiesen wird außerdem auf das Ziel, die Abfallmenge aus Lebensmitteln bis zum Jahr 2020 zu halbieren. Unter anderem seien deshalb vier Millionen Flyer und Informationskarten in deutschen Supermärkten verteilt worden. Eine eigens entwickelte App sei 350.000-mal heruntergeladen worden (Link zum Download für Android und iOS). Konkrete Zahlen zur Lebensmittelvermeidung enthält die Pressemitteilung jedoch nicht.

Wer die Reportage verpasst hat, kann "Die Essensretter" in den nächsten sieben Tagen in der ARD-Mediathek noch einmal sehen: klicken Sie hier!

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