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Dresden/Berlin Das große Zählen: Deutschlands Zoos machen Inventur

Elefant, Tiger und Co lassen sich gut erfassen. Bei Fischen oder Insekten sieht das schon anders aus. Auch wenn nicht jede Flosse gezählt werden kann, ist man bei der Inventur um exakte Angaben bemüht.

Wer nach den Feiertagen 236 Kilogramm auf die Waage bringt, sollte sich eigentlich Gedanken über eine Diät machen. Ganz anders ist das bei Wahida. Die junge Trampeltierstute kam im Mai 2016 im Dresdner Zoo zur Welt und wog damals etwa 60 Kilo. Seither hat sie kräftig zugelegt. Pfleger Sylvio Kunadt und Revierleiter Thomas Sickert sind zufrieden. „Wahida ist eine ganz Liebe, ganz wie ihre Mutter Madhuri“, sagt Sickert. Den etwa 200 Meter langen Weg vom Gehege zur Waage kennt die Stute inzwischen gut. Jungtiere müssen mehr als einmal im Jahr auf die Waage. Für Wahida ist sogar eine kleine Mutprobe dabei. Wenn das junge Tier am Gehege der Geparden vorbei läuft, wandern ihre Augen immer wieder zu den Raubkatzen.

Am Tag der Jahresinventur im Dresdner Zoo lauern ganz andere Unwägbarkeiten. Über Nacht hat es kräftig geschneit, die Wege im Zoo sind mit Split gestreut. Für Wahida ist der Untergrund ungewohnt, genauso wie die vielen Kameras am Wegesrand. Die meisten Zoologischen Gärten in Deutschland machen aus ihrer Inventur einen Medientermin. Dass die Zählung der Tiere am Jahresbeginn erfolgt, ist kein Zufall. Wenn kein Laub mehr auf den Bäumen ist, sind manche Zoobewohner viel besser zu sehen. Andere schlummern in ihren Winterbehausungen und werden auf diese Weise leichter zählbar. „Natürlich wissen wir über unsere Bestände das ganze Jahr Bescheid“, sagt der Zoologische Leiter Wolfgang Ludwig. Manche Arten zähle man aber nur zu Jahresbeginn.

Ähnlich wie in Dresden ging es in den vergangenen Tagen auch in Duisburg, Bremerhaven oder bei Hagenbecks in Hamburg zu. Die Inventur ist nicht an einem Tag zu schaffen. Einheitliche Standards gibt es nicht. Vielerorts wird nicht nur gezählt, sondern auch gewogen und gemessen. Die Pfleger achten darauf, dass die Tiere keinen Stress bekommen.

Matthias Hendel, Kurator im Dresdner Zoo, kann sich nicht erinnern, dass schon einmal ein Tier während der Inventur ausbüxte oder Schaden nahm. „Die Tiere zur Waage zu führen, bringt auch einen gewissen Trainingseffekt. Wenn wir sie später an andere Zoos abgeben und für den Transport vorbereiten, sind sie schon besser daran gewöhnt.“

Nicht alle Tiere lassen sich so gut zählen wie Elefant, Tiger und Co. Vor allem die Zahl der Fische oder viele Insekten lässt sich nur schwer erfassen. Gelegentlich müssen Tiere auch ausgetrickst werden. Am besten gelingt das mit Futter. „Da werden schon ein paar Heuschrecken in die Hand genommen, um die Tiere hervorzulocken und besser zählen zu können“, schildert Julia Kögler vom Verband Zoologischer Gärten (VdZ) mit Sitz in Berlin. Der 1887 gegründete Verband ist die älteste Zoo-Organisation weltweit und hat 70 Mitgliederzoos. Auch bei den Erdmännchen werde gern mit Futtertricks gearbeitet: „Sonst weiß man ja nie, wer gerade unter der Erde ist“, sagt die stellvertretende Geschäftsführerin des Verbandes.

Die Inventur ist nicht nur als „betriebsinterne Kontrolle“ von Interesse. Die Zahlen finden Eingang in den Jahresbericht der Zoos, den auch andere Zoologische Gärten in Deutschland erhalten. Auf diese Weise weiß man in Dortmund, wie es den Koalas in Dresden geht. Der Zoo Duisburg nimmt beispielsweise an einem Aufzuchtprogramm für Ringelnattern teil. Aufgepäppelte Jungtiere sollen in ausgewählten Naturschutzgebieten im Ruhrgebiet wieder ausgewildert werden, so wie es mit der Würfelnatter in den 1990er Jahren in der Elbe bei Meißen geschah. Solche Erfahrungen sind auch andernorts gefragt.

Julia Kögler bezeichnet die Ergebnisse der Inventuren als wichtige „Kenngröße der Branche“. Zu größere Überraschungen komme es in der Regel nicht, weil der Tierbestand ohnehin in einem elektronischen System erfasst sei. „Die Zählung bedeutet keinen Stress für die Tiere. Das ist kein invasiver Eingriff, denn meistens wird von außen gezählt“, sagt die Expertin.

Um die Zukunft der Mitgliederzoos des Verbandes ist ihr nicht bange: „Wir sind nach wie vor die meistbesuchte Freizeiteinrichtung in Deutschland und haben sogar mehr Besucher als die Bundesliga. Daran wird sich wohl auch so schnell nichts ändern.“

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